Stadtentwicklung

Pankower Schule baut neue Busschleife für 1,5 Millionen Euro

Die „Schule Eins“ darf ihren Neubau auf einem Parkplatz errichten – wenn sie auf eigene Kosten den Verkehr neu ordnet.

Platz für Klassenzimmer und Busse: Assol (l.) und Carmen Urrutia (r.) besichtigen mit Daniela Kluckert das Baugrundstück an der Hadlichstraße in Pankow.

Platz für Klassenzimmer und Busse: Assol (l.) und Carmen Urrutia (r.) besichtigen mit Daniela Kluckert das Baugrundstück an der Hadlichstraße in Pankow.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Sinn und Zweck einer Schule ist es, Kinder zu unterrichten. Aber auf einem tristen Parkplatz an der Hadlichstraße in Pankow lässt sich in den nächsten Monaten etwas Ungewöhnliches beobachten. Hier wird sich zeigen, wie eine Bildungseinrichtung über ihre pädagogische Rolle hinauswächst – und als Baumeisterin für eine Drehscheibe des öffentlichen Personennahverkehrs in Erscheinung tritt. Denn auf dem rissigen Betongrund vor der örtlichen Polizeiwache entsteht nicht nur der lange erwartete Erweiterungsbau der „Schule Eins“, sondern auch eine neue Buswendeschleife. Und nicht etwa in Regie der BVG, sondern in alleiniger Zuständigkeit und auf Rechnung des Schulträgers „Pankower Früchtchen“. Kostenpunkt laut eigenen Angaben: 1,5 Millionen Euro.

Pankower Früchtchen: Erst soll der Schulneubau entstehen, dann die Wendeschleife

Die Geldbeschaffung für diesen besonderen Rechnungsposten ist ein Akt für sich. Nur mit Mühe wird das Bus-Projekt zusätzlich zum Schulneubau über Kredite zu bezahlen sein. „An anderer Stelle werden wir wohl sparen müssen. Das Projekt bringt uns an die Grenzen“, sagt Carmen Urrutia, die Leiterin der privaten Gemeinschaftsschule. Trotzdem will weder sie noch ihre Tochter Assol, beim Träger zuständig Liegenschaften und Finanzen, ins Jammern verfallen. Am Bauzaun erscheinen die Bauherrinnen mit fröhlichen Gesichtern. Ihre Lesart der Geschichte: Am Anfang zahlt die Schule für Berlins Verkehrsinfrastruktur, aber am Ende gewinnen die Kinder.

Vier Geschosse für Pankows Schüler – und ein Pausenstand für Busfahrer

Wenn die Urrutias im kommenden Januar Grundsteinlegung feiern, löst sich für die Einrichtung, die rund 600 Schüler im früheren Tabakspeicher der Garbaty-Zigarettenfabrik und in Räumen des Jüdischen Waisenhauses auf das Leben vorbereitet, ein baupolitisches Dilemma. Alle Platzreserven des Speichers sind restlos ausgenutzt – bis hin zur Turnhalle im Dachstuhl. Als Lösung für die Not kam nur eine Erweiterungsfläche in Betracht: der benachbarte Parkplatz, auf dem heute schon BVG-Gelenkbusse ihre Kreise ziehen. Pausenstände und Bussteige gibt es noch nicht. Die Ausgestaltung der provisorischen Wendeschleife wird Aufgabe der Schule, die im Gegenzug 3000 Quadratmeter der Betonpiste mit einem neuen Viergeschosser überbaut.

Bezirksamt Pankow und Schule verhandelten schon früher

„Der Verhandlungsspielraum war ausgeschöpft. Und wir wären mit dem Schulneubau auf dem Parkplatz nicht weitergekommen“, berichtet Assol Urrutia zu den Verhandlungen mit dem Bezirksamt Pankow um die fragliche Fläche. Aber in dem Moment, als der Schulträger die Erschwernis mit der Busschleife akzeptierte, war der Fahrplan zum Bau des Erweiterungsgebäudes klar. Durch einen Erbbaupachtvertrag übernimmt die Schule einen Großteil der Parkplatzfläche, gleich daneben entsteht die endgültige Kehre für die BVG.

In der Abteilung des Stadtrats Vollrad Kuhn (Grüne), dem Verantwortlichen für Stadtentwicklung im stark wachsenden Bezirk, sieht man darin eine einwandfreie, faire Regelung. „Die Finanzierung des Neubaus der Bus- Endhaltestelle mit Wendeschleife erfolgt über die Vorhabenträgerin und wird über einen Einziehungsvertrag zwischen der Vorhabenträgerin und dem Bezirksamt Pankow gesichert. Entsprechende Sicherheitsleistungen in Form von Vertragserfüllungsbürgschaften wurden vertraglich geregelt und von der Vorhabenträgerin vorgelegt“, beschreibt Kuhns Sprecherin das Prozedere aus Verwaltungssicht. Laut Bezirksamt wird der Fokus zunächst auf dem Erweiterungsgebäude liegen. Die Wendeschleife muss sein – aber zuerst entsteht die Schule.

Verhandlungen zwischen dem Pankower Bildungsträger und dem Bezirk haben schon beinahe Tradition. Noch unter dem früheren Stadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) diskutierten die Planer mit der Schulleitung darüber, wie sich die gefährliche Querung der Hadlichstraße entschärfen lässt. Schließlich war man hier mit dem Einzug des Lernorts im Jahr 2010 Nachbar der BVG. Aber erst seitdem ein Zebrastreifen vor dem Schulgebäude markiert wurde, haben Kinder gegenüber den einfahrenden Bussen Vorrang.

Schulhof entsteht auf dem Dach der Turnhalle

Assol Urrutia betont, dass die Bewilligung für die Errichtung des Erweiterungsgebäudes noch wesentlich länger und komplizierter hätte ausfallen können. Auch wenn das Projekt fast fünf Jahre Vorlauf brauchte, habe das Bezirksamt immerhin auf ein zeitaufwendiges Bebauungsplanverfahren verzichtet. Der Schulneubau selbst fällt mit einer platzsparenden Bauweise auf. Laut Leiterin Carmen Urrutia hält er für die Kinder vor allem Fachräume für Chemie, Physik und Werkstätten bereit. Dazu gibt es eine Cafeteria, einen Hörsaal und eine Turnhalle mit Pausenhof auf dem Dach.

Alle Beteiligten sehen damit eine sinnvolle Lösung zur Belebung der Parkplatzbrache gegeben, die künftig auch durch einen neuen Tunnel Zugang zum neuen Wohnquartier Pankower Tor mit 2000 Wohnungen erlauben wird. Aber sollte man eine Privatschule in Platznot behandeln wie einen Investor? An dieser Betrachtung äußert die FDP-Bundestagsabgeordnete Daniela Kluckert Zweifel. „Das Geld wird der Schule an anderer Stelle fehlen“, sagt sie zur Kostensteigerung durch die Busschleife. Es sei ein Irrglaube, dass private Lernorte mit der Einnahme von Schulgeld ausgesorgt hätten . Die „Schule Eins“ hätte für ihre Erweiterung mehr Entgegenkommen gebraucht, meint die Abgeordnete.

Was der Fall dieses Bauprojekts mit dem Wendeschleifen-Malus zeigt, sind die typischen Wachstumsschmerzen des einwohnerstärksten Bezirks: In Pankow trifft Schulplatzmangel auf Flächenkonflikte und die Tücken der verkehrlichen Erschließung. Aber auf der Betonpiste an der Hadlichstraße findet nun alles seinen Platz: der Gelenkbus ebenso wie Grundschüler vor der Tafel.