Berlin-Challenge

Die Leichtigkeit in Berlins Unterwasserwelt

Die Berlin-Challenge: Reporter der Berliner Morgenpost stellen sich besonderen Herausforderungen. Zum ersten Mal tauchen gehen.

Tauchlehrer Martin Jaenicke hilft Morgenpost-Reporterin Annette Kuhn

Tauchlehrer Martin Jaenicke hilft Morgenpost-Reporterin Annette Kuhn

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Schuld sind eigentlich die Berge. Sonst würde ich jetzt nicht hier stehen, am Ufer des Groß Glienicker Sees in Kladow. Und gleich hinein müssen in die Tiefen des Sees. Es war vor einem Jahr am Gipfelkreuz eines 2000ers. Ein Sommertag, wunderbares Panorama über den Südalpen, aber die Kinder interessierte das alles nicht. Sie bauten sich missmutig vor mir auf und verkündeten: "Das war jetzt echt der letzte Berg, Wandern ist total hobbylos, wir fahren nächstes Jahr an den Strand." Seitdem bastelt die Familie an Kompromissen. Die aktuelle Einigung: eine Woche Berge, aber vorher eine Woche ans Wasser.

Da ich es wiederum hobbylos finde, nur am Strand herumzuliegen, lautet der ultimative Vorschlag des Vaters: Tauchen. Türkisblaues Meer, Korallenriffe, bunte Fische. Darauf können wir uns schließlich alle verständigen. Nur ist das wirklich etwas für mich, so unter Wasser, wo ich am liebsten festen Boden unter mir und frische Luft über mir habe? Ja, und nun stehe ich hier am Groß Glienicker See zum Schnuppertauchen.

Mein Coach Martin erwartet mich schon an der Station der Tauchzentrale Berlin. Ihren Sitz hat sie eigentlich in Kreuzberg und dort auch ein Indoor-Tauchbecken, aber seit drei Jahren gibt es auch die Station am Groß Glienicker See. Es sind Leute wie ich, die hierherkommen, erklärt Martin. Die einen Tauchkurs im Urlaub machen wollen, Kroatien oder die Seychellen von unter Wasser entdecken wollen. Die aber erst mal einen Testgang machen wollen, bevor sie sich für einen Kursus anmelden. Oder die die Sprachbarriere scheuen, wenn sie im Ausland einen Tauchkursus machen und darum die ersten Gänge unter Wasser erst einmal unter deutschsprachiger Anweisung absolvieren wollen. Oder Leute, die eine Auffrischung brauchen. Oder Pärchen, von denen einer schon den Tauchschein hat und der andere nun überzeugt werden soll.

Ein Tauchkurs beginnt eigentlich erst mal im Becken

Meist empfehlen die Tauchschulen dann für das erste Mal erst einmal im Indoor-Becken anzufangen, weil man sich da mit allen Schläuchen und Knöpfen im geschützten Raum vertraut machen kann, erklärt Martin. Darum beginnt ein Tauchkurs auch erst einmal mit ein paar Einheiten im Becken. Aber wer wie ich das Outdoor-Erlebnis sucht, kann beim Schnuppertauchen natürlich auch gleich in den See.

Als erstes unterschreibe ich die obligatorische Gesundheitsbescheinigung, dann packt mich Martin in einen Neoprenanzug. "Damit du dich schon mal dran gewöhnst", sagt er, vielleicht will er aber auch sichergehen, dass ich nicht wieder davonrenne. Kann ich jetzt nämlich nicht mehr, mit der sechs Millimeter dicken Neoprenschicht ist Fliehen unmöglich. Wahrscheinlich fühlt sich so auch eine Mettwurst, wenn sie in die Hülle gepresst wird. Was würden die Leute sagen, wenn ich mit diesem Outfit auf der Straße auftauche? Die halten mich womöglich für das wiedergeborene Sams, das vorlaute Wesen von Kinderbuchautor Paul Maar, das auch so eine Art Ganzkörperbadeanzug getragen hat.

Doch für solche Gedankenspiele ist jetzt keine Zeit. Martin schleppt noch mehr Ausrüstung heran: eine gepolsterte Weste mit allerlei Gurten und Schläuchen dran, und klar, die Sauerstoffflasche. Er drückt hier, zieht dort, erklärt, wo Luft rein und wieder raus soll, wie ich Auftrieb bekomme oder wie ich überhaupt erst mal runterkomme. Er spricht von Inflator, Buddy, Padi und Maske. Wie soll ich mir das alles merken? "Musst du nicht", beruhigt Martin, "ich stell' das schon alles für dich ein." Meine Aufgabe: Ich soll zunächst nur darauf achten, dass ich immer schön gleichmäßig ein- und ausatme. Nicht durch die Nase, nur durch den Mund. Und schon hält er mir ein schwarzes Mundstück zur Probe entgegen, das mich zum Breitmaulfrosch werden lässt.

Bevor es dann endlich losgeht, gibt es noch eine kurze Einweisung, wie ich den Ohrendruck ausgleichen kann – im Prinzip funktioniert das wie beim Fliegen – und in die Zeichensprache für Taucher. Denn Reden funktioniert unter Wasser natürlich schlecht. Merken muss ich mir fürs Erste vor allem das O.k.-Zeichen: Daumen und Zeigefinger zum Kreis zusammengelegt, und wenn etwas nicht o.k. ist: die flache Hand hin- und herdrehen. Wenn etwas mit dem Ohrendruck nicht stimmt, zeige ich aufs Ohr, und wenn ich auftauchen will nach oben. Vier Vokabeln, das sollte zu schaffen sein. Tauchen kann im Prinzip jeder lernen, sagt Martin auch noch, nur bei größeren Lungen- oder Ohrenproblemen sei es eher ungeeignet, und natürlich sollte niemand mit einer Erkältung ins Wasser, wenn Ohren, Kopf und Nase sowieso belastet sind. Dafür gebe es Tauchangebote aber auch für Blinde, Taubstumme und sogar für Menschen im Rollstuhl.

Jetzt aber Schluss der Worte, nun geht es ins Wasser. Dazu schnallt mir Martin das Jackett inklusive Sauerstoffflasche auf den Rücken. Seit den Kindergartentagen hat mich niemand mehr angezogen, aber allein hätte ich diesen Apparat wohl nicht auf meinen Rücken hieven können. 15 Kilo wiegt allein die Flasche, dazu noch zwei Kilo Luft als Inhalt, plus rechts und links am Jackett jeweils drei Kilo Blei. Wozu das denn? Das ist doch jetzt schon alles schwerer als ein Wochenendeinkauf für eine fünfköpfige Familie! Aber Martin lässt nicht mit sich diskutieren, das Blei brauche ich, um vor lauter Luft im Jackett gleich runterzukommen.

Dann watscheln wir unter der Last der Ausrüstung zum See. Schwarzer Anzug mit schwarzem Panzer darüber. Optisch könnten wir wahrscheinlich auch als Minitrupp einer SEK-Einheit durchgehen. Vom Biergarten nebenan folgen uns ein paar neugierige Blicke. Oder gar mitleidig? Zum Glück haben wir aber das Ufer erreicht und gleiten jetzt ins Wasser, also außerhalb der Sichtweite.

Die Beine wollen immer wieder nach oben

Wie leicht wird es auf einmal, als wir ins Wasser steigen. Jegliche Schwerkraft ist verschwunden, allerdings auch in den Beinen. Sie wollen immer wieder nach oben, ich verliere schnell den Halt auf dem Unterwassersteg. Wie ein Käfer liege ich hilflos auf dem Wasser und strample herum. Retter Martin ist aber gleich zur Stelle und schiebt mich in die richtige Position. Wie sollte ich das nur ohne ihn hinbekommen? Dann lässt er langsam etwas Luft aus meinem Jackett und ich gleite nach unten.

Nachdem ich mich beim Einstieg ins Wasser so dilettantisch angestellt habe, will ich nun etwas Tempo vorlegen. Natürlich ist das auch wieder total falsch. Viel zu schnell bin ich beim ersten Abgang, immer wieder muss mich Martin bremsen, damit ich genug Zeit habe, den Ohrendruck auszugleichen. Immer wieder gibt er mir Zeichen, dass ich es ruhiger angehen lassen soll, dass ich gleichmäßig ein- und ausatmen soll. Ich komme mir kurz vor, als wäre ich beim Unterwasseryoga. Dann fragt er auch noch, ob alles o.k. ist. Ach, herrje, wie ging noch mal das Zeichen? Zum Glück kann der Fotograf hier unten keine Fotos machen, sieht wahrscheinlich nicht sehr professionell aus, wie ich hier mit angezogenen Beinen versuche, mich in der Tiefe des Sees vorwärts zu bewegen und dabei vor allem das Erdreich in Wallung bringe. Dabei ist der See hier noch gar nicht so tief, in der Mitte sind es wohl zwölf Meter, hier wahrscheinlich nur acht.

Auf den richtigen Rhythmus kommt es an, dann ist es leicht

Auf einmal habe ich Wasser im Mund, panisch gebe ich Zeichen, dass ich nach oben will. Martin besänftigt mich. Keine Hektik. Wir müssen langsam aufsteigen, sonst gibt es wieder Probleme mit den Ohren. Oben klären wir dann erst einmal sämtliche Wasser- und Luftprobleme, bevor es noch einmal hinuntergeht, zurück zum Ufer. Irgendwie geht es diesmal besser, ich versuche mich einfach mehr vom Wasser treiben zu lassen und nicht in Hektik zu verfallen. Statt die Beine angewinkelt zu halten, strecke ich sie jetzt aus und paddle gleichmäßig hin und her. Ein bisschen wie beim Kraulen, nur langsamer. Auf den richtigen Rhythmus kommt es an, dann fühlt sich Tauchen fast leicht an. Für einen Moment tauche ich im Wortsinne ab in eine andere Welt. Und die Ruhe wird auch bald belohnt. Habe ich beim ersten Gang nur aufgewühltes Erdreich und Schlammbrühe gesehen, geraten jetzt einige Barsche und eine Schleie in mein Blickfeld. Ein Anfang immerhin und schließlich ist der Groß Glienicker See ja auch nicht die Adria oder Südsee.

Das Gefühl der Leichtigkeit bleibt auch, als wir das Ufer wieder erreicht haben. Zumindest als ich Sauerstoffflasche und Blei abgelegt und mich aus dem Sams-Anzug geschält habe. Vielleicht ist es nur das Gewicht, das von mir abfällt und die wiedergewonnene Bewegungsfreiheit. Vielleicht ist es aber auch das eindrucksvolle Erlebnis, das dafür sorgt, dass ich beschwingt die Tauchstation verlasse. Mal schauen, vielleicht sollte ich es ja wirklich mal mit einem Tauchkurs im Urlaub versuchen.

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