Vor 24 Jahren, als sich die beiden kennenlernten, hätte der ihn wohl für verrückt erklärt, wenn er von einem gemeinsamen Modelabel fabuliert hätte. Es war etwas ganz anderes, das die beiden verband: Sie waren Gründungsmitglieder der berüchtigten Kreuzberger Gang "36Boys".

"Damals suchten die Jugendlichen den Schutz der Gangs, um nicht abgezogen zu werden", sagt der 35-jährige Kömürcü. Hört sich harmloser an, als es war. Revierkämpfe waren an der Tagesordnung und Gegner gab's genug - vor allem in Wedding. Für Jungen genauso wie für die Mädchen. Wie viele "Mitglieder" die zwischen 1987 und Mitte der 90er-Jahre aktive Gang tatsächlich hatte, darüber ist man nicht ganz einig. "Das werden mit Mitläufern nachher schon mehr als 300 gewesen sein", sagt Kömürcü. Der "harte Kern" sei natürlich viel kleiner gewesen. Mode spielte damals bloß insofern eine Rolle, als dass die 36Boys ähnlich angezogen waren: Bomberjacken, viel Schwarz.

Im eigenen Laden hängen auch Bomberjacken, nun mit dem Logo der Gang, das Tosun sich schon 2005 hat schützen lassen. "Wir sind die einzige Gang weltweit, die das getan hat", sagt er. Seit zwei Jahren gibt es das Geschäft in einem Hof an der Kreuzberger Adalbertstraße. Nebenan ein Fischladen und die Türkische Frauenvereinigung. Man hat sich nicht weit entfernt von den alten Treffpunkten wie dem Kotti. Dass es sich beim Ladengeschäft um einen neuen Treffpunkt handelt, merkt man schnell. Freunde und Bekannte kommen vorbei, immer wieder Jugendliche. Das habe mit dem "Mythos" zu tun, sagt Muci Tosun. Dem Glauben daran, dass man aus dem Schlamassel herauskommen und etwas werden könne. "Es gibt mittlerweile viele ehemalige Gangmitglieder, die Vorbilder sind", sagt er. Der Rapper "Killa Hakan", der schon mit Sido und Xavier Naidoo zusammengearbeitet hat, vermarktet sich unter dem Label 36Boys. Genauso wie der 19-jährige Hip-Hopper MC Rex, der gerade im Bushido-Film zu sehen war. Tosun selbst ist sicher auch so ein Vorbild, er war schon Weltmeister im Kickboxen. Dann wäre da noch Sternekoch Tim Raue. Vor vielen Jahren war er der einzige Deutsche unter den 36Boys - heute führt er zwei Restaurants, die zum Adlon gehören.

Präsentation bei Tim Raue

Es sind gerade diese "Promis", die die Popularität einer Marke vorangebracht haben, die anfangs aus ein paar Kartons mit bedruckten T-Shirts bestand. Nun soll die Marke sich weiterentwickeln. Und weil das über die Jahre auch die Gang-Mitglieder getan haben, sind die Unternehmer strategisch vorgegangen. Unterstützung erhalten sie dabei von PR-Frau Hülya Ulusoy. "Wir haben nach einer Modeschule in Kreuzberg gesucht, um eine neue Kollektion zu entwickeln, die moderner sein soll", sagt sie. Dabei ist man gleich auf eine der renommiertesten gestoßen, aus der schon Label wie Kaviar Gauche hervorgegangen sind: die Esmod.

"Uns hat die Offenheit gefallen, mit der die 36Boys an uns herangetreten sind", sagt deren Leiter Klaus Metz, der bis dahin noch nie etwas von der Gang gehört hatte. Nun nehmen rund 60 Studierende aus dem ersten Ausbildungsjahr an einem Workshop teil. "Jeder entwirft eine komplette Kollektion. Aus allen Mappen werden anschließend die besten Teile für Männer und Frauen ausgewählt", erklärt Metz. "Wir sind damals mit der Schule ganz bewusst an die Görlitzer Straße gezogen, auch wenn uns manche für verrückt erklärt haben. Es waren die Brüche, die kreative Energie, die uns angezogen haben." Eine große Präsentation soll Ende Mai im Restaurant "Ma" von Raue stattfinden. "Wir denken darüber nach, eine Stiftung zu gründen", sagt Kömürcü. "Weil wir der Stadt etwas geben wollen und jetzt teilweise schon die Sozialarbeit im Kiez übernehmen." Was die neue Kollektion angeht, so denke man darüber nach, diese auch auf einer der Modemessen zu präsentieren. "Es ist erstaunlich, wo das Label 36Boys mittlerweile getragen wird", sagt Hülya Ulusoy. "In Potsdam, in Westdeutschland - sogar in Wedding."