Adjutant am Beckenrand

Was eine Morgenpost-Reporterin als Bademeisterin erlebte

In einer Serie stellen sich Reporter der Berliner Morgenpost besonderen Herausforderungen. Teil 2 – Ein Tag als Bademeisterin.

Schwimmmeisterin Britta Wulf (r.) zeigt Constanze Nauhaus, worauf sie achten muss

Schwimmmeisterin Britta Wulf (r.) zeigt Constanze Nauhaus, worauf sie achten muss

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Endlich, da sind sie. Toben im Wasser herum, als sei nichts. Ha! Euer unschuldiger Gesichtsausdruck kann mich nicht täuschen. Nicht mich, die ich mich seit Wochen auf diesen Moment vorbereitet habe. Mit durchgedrücktem Kreuz schlendere ich betont langsam zu der Gruppe Fast-Jugendlicher im Nichtschwimmerbecken. Zigmal habe ich den Satz vorm Spiegel geübt, habe mich intensiv in den grauenhaften Schwimmlehrer der Prenzlauer Berger Thälmann-Schwimmhalle hineingefühlt, der mir mit Stange und schwarzer Pädagogik vor 25 Jahren das Schwimmen abgewöhnte.

Gleich werde ich es ihnen sagen, gleich. Den Sommersoundtrack Berlins. „Nicht vom Beckenrand springen!“ Ich hole tief Luft. Und warte. Keiner springt. Regelkonform planschend schauen sie mich an. Das kann doch nicht wahr sein. Was ist denn mit der Jugend los, wieso will hier niemand gegen die Badeordnung verstoßen? Vom Beckenrand springen, das wird man doch wohl noch erwarten dürfen in einem Freibad!

Mein Tag als Bademeisterin. Um 6 Uhr habe ich mich mit Britta Wulf im Kombibad Mariendorf getroffen, um einen Tag Assistentin zu spielen. Seit 2008 ist sie dort Badleiterin, Berufserfahrung: 32 Jahre. „Den Beruf kenne ich von der Pike auf“, sagt die sportliche 48-Jährige, der man ihr Leben im Wasser ansieht. Ihr Vater war bereits Schwimmmeister – im Sommerbad Westend, das es heute gar nicht mehr gibt – und Britta selbst schaffte im zarten Alter von zwei Jahren ihren Freischwimmer. Damals eine Sensation und auch der Berliner Morgenpost eine Meldung wert. Nach krankheitsbedingtem Leistungsabfall in der Pubertät reagierte sie, wie sie heute sagt, „bockig“ und entschied sich gegen eine Leistungsschwimmerkarriere. „Ich bedauere das manchmal, ich war ja Olympiahoffnung ’88“, sagt sie lächelnd. Aber wer sie einen Tag bei der Arbeit begleitet, sieht, dass sie genau den richtigen Platz für sich gefunden hat.

Brittas Arbeitstag beginnt schon auf dem Weg zur Schwimmhalle. Neulich ist ein Stein am Eingangsbereich weggebrochen. „Der wird ausgebessert, sonst verunfallen die Kunden. Wir sind ja verkehrssicherungspflichtig.“ In Brittas Büro ziehe ich mir ein rotes Badeaufsicht-T-Shirt an, über mir hängen Poster von Comedian „Bademeister Schaluppke“. „Funky Arschbombe“ steht darunter und „Der weiße Hai vom Beckenrand“. Dann geht’s los zum Kontrollgang. Becken ablaufen, das Entenpärchen füttern, das jeden Morgen auf Britta wartet. Und erst dann das Becken verlässt. Sprunganlagen und Rutschen prüfen, Erste-Hilfe-Schrank und Notfallrucksack checken. „Alles, womit der Kunde in Kontakt kommt“, fasst Britta zusammen. Zur Patrouille auf der 45.000 Quadratmeter großen Liegewiese begleitet uns Brittas Doggenweibchen Ella. Hinten gibt es einen Fußballplatz, Kinderplansche, Spielplatz, Trampoline, Umkleiden – viel ist abzulaufen, Ella freut es. „Das Rasenmähen dauert acht Stunden“, sagt Britta. Für die dreieinhalb- bis fünftausend Leute, die sich hier an heißen Tagen versammeln, ist auf jeden Fall genug Platz. Und sonst? Personal, Einkauf, Kassenabrechnung, Schwimmunterricht, Azubis ausbilden, Rohrbrüche – das alles liegt in Brittas Verantwortungsbereich. Letzteres leider öfter, das Bad ist von 1975, vieles ist marode. Vermutlich soll es bald neu gebaut werden, wann, ist aber noch unklar.

Chemie-Doppelstunde am Beckenrand

Wieder zurück am Becken, das Wasser ist vor Badebetrieb noch spiegelglatt, messen wir erst einmal die Wasserqualität – pH-Wert und Chlorgehalt. „Das passiert zwar automatisch, aber wir messen per Hand nach. Und am Nachmittag noch mal“, erklärt Britta und hantiert mit kleinen Glasfläschchen am Beckenrand. Nach einer gefühlten Chemie-Doppelstunde mit diversen farbigen Flüssigkeiten wissen wir: Alles gut, Wasser frei!

Ab 6.30 Uhr trudeln die ersten Badegäste ein. Die meisten kommen fast täglich. „Vom Triathleten bis zum Breitensportler versammelt sich hier alles“, erzählt Britta. „Es gibt die, die stur ihre Bahnen schwimmen und den Damenkaffeeklatsch, der an jeder Wende ein Pläuschchen hält.“ Zu dem geselle ich mich gleich. „Im Wasser geht’s mir blendend“, erzählt mir Ingrid Hohm aus Lichtenrade. Zwei Stunden schwimmt die 65-Jährige mit ihren Freundinnen hier täglich. „Manchmal dauert’s auch länger“, ruft ein älterer Herr zu uns herüber. „Weil die Damen an jeder Wende Rezepte austauschen müssen.“ Frau Hohm lacht. „Wissen Sie, und die Betreuung, die ist so nett.“

Was Britta Wulfs Badegäste an ihr so schätzen, nennt man im Fachjargon „Schwimmmeister am Kunden“. Wenn sich die Badeaufsicht „aktiv am Beckenrand bewegt“ und damit signalisiert, für jede Frage verfügbar zu sein. Leute wollen wissen, wie ihr Schwimmstil aussieht, ob am nächsten Tag geöffnet ist und so weiter und so fort. Ein Schwimmgast mit türkisfarbener Badekappe findet klare Worte: „In anderen Bädern ziehen die Angestellten oft so eine Fresse, aber hier wird noch richtig Wert auf Zwischenmenschliches gelegt.“ Dann taucht er wieder unter. Britta schaut ihm lächelnd hinterher, eben hat er ihr zehn Minuten sein Arbeitsleid geklagt. „Die Kunden erzählen uns ihre Geschichten, sie sind glücklich, wenn sie die mal loswerden. Siehst du, jetzt schwimmt er gleich ein bisschen schneller.“

Draußen gibt es zwei große 50-Meter-Becken, jedes muss von mindestens einer Person beaufsichtigt werden. Brittas Mitarbeiter fläzen sich gemütlich in den Strandkorb. „Schwimmmeister am Kunden“ ist das wohl nicht. Wenn da jetzt einer ertrinkt, kriegen die das mit? Vorher? „Ja, das wird trainiert in der Ausbildung. Wir registrieren auch aus dem Augenwinkel jede Unregelmäßigkeit“, erklärt Britta. So beobachtet sie jemanden, der untertaucht, so lange, bis er wieder auftaucht. Einmal passierte es, dass im Innenbecken eine ältere Dame nicht mehr auftauchte. Folgenlos, Gott sei Dank. Sie kam später wieder, um sich zu bedanken. „Als ich ihr erzählte, sie habe ohnmächtig noch zwei Züge unter Wasser gemacht, konnte sie sich daran nicht erinnern. Nur noch daran, wie ihr schwarz vor Augen wurde“, sagt Britta.

Während wir uns oben auf dem Baywatch-Turm gegenübersitzen, sodass jede ein Becken im Blick hat – und Britta sicher auch ein bisschen meins – , kommen wir ins Plaudern. Ich erzähle von besagtem Bademeister aus dem Thälmannpark, der uns damals regelrecht Angst einjagte. Auch wenn in einem Notfall die Trillerpfeife durchaus ihren Zweck erfülle, habe sich das Bild des omnipotenten Bademeisters gewandelt, meint Britta. „Die autoritäre Trillerpfeife, also dieses Anpfeifen von Badegästen führt eher zu Trotzreaktionen“, glaubt sie. „Eine gute Erklärung hingegen kann jeder nachvollziehen.“

Fast jeder. Bei Sommerwetter müsse sie manchmal täglich beratungsresistente Draufgänger „hinausbegleiten“ lassen, umschreibt sie zurückhaltend. Tatsächlich geht es mitunter um weit mehr als Beratungsresistenz. In den vergangenen Jahren war es in Berlins Sommerbädern immer wieder mal zu teils heftigen Auseinandersetzungen gekommen: So war es 2015 im Sommerbad Columbiadamm zu einer Massenschlägerei gekommen, an der sich 60 Personen beteiligten. Das Bad musste damals geräumt werden. Vor wenigen Tagen war es wieder so weit: Jugendliche versuchten, den gesperrten Sprungturm zu stürmen. Zunächst konnten die Konfliktlotsen die Situation entschärfen, dann aber eskalierte sie und die Schwimmmeister entschieden sich, das Bad mithilfe der Polizei räumen zu lassen. Doch solche Vorfälle sind selten geworden. Inzwischen ist die Sicherheit überall verstärkt worden, es gibt Taschenkontrollen an den Eingängen vor den Kassen. Gefährliche Gegenstände müssen draußen bleiben.

Die Wassergymnastikgruppe turnt zu Hits aus den 90ern

Auch an diesem Tag in Mariendorf benehmen sich alle regelkonform. In der Halle ist unüberhörbar die erste Kindergartengruppe angekommen, im Schwimmerbecken turnt derweil die Wassergymnastikgruppe zu Hits aus den 90ern.

Trotz allbekanntem Personalmangel in den Bäderbetrieben – es gibt auch Interessenten für den Beruf. Samet macht hier seit wenigen Tagen ein dreiwöchiges Praktikum. „Ich schwimme gern und wohne gleich um die Ecke“, sagt der 15-Jährige vom Leonardo-da-Vinci-Gymnasium. „Das Wetter war bis jetzt nicht so super, aber mir gefällt es echt gut.“ Am Vortag half er bei der Reinigung der Becken mit einer Art Unter-Wasser-Staubsauger. Die unterirdische Beckenanlage beeindruckt ihn am meisten. Aber das Nonplusultra: „Ich kann jeden Tag schwimmen.“

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