Berlin-Challenge

Dreieinhalb Minuten Rockstar beim Karaoke im Mauerpark

Berlin-Challenge: Reporter der Berliner Morgenpost stellen sich besonderen Herausforderungen. Teil 8: Karaoke singen im Mauerpark.

Morgenpost-Reporter Julius Betschka gibt bei der Mauerpark-Karaoke alles. Schließlich überwindet er seine Angst und singt vor Hunderten Menschen aus aller Welt

Morgenpost-Reporter Julius Betschka gibt bei der Mauerpark-Karaoke alles. Schließlich überwindet er seine Angst und singt vor Hunderten Menschen aus aller Welt

Foto: Reto Klar

Seit der neunten Klasse stand ich nicht mehr auf einer Bühne. Ich wurde damals, frisch in den Stimmbruch gekommen, aus dem Schulchor geschmissen. Das saß. Auf einer Bühne habe ich danach nie wieder gesungen. Dabei mache ich das eigentlich ganz gern, das Singen, oder nerve meine Umgebung damit, dass ich irgendwelche Melodien vor mich hin pfeife: von "Cheri Cheri Lady" bis "Alles nur geklaut" – Hauptsache eingängig. Ich gröle auf Partys mit, wenn es spät ist und sowieso alles egal, und singe morgens unter der Dusche. Beim Karaoke ist man aber nicht allein. Das ist nicht der Sinn von Karaoke.

Bei Karaoke singt man im besten Fall vor ein paar Freunden. Im schlechtesten Fall singt man im Mauerpark: vor über tausend wildfremden Menschen aus aller Welt, die einen anglotzen – wohlwollend zwar, aber glotzen ist glotzen. Einige zücken ihre Smartphones und machen Fotos. Wenn es gut läuft. Wenn es schlecht läuft, machen sie Videos. Wenn es ganz übel läuft, schauen sich das bei Youtube dann bis zu 50.000 Menschen an. Und da soll ich singen? Gut, Herausforderung, klar. Aber ich bin doch nicht verrückt. Zum Clown können sich andere machen.

Rausgehen auf die Bühne und die Hemmungen überwinden

Ich verstehe schon, was den Reiz von Karaoke ausmacht: Man lässt sich gehen, überwindet die eigene Scham. Man trifft sich mit Menschen, die man kennt in einer kleinen Bar oder zu Hause und singt seine Lieblingslieder. Alle singen ein bisschen schief und den größten Appla­us bekommt der, der es am schiefsten macht. Das eint natürlich. Chefin und Praktikant singen gemeinsam, und auch Oma Christine und Tante Marlies, die seit fünf Jahren nur noch das Nötigste miteinander reden, liegen sich am Ende in den Armen.

Der Japaner Daisuke Inoue hat Karaoke erfunden – das war Anfang der 70er- Jahre. Seitdem hat sich Karaoke auf dem ganzen Globus verbreitet. 2004 bekam Inoue dafür sogar einen alternativen Nobelpreis in der Kategorie "Frieden". Aber so friedlich ist das hier im Mauerpark gar nicht, denke ich. Hier gibt man eher ein Konzert. Zumindest kurz kann ich fühlen, glaube ich, wie es sein muss, Rockstar zu sein. Die eigenen Hemmungen zu überwinden und vor Hunderten Menschen einen Song performen zu müssen, den man nie zuvor komplett gesungen hat und dessen Strophen einem nur in Bruchstücken bekannt sind.

Ein Video zweier betrunkener Jungbriten

Die Karaoke im Mauerpark findet schon seit 2009 im sogenannten Amphitheater des früheren Grenzstreifens im Prenzlauer Berg statt. Ein paar Boxen, einen Laptop, auf dem man den Text ablesen kann und einen bunten Sonnenschirm – mehr braucht Joe Hatchiban, der Organisator und Moderator der Veranstaltung, nicht, um jeden Sonntag ab 15 Uhr Hunderte Menschen zum Jubeln zu bringen und einige Mutige zum Singen. Für mich war das immer so ein Ding für Touristen aus aller Welt, die das Freiheitsgefühl Berlins erleben wollen. Ich selbst war nie da, obwohl ich seit über sechs Jahren hier lebe.

Die Vorbereitung auf meine dreieinhalb Minuten als Rockstar fängt deswegen damit an, dass ich mir Videos der Karaoke anschaue. Zum Glück mache ich das erst zwei Tage vorher – an einem Freitagabend in der Redaktion. Ein Kollege blickt mich fragend an, nachdem ich einige Male zu oft vor mich hingeflucht habe. Warum? Das Erste, was ich sehe, ist ein Video zweier betrunkener Jungbriten, die "Come on Eileen", nun ja, singen. Das zweite Video, das ich mir anschaue, zeigt eine Frau, die mit wunderschöner Stimme "Nothing compares to you" vorträgt von Sinead O'Connor. Wahnsinn. Was will ich denn da?

Riesenpanik, auf die Bühne zu müssen

Nun stehe ich hier im Mauerpark in der Sonne und habe eine Riesenpanik, auf die Bühne zu müssen. Ich beschließe zu tun, was die echten Rockstars tun: trinken. Als ich um 15 Uhr im Mauerpark ankomme, habe ich ein paar Bier im Gepäck. Das Wetter ist grandios – wolkenfreier Himmel, 30 Grad und natürlich: jede Menge Menschen. Zeit für das erste Bier und einen Blick auf die Konkurrenz. Ich mische mich ins Publikum und sehe wie ein unscheinbarer Typ in Shorts vorlegt: Er singt "Back to black" von Amy Winehouse – und trifft jeden Ton. "Der macht das richtig gut", sagt jemand, der neben mir steht. Verzweiflung.

Ich stehe hinter den Karaoke-Sängern auf der plattgetrampelten Wiese, zusammen mit ein paar Hundert Zuschauern, die keinen Platz mehr bekommen haben auf der Tribüne. Das nächste Bier wird begleitet von "Mamma Mia" von Abba. Ein betrunkener Ire versucht sich daran, glänzen muss er nicht: Denn das Publikum singt die Hälfte des Songs mit. Irgendwann zieht er sich aus, steht am Ende nur noch in engen pinkfarbenen Boxershorts da.

Schlimmer kann es eigentlich auch bei mir nicht werden, denke ich. Und will es nun versuchen. Kaum zu Ende gedacht, steht aber dieser schwarz gekleidete Koloss aus Santiago de Chile auf der Bühne. Der will auch Rockstar werden, nein, der ist Rockstar. Der liefert hier eine Version des Metal-Klassikers "Killing in the name" ab, zu der man nur eines wissen muss: Das halbe Publikum schleudert rhythmisch die Köpfe, und in der ersten Reihe reißt sich ein Mann das T-Shirt vom Körper. Jetzt ich: "Teenage dirtback" von der Band Wheatus soll es sein. Partymusik, irgendwie mithalten mit Metal, Mamma Mia und dem betrunkenen Iren.

Doch auch, wenn mein Kopf schon Rockstar sagt, Hatchiban sagt: "Warten!" Wer auf die Bühne will, muss sich melden und wird vom Moderator ausgesucht. Und viele wollen jetzt drankommen, je mehr Alkohol desto mehr Freiwillige, so scheint es. Nach dem Metal-Chilenen ist erst mal ein älterer Italiener dran. Der singt mit aufgeknöpftem Hemd und zurückgekämmtem grauen Haar – Typ: Flavio Briatore – "New York New York". Perfekt. "If I can make it there, I'll make it anywhere", verstehe ich als Aufforderung und stelle mich in die erste Reihe. Doch das Schicksal ist unerbittlich, auch für angehende Rockstars. An mir vorbei quetscht sich ein kleines Mädchen. Sie nimmt sich das Mikro und singt tatsächlich "Backe, backe Kuchen". Das Publikum liegt ihr zu Füßen, natürlich. Wie soll ich das toppen, denke ich. Und bin plötzlich dran. Nicht der Bäcker hat gerufen, sondern Joe Hatchiban.

Der Rest ist klatschen und rumhüpfen

Von meinen dreieinhalb Minuten auf der Bühne, weiß ich nur noch wenig. Der Rest ist Bühnenrausch. Als ich unter tosendem Applaus auf die Bühne gehe und Hatchiban meine Liedauswahl ins Ohr brülle, kommentiert er trocken, wie er das Lied beim letzten Mal so richtig versemmelt habe. Mir egal. Ich bin hier, zurück geht es nicht mehr. Nächste Erinnerung: Irgendwann im Lied heißt es "And he'd simply kick my ass" – ich, ganz Rockstar, trete in die Luft. Ein großartiges Gefühl. Leider vergesse ich darüber das Singen. Der Rest der Strophe ist klatschen, schwitzen, rumhüpfen. Und dann ist es auch schon vorbei. Ich verbeuge mich. Das Publikum jubelt, glaube ich. Jetzt ein paar Hände abklatschen und schnell herunter von der Bühne, ab in die Menge. Fantastisch. Noch mal, glaube ich, muss ich das aber nicht erleben.

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