Sommer-Challenge

Mit Anfänger-Arabisch unterwegs auf den Straßen Neuköllns

Reporter der Morgenpost stellen sich besonderen Herausforderungen. Diesmal verschlägt es sie in den arabisch geprägten Stadtteil.

Anette Nayhauß übt sich in der arbabischen Sprache in Neukölln

Anette Nayhauß übt sich in der arbabischen Sprache in Neukölln

Foto: Glanze/Berliner Morgenpost

Für den ersten Versuch schicke ich das Kind vor. An der Schule ist eine neue Flüchtlingsklasse eingerichtet worden, ein syrischer Junge hat in der Pause Fußball gespielt. Er könne doch mal "Ahlan wa sahlan" sagen, schlage ich meinem Sohn vor, frei übersetzt so viel wie "herzlich Willkommen". Am nächsten Tag kommt er ratlos nach Hause: Der Neue konnte mit dem Satz überhaupt nichts anfangen.

Hm. Das fängt ja schon mal gut an mit meinen Arabischkenntnissen. Aber ich lasse mich nicht entmutigen. Ich will ja nicht willkommen heißen, sondern willkommen sein, wenn ich nach den ersten Arabisch-Stunden die ersten Wörter und Sätze ausprobiere. Am besten auf der Sonnenallee, an der auf fast jedem Ladenschild neben lateinischen auch arabische Buchstaben stehen.

"Sabah al-chair" – Guten Morgen. Das klappt ja schon mal einwandfrei, die Verkäuferin antwortet so, wie ich es gelernt habe: "Sabah an-nur", Morgen des Lichts. Und jetzt? Der Fotograf und ich stehen in einem Süßwarenladen, vor uns eine Glastheke voll Baklava mit Mandeln und Nüssen. Erst einkaufen? Oder doch erst erklären, warum wir hier sind?

Endlich mal die Arabischkenntnisse aus meinem Volkshochschulkurs anwenden

Eigentlich klang diese Sommer-Challenge ziemlich einfach: Lerne ein paar Sätze in einer neuen Sprache und knüpfe damit Kontakte. Endlich mal die Arabischkenntnisse aus meinem Volkshochschulkurs anwenden. Bisher habe ich mich das nicht getraut – nicht einmal, als ein Teilnehmer aus dem "Deutsch für Geflüchtete"-Kurs im Nebenraum vorschlug, Sprachtandems zwischen unserem und seinem Kurs zu bilden. Es hätte vielleicht geholfen, wenn sein Deutsch nicht ganz so gut gewesen wäre. Wie soll ich ein Sprachtandem mit jemandem bilden, der schon Wörter wie Aufenthaltsgenehmigung beherrscht, wenn ich mir nur einen Kaffee bestellen kann?

Heute hingegen will ich genau diesen einen Satz endlich nutzen. Hier allerdings wird nichts daraus. Die Kaffeemaschine läuft nicht. Also kaufe ich erst einmal Baklava – und merke sofort: Viel Arabisch kann ich noch nicht. Libanesin Fadia, die seit ein paar Wochen hier im Back- und Süßwarenladen Manar arbeitet, hat Mitleid mit mir und wechselt sofort ins Deutsche. Geduldig erklärt sie mir, welche Stücke mit Nüssen und welche mit Mandeln sind, und dass die Schokolade auf dem Verkaufstresen zur Geburt verschenkt und deshalb in Babyfläschchen verpackt ist.

"Shukran gazilan" – vielen Dank. Mit einer Tüte Baklava ziehen wir weiter. In einen kleinen Supermarkt auf der Sonnenallee. Fotografieren? Die Männer im Laden gucken nicht gerade begeistert. Das muss der Chef entscheiden, und der kommt erst am späten Nachmittag wieder. So ganz scheinen sie uns nicht zu glauben, dass wir wirklich nur ein bisschen Arabisch sprechen und dabei ein Foto machen wollen.

Ich wollte einfach nur eine neue Sprache lernen, dass es Arabisch wurde, war eher Zufall

Skeptische Blicke auch ein paar Hundert Meter weiter. Gemüse und Fleisch verkauft der Laden. "Ana uhavil an atakalam ...", "ich versuche zu sprechen ...", setze ich zu meinem Satz an. Der Mann an der Kasse beendet ihn für mich: "Al-Arabiya?", "Arabisch?", fragt er – und ich frage mich, ob ich mir sein amüsiertes Grinsen nur einbilde.

Müsste ich nicht eigentlich schon viel besser sprechen, viel mehr verstehen? Ich wollte einfach nur eine neue Sprache lernen, dass es Arabisch wurde, war eher Zufall. Hätte ich mich für, sagen wir mal Polnisch, entschieden, könnte ich jetzt wahrscheinlich wenigstens über das Wetter reden. Da hätten wir aber auch nicht so viele Unterrichtsstunden mit der arabischen Schrift zubringen müssen. Wie Erstklässler haben wir uns durch die Wörter buchstabiert, und dass es für die Vokale keine eigenen Buchstaben gibt, macht es nicht einfacher.

Zählen klappt ganz gut – allerdings nur bis Acht

Das unterschiedliche Tempo, in dem wir Kursteilnehmer die neuen Laute und Wörter lernen, auch nicht. Die Jüngste in der Gruppe hat gerade Abitur gemacht und will in den nächsten Jahren acht Sprachen lernen – sie ist immer ein, zwei Lektionen weiter als die anderen. Der Anwalt, der meistens eine halbe Stunde zu spät kommt, weil ihm wieder ein Termin dazwischen kam, ist froh, wenn er es geschafft hat, die Hausaufgaben zu erledigen. Und ich schiebe das Vokabeln-üben auch immer bis zuletzt auf.

Ein echtes Gespräch ist deshalb noch lange nicht drin. Also bleibt es beim Gemüsekauf, schon um die Zahlwörter auszuprobieren, die ich seit Tagen vor mich hin murmele. Wahid, ithnaan, thalatha. Neun, tis-aá, kann ich mir einfach nicht merken. Egal. Wer will schon neun Auberginen kaufen?

Als ich nach einem Bund Minze ("na-na") greife, steht plötzlich ein freundlicher älterer Herr neben mir: Die Petersilie sei auch sehr gut, sagt er auf Deutsch. Weil er schon mal da ist, erzähle ich auch ihm, weshalb wir hier unterwegs sind. Er lacht, korrigiert meine falsche Aussprache (das sch beim "shay bi na-na", Pfefferminztee, war viel zu hart) und erklärt mir, wie ich die "al-kusa", Zucchini, am besten zubereite: "bi alruzi", mit Reis. Shukran gazilan. Ich bin erleichtert, dass ich wenigstens ein paar Wörter richtig ausspreche und mich verständlich machen kann. Von echten Gesprächen allerdings kann keine Rede sein – die Begegnungen funktionieren nur, weil alle besser Deutsch sprechen als ich Arabisch.

"Wa bidun sukr" rufe ich der Verkäuferin noch hinterher

Vor meinem Ausflug auf die Sonnenallee hatte ich Bedenken, ob mich überhaupt jemand verstehen wird. Im Kurs lernen wir Hocharabisch, das, so erklärt es unsere Lehrerin, eigentlich nur im Koran vorkommt. Gesprochen wird libanesisches, tunesisches, syrisches Arabisch – Hocharabisch sei der Moschee, den Worten des Propheten Mohammed und der Koranschule vorbehalten. Ein Mitschüler hat von einer befreundeten Arabischschülerin erzählt, die ihren tunesischen Verlobten während seines Heimaturlaubs mehrmals anrief. Meist hatte sie den kleinen Neffen am Telefon. Beim dritten Mal rief der seinen Onkel herbei: "Komm mal! Hier ist wieder die Frau, die so spricht wie der Prophet!"

Kompliziert genug für die Sprache des Propheten klingt die Formulierung, die ich mir zurechtlege, bevor ich zum Abschluss meines Besuchs an der Sonnenallee jetzt in einer Bäckerei einen Kaffee bestelle: "Urid an aschrab al-qahwa bi halib, min fadlik." Die Verben haben im Arabischen keine Infinitivform, hat uns unsere Arabisch-Lehrerin immer wieder erklärt, deshalb könne man nicht einfach sagen: Ich möchte Kaffee trinken. Sondern: Ich möchte, dass ich Kaffee trinke. Mit Milch. Bi halib. "Wa bidun sukr" rufe ich der Verkäuferin noch hinterher, "und ohne Zucker." Und sie, die gerade mit der Kundin vor mir noch sehr engagiert und ausführlich auf Arabisch diskutiert hat? Dreht sich völlig ungerührt um und fragt: "Woll'n Se den hier oder to go?"

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