Reportage

Neuköllner Columbiabad: Baden, bis die Polizei kommt

Das Columbiabad gilt als Berlins schlimmstes Freibad. Aber stimmt das? Beobachtungen am Beckenrand in Neukölln.

Columbiabad, 17.02 Uhr: Sprungturm nach Polizeieinsatz wieder geöffnet

Columbiabad, 17.02 Uhr: Sprungturm nach Polizeieinsatz wieder geöffnet

Foto: BM

Der Moment, an dem sich das Verhältnis Wasser-Mensch umkehrt, ist im Columbiabad um 15 Uhr. Bis dahin leuchten die zwei großen Schwimmbecken aus dem ausufernden Grün des Neuköllner Freibades wie zwei türkisfarbene Augen. Danach wird das Bad zum Ameisenhaufen, ein Gewimmel aus Köpfen, Armen und Beinen. Nur dass Ameisen keine Trillerpfeifen brauchen, keine Megafone und auch keine Polizisten, um sich zu organisieren. Die Polizei wird um 16.30 Uhr anrücken. Bis dahin ist der Tag an sich schön.

Zu den Ersten, die morgens um acht an den Gittertoren des Neuköllner Freibades warten, gehört Helga H.* Kaum drin, sitzt sie wie immer auf einer Bank am Mehrzweckbecken. Kissen auf den Sitz, Handtuch auf die Lehne, Badetasche, Strickzeug. 60 Jahre ist sie alt, "geboren in Kreuzberg, immer hier gewohnt". Bis 13 Uhr will sie bleiben, sagt sie und freut sich. Schwimmen, sitzen, stricken, zuschauen. "Ich bin hier gern."

Von der Bank hat man alles im Blick. Das Mehrzweckbecken mit dem Nichtschwimmerbereich, in dem jetzt kleine Mädchen mit Schwimmnudeln paddeln, einige Mädchen im Burkini und Jungen mit Schwimmreifen. Von der Bank sieht man das Sportbecken und den Sprungturm, dessen Zehner eigentlich nur noch neun Meter hoch ist, weil der Wasserspiegel angehoben wurde. Auf dem Balkon des Wachturms fläzt sich ein Schwimmmeister auf einem Bürostuhl, noch ist der Sprungturm zu. Darunter ist mit Gittern eine Zone umfriedet wie bei Demos. Oder für Promis.

An schönen Tagen wird es nachmittags richtig voll

Wenn man es genau betrachtet, sitzt Helga H. nur auf der einen Hälfte der Bank. Die andere Seite lässt sie bewusst leer. Aber komisch, sagt sie, es setzt sich fast nie jemand dazu. Nur manchmal fragen Kinder, deren Familien ihre Handtuchlager direkt vor ihr auf den Steinplatten aufgeschlagen haben: Bleibst du noch lange? Als ob es da eine unsichtbare Trennwand gäbe.

Um 13 Uhr geht sie meistens, sagt Helga H., nachmittags wird es zu voll, zumindest an schönen Tagen. Dabei ist das Schwimmen an Regentagen eigentlich schöner. Dann ist das Wasser wärmer als die Luft und es duftet hier, mitten in Neukölln, nach Bäumen und Blumen. Überhaupt versteht Helga H. nicht, wieso viele Menschen das Columbiabad schlimm finden. "Wenn ich sage, ich war im Culle, fragen meine Bekannten, um Gottes willen, bist du wahnsinnig? Aber mir ist noch nie was passiert." Allerdings: Wenn ihr Mann "mal wat jesacht hat, dann wuchsen gleich 30 Leute aus dem Boden". Helga H. berlinert jetzt. Mehr Berlin als im "Culle" geht nicht. Allein schon die Abkürzung. Sie reimt sich auf Schulle wie Schultheiss-Bier. Oder auf stulle, was kleingeschrieben kein Kompliment ist.

Wenn im "Culle" "Leute aus dem Boden wachsen", bedeutet das selten Gutes. "Jugendliche provozieren Räumung des Sommerbades Neukölln" die Schlagzeile wiederholt sich seit Jahren, das letzte Mal am 1. August. Jugendliche hatten versucht, den abgesperrten Sprungturm zu stürmen, außerdem gab es Streit zwischen Jugendgruppen – Räumung. Zuletzt wurde das Bad 2015 nach einer Massenschlägerei vorzeitig geschlossen, 2014 gleich dreimal geräumt. 2013 prügelte sich eine arabische Großfamilie, ebenso 2010. 2009 erhielten 50 junge Männer Hausverbot, fast alle türkischer und arabischer Herkunft. Helga H. schüttelt bedauernd den Kopf. Sie findet es kompliziert, über die gegensätzlichen Realitäten im "Culle" zu sprechen. Es ist schwer, nicht in Klischees zu verfallen.

Um zehn Uhr morgens sind die besten Claims am Wasser mit Tupperdosen und Thermosflaschen abgesteckt. Babys strampeln in Strandmuscheln, Kinder im Wasser. Alpai und Mehdi, beide 16 und aus Schöneberg, packen auf den Tribünen Handtücher und Tupperdosen mit Sandwiches aus. Sie kennen das Bad seit Kinderzeiten. Die Sprungturm-Stürmungen haben sie immer genervt, weil dann alle Badegäste aus dem Schwimmbad geworfen wurden, auch sie. Andererseits hat das "Culle" eine Wasserrutsche, mit 83 Metern die längste Berlins, da wollen sie hin. Es sind 26 Grad, im Wasser 24, sie erwarten noch Freunde. "Wenn sie reingelassen werden."

Seit 2015 lassen die Sicherheitsleute junge Männer nachmittags nicht mehr rein. Zumindest nicht in Gruppen. Wachschutz gibt es schon lange in Berliner Problembädern, ebenso Konfliktlotsen, die seit 2011 zwischen Streithähnen vermitteln und an Sprungtürmen und Rutschen für Ordnung sorgen, sagt Matthias Oloew, Sprecher der Berliner Bäderbetriebe. Aber als die Schlagzeilen nicht aufhörten und 2014 die "Süddeutsche Zeitung" einen Reporter gleich für eine ganz Woche an die Front im "Culle" entsandte, griffen die Bäderbetriebe durch. Seitdem ist das Columbiabad Familienbad.

Gegen halb elf werden im Babyschwimmbecken Kleinkinder auf Deutsch, Türkisch und Spanisch dirigiert: Hierbleiben! Aide! Mira! Auf den Liegewiesen sitzen ältere Zeitungsleser neben jungen Paaren. Im Sportbecken ziehen Menschen mit Badehauben und Schwimmbrillen ihre Bahnen, Sprachen sind Deutsch, Englisch oder Niederländisch. Junge Leute umarmen sich, unter ihnen eine Trans-Frau, niemand dreht sich um. Ein Bad im "Culle" ist auch ein Bad in Berliner Normalität.

Auch wenn es anders berichtet werde, der überwiegende Teil der Berliner Badegäste sei auch im Columbiabad "biodeutsch", sagt Bädersprecher Oloew. 2016 habe es bei sechs Millionen Badegästen in den 62 Berliner Bädern nur rund 120 Hausverbote gegeben, das sei ein guter Durchschnitt. Von 150 Öffnungstagen pro Jahr im Freibad Neukölln bleibe es an 145 Tagen ruhig. Bei Hitze gebe es eben manchmal Stress, "wie auf Schulhöfen auch. Dann wird die Polizei gerufen".

"Erst mal gucken, was wir uns hier leisten können"

Um elf Uhr schauen aus dem "Snack­point" zwei junge Ferienjobber auf ihre barfüßige Kundschaft. "Pommes mit Majo", sagen zwei kleine Mädchen im Chor. Die Ferienjobber gucken cool. Ist noch nicht lange her, dass sie selbst auf der anderen Seite standen. Um zwölf verläuft eine Ameisenstraße zwischen Eingang und Liegewiesen. Kinder balancieren rot-grüne Kaltgetränke, werden an der Hand weitergezogen, eine Mutter sagt: "Erst mal gucken, was wir uns hier überhaupt leisten können." Auf den Liegewiesen haben Familien Burgen aus Kram gebaut, mit Schuhen davor wie an Haustüren. Dazwischen patrouillieren junge Männer. Die einen tragen schwarze Jeans und feste Schuhe, andere rote Shirts und Shorts – Wachleute und Schwimmmeister. Dazwischen wuseln junge Menschen in Blau: Konfliktlotsen.

Manche Badegäste begrüßen die Wachleute mit Handschlag. Andere schauen ihnen misstrauisch hinterher. Wie Helga H., die berichtet, dass sie ein paar Jungs über den Zaun klettern sah und Sicherheitsleute sich danach mit ihnen abgeklatscht hätten.

Der Sprungturm hat ein Drei-, Fünf- und Zehnmeterbrett, immer nur einer darf hoch, erklären die Konfliktlotsen unermüdlich. Helga H. bewundert den Mut der Kleinen, die sich vom Zehner trauen. Noch mehr Respekt hat sie für jene, die vor aller Augen wieder runterklettern. Sprungtürme sind Orte des Triumphs oder der Niederlagen, wichtigster Gegner: die eigene Angst. In Neukölln wird gern mal das Symbol selbst überrannt. Wie das abläuft, zeigt ein Youtube-Video von 2014. Pfingsten, Rekordhitze, ein Bademeister steht auf dem Einer vor johlenden Menschen. Ein Gast klatscht ihm einen Badelatschen auf die Schulter, lachend. Aber ein Angriff mit Schuhen gilt in muslimisch geprägten Gesellschaften als respektlos. Überall krabbeln Jungen auf den Einer, der Schwimmmeister steht hilflos dazwischen, bis ihn ein Sicherheitsmann aus der Bredouille holt.

Den Einer gibt es heute nicht mehr, das Video schon. Es ist Teil der Legende vom "Culle", die so alt ist wie das Columbiabad selbst. Schon am Eröffnungstag, am 10. August 1951, wurden Zäune überklettert, Türklinken abgerissen und aus den Umkleiden 500 Kleiderbügel geklaut. Bezirkspolitiker beklagten das "undisziplinierte Publikum". Nord-Neukölln, heute Problemkiez, war damals ein Armenviertel. Rundherum lebten 500.000 Menschen, drei Viertel hatten kein eigenes Bad. Auch dafür wurde das Freibad gebaut.

Regeln müssen jeden Tag neu verhandelt werden

13.34 Uhr, Durchsage vom Rettungsturm: "Hallo, die Jungs im Sportbecken, das Spielen und Springen ist dort verboten."

13.37 Uhr, Durchsage: "Hallo Jungs und Mädchen, was an der Aufforderung habt ihr nicht verstanden?!"

13.38 Uhr Der Bademeister steigt vom Turm. Als die Kinder losschwimmen, ruft er hinterher: "Aber Längsbahnen!" Sie spuren.

Es gibt tatsächlich nur wenige männliche Jugendliche im Bad. Aber andere Gäste können auch Stress machen. Um kurz nach zwei diskutiert ein Grüppchen Burkini-Mädchen heftig mit Sicherheitsleuten und Bademeistern. Um halb vier zieht ein kleiner Junge aus einer Badetasche einen Lautsprecher, sein Vater reicht das Handy der Oma, die fummelt, bis orientalische Klänge das Nichtschwimmerbecken beschallen. Als Mädchen und Frauen im Kreis tanzen, kommen die Männer in Schwarz.

Auf Arabisch gibt es einen wütenden Vortrag, der auf Deutsch endet: "Heute nicht mehr!" Das wird zurückgewiesen, es geht hin und her, schließlich naht der oberste Schwimmmeister. "Laute Musik? Ja, isso! Wer keinen Respekt aufbringt, muss raus. So sind die Regeln." Die Familie palavert, der Schwimmmeister holt Luft, "wir gehen jetzt alle zum Eingang", niemand bewegt sich. Am Ende streiten alle mit allen. "Wallah", schreit ein Sicherheitsmann, "ich mach meine Arbeit richtig oder gar nicht!" Der Bademeister zieht von dannen. Die Familie bleibt. Immerhin ist die Musik aus.

Zehn Polizisten in schusssicheren Westen begleiten die Sanitäter

Der kritischste Moment des Tages bahnt sich um 16.20 Uhr an. Am Sanitätsraum des Wachturms sitzen zwei besorgte junge Frauen im Kopftuch. Durchsage: "Bitte räumen Sie den Bereich des Rettungsturmes für die Sanitäter!" Der Sprungturm wird geschlossen, Sicherheitsleute scheuchen Gaffer und Kinder weg, doch die kommen immer wieder. Um 16.31 Uhr sind die Rettungssanitäter da, gleichzeitig tauchen zehn Polizisten in schusssicheren Westen auf. Sie sichern den Wachturm, während drinnen das verletzte Kind versorgt wird. 2013 wurden Sanitäter im Columbiabad angegriffen, die eine muslimische Frau behandelten. Diesmal bleiben alle entspannt.

16.45 Uhr. "Angsthase, Osterhase", singen die kleinen türkischen Jungs, als ein Mädchen auf dem Fünfer steht und zögert. Dann springt sie. Wieder zurück, fragt sie die Jungs: "Und, wie viele Einsen hattet ihr im Zeugnis?" Gegen 18 Uhr packen die ersten Familien ein. Im Sportbecken ziehen Büromenschen mit Brillen und Badehauben ihre Bahnen. Am Beckenrand geht es um Pitches, Meetings und Flüge.

18.05 Uhr, Durchsage: "Wir haben hier ein Kind, nackend, circa ein Jahr, blond." Die Mutter eilt beschämt herbei.

Helfer beim Müllsammeln gesucht, es winken Freikarten

Um 18.30 Uhr konfisziert der Bademeister bei zwei Burkini-Mädchen eine gigantische Wasserpistole. Diesmal gelingt es, den Streit in Lachen aufzulösen. Schwimmbäder, heißt es zum "Culle", seien keine Erziehungsanstalten. Sie sind es doch. Nur dass die Regeln jeden Tag neu verhandelt werden müssen.

Um 19.22 Uhr Durchsage: Helfer beim Müllsammeln gesucht, Freikarten winken. Sechs Kinder ziehen über die Liegewiesen, pfeffern danach ihre Müllsäcke auf den Anhänger eines Minitreckers und hüpfen mit drauf. Am Steuer sitzt der oberste Schwimmmeister. Manche Kinder kommen jeden Tag her, das "Culle" ist auch ein Familienersatz. Der Schwimmmeister dreht tuckernd eine Extrarunde. Familienbad eben. Um 19.30 Uhr ist Badeschluss.

* Name geändert

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