Sommerserie

Ein Tag und eine Nacht allein unter Campern

Berlin-Challenge: Morgenpost-Reporter stellen sich besonderen Herausforderungen. Teil 7 – Kurzurlaub auf einem Zeltplatz

Patrick Goldstein ubernachtet auf dem Campingplatz

Patrick Goldstein ubernachtet auf dem Campingplatz

Foto: David Heerde

Manche Bilder kann ein Mensch nicht abschütteln: Mit elf Jahren in tiefschwarzer Nacht ganz oben auf einer wackeligen Holzleiter, ein dickes Federbett über der schmalen Schulter, die Tür des Ferienbauernhofs unten ist abgeschlossen, der Balkon zum Treppenhaus im ersten Stock scheint offen. Jetzt einfach nur zurück ins Zimmer und bloß nicht nach unten blicken, zum verhassten Zelt, der klammen Isomatte, zu den lärmenden, Schlaf verhindernden Tieren. Gewiss: Der Versuch, während des Familienurlaubs für eine Nacht allein in einem Zelt zu übernachten, liegt lang zurück. Aber wenn mich in meinem Erwachsenenleben noch immer eines seelentief graust, ist es: Camping.

Vielleicht kann mich eine Nacht auf einem Zeltplatz im Süden Berlins umstimmen. "Gesamtfläche: neun Hektar, hohe Kiefern, 490 Standplätze", heißt es in der "ADAC-Campingwelt". Meine Ausrüstung besorge ich im Discounter. Als Erstes ein "Iglu-Zelt" für 39,95 Euro: Das klingt gemütlich nach einfachem Glück und genügsamen Menschen, die in der Arktis ihre Jagdbeute auch mal roh verzehren. Bei dem Hinweis auf "zehn Heringe" in der Bedienungsanleitung assoziiere ich erst einmal Matjes-Gerüche. Endgültig mulmig wird mir bei der Schlafbedeckungswahl: Statt des Federbetts von einst will ich es gut vier Jahrzehnte später nun natürlich professioneller angehen. Aber: Soll ich wirklich ein Produkt der Bezeichnung "Mumienschlafsack" nehmen? Mumien, wie in "Tutanchamun", "nie wieder aufwachen" und "verschrumpelt in einem Museum ausgestellt werden"? Ach was! Rein ins Auto und ab zum Campingplatz an der Grenze zu Brandenburg.

"Heute mal ganz, ganz wenig trinken"

Im Empfangshäuschen reicht mir die herzliche Rezeptionistin einen Transponder. Das ist ein Chip in Form einer großen Träne, um etwa den Toiletten- und Duschbereich zu öffnen. Als ich dort gleich mal hinschaue, riecht es aus dem Müllcontainer nebenan nach altem Parmesan. Die Fliesen bedecken sandig braune Fußabdrücke, vor den WC-Kabinen liegt eine Pfütze. "Heute mal ganz, ganz wenig trinken", nehme ich mir vor.

Wer sich bei der Berliner Umweltverwaltung erkundigt, erfährt: "Zelten in Wald- und Schutzgebieten ist nicht gestattet." Gleiches gilt für öffentliche Grünanlagen. Die für Kurzcamper vorgesehene Fläche ist wohl auch deshalb bei meiner Ankunft schon dicht besiedelt. Vor dem Zelt neben mir sitzt eine Familie am Elektrogrill und lauscht den lautstarken Staumeldungen im Radio. Das mache ich auch immer gern: Schadenfreude lindert das eigene Fernweh. Zwischen uns hängen Wäscheleinen in den Bäumen. Jeder Camper hat mindestens eine gespannt und wenn, wie jetzt, ein Kleinkind darunter mit Matsch spielt, kommt richtig Zille-Feeling auf.

Mein Iglu kracht in dem Moment zusammen, als ich hineinrobbe. Die Bogenstangen habe ich wohl in die falschen Löcher gesteckt, und – auch da muss ich an lange Bastelnachmittage mit Waren aus dem schwedischen Do-it-yourself-Möbelmarkt denken: Teile der Ausrüstung fehlen. Meinen schmucken Baldachin vor dem Eingangsreißverschluss muss ich mit Strippe hochknüpfen.

Im Plastikzelt riecht es dann wie in einem Benzinkanister. Als ich später für den Fotografen zur Schärfeeinstellung mein Gesicht mit dessen Feuerzeug anleuchten soll, sorge ich mich, dass die Explosion auch die Nachbar-Familie vor dem Staumelder-Radio erfassen könnte.

15 Minuten Strom kosten 50 Cent

In der weiß-grau gefliesten Campingplatzküche herrscht zwischen hier und da landenden Fliegen ein geselliges Treiben. Konserven werden aufgeschraubt, Männer und Frauen in ganz ungezwungen kurzen und sehr kurzen Hosen rühren Eintöpfe und Kidneybohnen um, und einer hat sogar seine silberfarbene italienische Espressomaschine auf den Herd gestellt. 15 Minuten Strom kosten 50 Cent. Zur Abrechnung des Verbrauchs holen sie Transponder hervor – die sie schon zum Klohaus- und Duschareal-Öffnen eingesetzt haben.

Unten am Strand sagt die 46 Jahre alte Katrin, ihre Familie schätzte am Campen das völlige Fehlen von Luxus. Die Angestellte aus Mariendorf ist Mutter zweier fünf- und neunjähriger Kinder. Nach einer Woche Urlaub ist Katrin braun gebrannt. "Früher fuhren wir zum Campen durch Europa und Deutschland. Jetzt haben wir hier einen festen Stellplatz mit 90 Quadratmetern. Wir schätzen die Nähe zu unserem Wohnbezirk."

An Schlaf ist lange nicht zu denken

Zurück auf dem Campingplatz tollen Kinder im Sand über Holzschiff und Kletterwände. An langer Leine trabt ein schwarzer Kampfhund heran, ein Yorkshireterrier flitzt vorbei, eine Promenadenmischung macht sein Geschäft ins Spielplatzgras. Auf verwitterter Bank hält ein Vater im linken Arm seine kleine Tochter, in der rechten Hand sein Bier.

Irgendwann ist Mitternacht. Ich beschließe: Schlafenszeit. Niemand meiner Nachbarn teilt den Beschluss. 50 französische Schüler sind eingetroffen und futtern bei heiterem Plausch ihre im Laster mitgebrachten Spezialitäten. Da sich in meinem Zelt neben dem Chemieduft offenbar nur wenig Sauerstoff befindet, verliere ich kurzzeitig das Bewusstsein. Eine Erschütterung unterbricht diesen Zustand – Schlaf würde ich ihn nicht nennen – jäh, als sei eine der tagsüber endlos über uns hinwegdröhnenden Schönefeld-Maschinen gelandet. Mal nachschauen, was das nun wieder war.

Da der untere Rand des Iglu-Zugangs zehn Zentimeter über dem Waldboden liegt, verlässt man es, indem man auf Knien hinaushoppelt. In der Dunkelheit landet mein erstes Knie auf einem Tannenzapfen. Das tut weh. Ich verliere das Gleichgewicht und falle sehr langsam seitlich aus dem Zelt.

Alles wie damals

"Das war ich", ruft ein Jugendlicher im roten Skater-Shirt. Er hat eine Schnur meines Zeltes gekappt, als er mit dem Rad und einem Kasten Billigbier zu seinen sechs Kameraden nebenan fuhr. Meinen Hering hat es dabei aus dem Märkischen Sand bis zu seinem Zelt gefetzt. Ich kehre zurück in Schlafposition. Unter dem Zelt liegt im Bereich meines Steißbeins ein Tannenzapfen. Ich rolle mich zum dritten Mal auf meine neben dem Mumienschlafsack deponierte Brille, erfühle aus meinen Hosentaschen gefallenes Kleingeld sowie Sand und Tannennadeln. Ameisen krabbeln auf dem Boden. Die Taschenlampe im Mund, versuche ich, den Zapfen mit den Fingerspitzen zum Iglu-Rand zu drängen, grabe ihn aber nur tiefer in den Sand.

Neben mir: Techno. Hinter mir: Franzosen auf dem Weg zum nächtlichen Ausschwimmen. Rechter Hand hat der "Das war ich"-Boy mit seinen Spießgesellen ein Trinkspiel mit Wodka begonnen. "Ex, ex, ex, ex", feuern sich die jungen Männer gegenseitig an. Und plötzlich ist wieder alles wie damals: das verhasste Zelt, die klamme Schlafunterlage, grunzende ungezähmte Wesen, die mich vom Schlaf abhalten. Ich bin wieder elf Jahre alt. Müde. Schutzlos. Ich will nach Hause.

Informationen:

Campingplatz Krossinsee Wernsdorfer Straße 38, 12527 Berlin, Tel. 675 86 87, anfrage@campingplatz-berlin.de

DCC-Campingplatz Gatow Kladower Damm 207–213, 14089 Berlin, Tel. 365 43 40, gatow@dccberlin.de

DCC-Campingplatz Kladow Krampnitzer Weg 111–117, 14089 Berlin, Tel. 365 27 97, kladow@dccberlin.de

Campingplatz Breitehorn Berliner Camping Club, Breitehornweg 40, 14089 Berlin, Tel. 365 34 08, camping-breitehorn@bccev.eu

City-Camping Hettler und Lange Camp 1 Gartenfelder Straße 1, 13599 Berlin, Tel. 33 50 36 33, spandau@city-camping-berlin.de, Camp 2: Bäkehang 9a, 14532 Kleinmachnow, Tel. 033203 79684, kleinmachnow@city-camping-berlin.de

Die Schönmacher Camping Zum kleinen Lottschesee 1b, 16348 Wandlitz-Klosterfelde, Tel. 0173 1872 541, kontakt@ schoenmacher-camping.de

Campingpark Sanssouci zu Potsdam An der Pirschheide 41, 14471 Potsdam, Tel. 0331 951 0988, info@camping-potsdam.de

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