Vor fast 40 Jahren ging es in Berlin zu wie im Musical „West Side Story“: Nur dass die Gangs anders hießen. In der Hauptstadt kämpften damals die „36 Boys“ aus Kreuzberg gegen die verhassten „Black Panthers“ aus Wedding. Und manchmal auch gegen eine Horde Skinheads. Die Jungs trugen Bomberjacken und hielten zusammen. Davonlaufen war tabu, selbst wenn die Gegner Baseballschläger oder Messer zückten. Tim Raue, heute erfolgreicher Sternekoch, hat diese Zeit geprägt wie keine andere. „Ich war damals zwischen 14 und 16 Jahre alt“, resümiert der 52-Jährige bei der Buchvorstellung in seinem Fine-Dining-Restaurant.

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„Ich war der Einzige in der Gang ohne Migrationshintergrund“, erzählt Raue. „Aber für mich war das Wichtigste, dass ich Menschen gefunden habe, die mir ein Zuhause gegeben haben.“ Ob er oft an die Zeit zurückdenkt? „Ich arbeite so viel, dass ich keine Zeit habe, mir Gedanken zu machen“, antwortet Raue. „Außerdem bin ich 220 Tage im Jahr weg, lebe in Graz und Berlin. Aber wenn ich an der Wrangelstraße 41 vorbeikomme, gucke ich, ob ich irgendwo meinen gesprayten Namen sehe: ‚Ask2‘. Und ich denke an das Etagenklo, das ich mir mit anderen teilen musste.“ Noch immer, wenn er heute Essen sehe, assoziiere er Gier und Hunger damit.

Autor Gäbler: „Die Jugendlichen waren nie das Problem“

Inspiriert von der RBB-Doku „Die Kings von Kreuzberg“ beschloss der Autor Paul Christoph Gäbler, die Geschichte der „36 Boys“ aufzuschreiben. Gäbler, ein ehemaliger Schauspieler aus Zehlendorf, hat auch schon Biografien über Die Ärzte und die Red Hot Chili Peppers geschrieben. Ein weiteres Buch über eine Männer-Kombo? Beim Book Launch in Tim Raues Restaurant beschreibt Gäbler eindringlich, warum das Buch aktuell ist wie nie, und er unbedingt über die Gang von damals schreiben wollte.

36 Boys Autor
Schrieb auch schon über die Red Hot Chili Peppers ein Buch und stammt aus Zehlendorf: Der Autor Paul Gäbler beim Book Launch von „36 Boys“ in Raues Restaurant in Kreuzberg.© BM | Iris May

„40 Jahre später ist es leider nicht besser, sondern schlechter geworden für Jugendliche“, so Gäbler. Zahlreiche Projekte der Jugendsozialarbeit in Kreuzberg seien bereits eingestellt worden. „Die Kürzungen treffen genau die Orte, die für die ‚36 Boys‘ damals den Unterschied gemacht haben“, erzählt der Autor weiter. Die Gang-Mitglieder der „36 Boys“ hätten damals Menschen gehabt, die bedingungslos an sie geglaubt haben. Und sich ihren Weg gesucht.

„Die Jugendlichen waren nie das Problem“, ist er überzeugt. „Sie waren das Symptom einer Gesellschaft, die Weltoffenheit und Toleranz erst lernen musste und aktuell wieder große Schwierigkeiten damit hat.“ Die Frage, die er in seinem Buch stelle, sei deshalb keine historische, sondern eine universelle: „Überlassen wir junge Menschen, die sich nicht akzeptiert fühlen, der Straße, sich selbst?“ Wer keine Anerkennung erhält und keinen legitimen Weg findet, greife eben manchmal zu Gewalt und Regelbruch.

Ex-Gang-Mitglieder beim Book Launch: Was sie heute machen

Doch die Biografien der „36 Boys“ sind voller Aufsteigergeschichten: Viele der ehemaligen Gang-Mitglieder haben ihren Lebensweg erfolgreich gemeistert. Muzaffer „Muci“ Tosun wurde zum Kickbox-Weltmeister. Ali Simsek und Kaio K. waren als „Kiezläufer“ in Kreuzberg aktiv, also als eine Art Streetworker zur Deeskalation. Einer arbeitet seit 20 Jahren in der Kinder- und Jugendhilfe. Ein anderer wurde Wirtschaftsingenieur.

Neco Celik Filmemacher Ex Gangmitglied 36 Boys
Früher Gang-Mitglied, heute Filmemacher: Neco Çelik arbeitet gerade an der Serie „Berlin Kills Me“ mit Kida Khodr Ramadan als „Meister“ und Katharina Thalbach als „Madame Bora“.© BM | Iris May

Neco Çelik sitzt still in Raues Restaurant. „Neco war schon immer der Kreative“, wie Tim Raue anmerkt. Heute arbeitet er als Filmemacher. Seine Serie „Berlin Kills Me“ ist gerade in Arbeit. Sie spielt in der Türkei und natürlich in der Hauptstadt. Mit im Boot: Kida Khodr Ramadan und Katharina Thalbach.

Tim Raue: „In den Gangs gab es Gleichberechtigung“

In Gäblers neuem Buch „36 Boys“ geht es nicht um alle, nur um den „harten Kreis“, insgesamt etwa ein Dutzend Personen der „36 Boys“. Doch der Sozialverband der Youngsters in Kreuzberg bestand damals auch aus Frauen, die sich als „36 Girls“ organisierten. „In den Gangs gab es Gleichberechtigung“, wie Tim Raue berichtet. Das Oberhaupt dieser Girl-Gang war Arman Tülay, damals „Şeytan“ (dt. „Teufel“) genannt. Auch sie ist dabei.

Arman Tuelay
War früher Oberhaupt der Girl-Gang „36 Girls“: Arman Tülay, die Schwester von Muci und Sinan, zwei „36 Boys“-Gründungsmitgliedern. © BM | Iris May

Ging es damals bei den Mädchen genauso gewalttätig zu wie bei den Jungs? „Ja“, sagt Arman. „Es hat schon seinen Grund, dass mir vier Zähne fehlen, die mittlerweile durch Prothesen ersetzt sind.“ Woher kam der Hass aufeinander? „Mir ging es hauptsächlich darum, meine Brüder zu beschützen. Wir hatten unseren Vater sehr früh verloren. Sinan, übrigens der Hauptgründer der ‚36 Boys‘, war damals erst 17, Muci war 14 Jahre alt.“

Wie blickt sie heute auf die Geschehnisse? „Ich habe meine beiden Jungs völlig gewaltfrei erzogen. Mein älterer Sohn, er ist 31 Jahre alt, hat sogar den schwarzen Gürtel, aber trotzdem.“ Auch Tim Raue betont: „Ich bin heute absolut gegen Gewalt. Die Staatsgewalt soll für Ordnung sorgen.“