Die gemeinnützige Unternehmergesellschaft Bildung4Finance hat soeben mit Kerstin Drobick, der Gleichstellungsbeauftragten des Bezirksamts Mitte, das Projekt „Finanzbildung für alle Lebenslagen – alltagsnahe Ansätze für mehr finanzielle Selbstbestimmung“ umgesetzt. Ein Projekt, das Frauen und Alleinerziehenden den Zugang zu Finanzbildung erleichtern will. Zur Abschlussveranstaltung waren Fachkräfte, Multiplikatoren und Bürger am Dienstag ins Rathaus Tiergarten eingeladen.

Finanzmanagement Frauen graphicrecording Mutter Doppelbelastung Kind Care Arbeit
„Finanzen machen mir Angst!“ sagten mehrere Frauen bei der Befragung von Bildung4Finance. Im Alltagskampf, aufgerieben zwischen Job und Care-Arbeit, bleibt wenig Zeit, sich um Geldthemen zu kümmern.© BM | Iris May

„Eigentlich gibt es nur zwei Variablen“, erklärt Carolin Gaffron, Gründerin von Bildung4Finance. „Entweder indem man seine Einnahmen erhöht, oder indem man seine Ausgaben herunterschraubt.“ Gerade bei Müttern, die oft entweder in Teilzeit oder gar nicht arbeiten, sei die Stellschraube, entweder mehr zu arbeiten oder zu gucken, wo die ganzen Ausgaben hingehen.

Equal Pay Day im Rathaus Tiergarten in Berlin
Kerstin Drobick, Gleichstellungsbeauftragte vom Bezirksamt Berlin-Mitte, und Carsten Spallek (CDU), Mittes stv. Bezirksbürgermeister, hissen im Februar eine Flagge zum Equal Pay Day vorm Rathaus.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Mittes Gleichstellungsbeauftragte Drobick wies mit Nachdruck auf den „Elefanten im Raum“ hin: die finanzielle Abhängigkeit von den Partnern, die durch patriarchale Rollenmuster in der ganzen Gesellschaft und allen Bildungsgraden vorkommt. Außerdem die drohende Armut für Alleinerziehende, auf die sich die sozialen Träger schon einstellen, sollten die Sozialreformen so durchgehen, wie sie aktuell geplant sind, inklusive Kürzungen beim Unterhaltsvorschuss. Daher die große Notwendigkeit für Finanzbildung.

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Altersvorsorge: „Schon kleine Beträge reichen“

„Es sind fast nur Frauen, die von Altersarmut betroffen sind“, so Gaffron. Rechtzeitige Finanzbildung sei die beste Vorbeugung gegen Armut und finanzielle Abhängigkeit. Gaffron rechnet vor: Bereits der Verzicht auf den Coffee to go für 3,50 Euro zweimal pro Woche, die stattdessen auf die hohe Kante gelegt werden, summiert sich nach 20 Jahren bei 3-prozentiger Verzinsung auf etwa 9000 Euro.

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Was sagt eine Finanzexpertin aus der Praxis dazu? Kristina Danailova, Leitende Repräsentantin des Versicherers Ergo Pro in Berlin, bestätigt, dass finanzielle Vorsorge kein großes Vermögen voraussetzt: „Viele glauben, man müsse erhebliche Summen zurücklegen. Dabei können bereits regelmäßige Beträge von beispielsweise 50 Euro im Monat langfristig zu einem soliden Kapitalaufbau beitragen.“

Frauen beziehen weniger Rente

Für Danailova ist die Bekämpfung von Altersarmut bei Frauen ein Herzensthema. Sie berät seit Jahren im Bereich der fondsgebundenen Altersvorsorge. Dabei beobachtet sie ein wiederkehrendes Muster: „Viele Frauen, die sich von mir beraten lassen, gehen davon aus, dass finanzielle Themen in der Partnerschaft überwiegend vom Mann übernommen werden.

Kapitalismus und Patriarchat
Kapitalismus und Patriarchat gelten als die Wurzel von Altersarmut bei Frauen. Allerdings spielt auch Unerfahrenheit in Gelddingen eine Rolle.© BM | graphicrecording.cool

Genau darin liegt jedoch ein wesentlicher Grund, warum Frauen häufiger von Altersarmut betroffen sind als Männer“, so Danailova. Ein Blick auf die Statistik bestätigt diese Einschätzung: Während Frauen im Durchschnitt eine monatliche Rente von rund 900 Euro brutto erhalten, liegt diese bei Männern bei etwa 1300 Euro.

Gesetzliche Rente 
Altersarmut: Die meisten Frauen bezogen 2024 maximal 1200 Euro Rente. Die meisten Männer hingegen maximal 1800 Euro Rente.© BM | Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Und genau das sei der Grund, warum Frauen mehr an Altersarmut leiden als Männer. „Man sieht es auch, wenn man sich die Statistiken anschaut. Die meisten Renten der Frauen liegen bei 900 Euro brutto. Die der Männer bei rund 1300 Euro brutto.“ Von 900 Euro sei es fast unmöglich, alleine zu überleben, vor allem in Berlin. Viele Frauen dächten, man müsse viel Geld zurücklegen, dabei würden selbst kleine Beträge, zum Beispiel 50 Euro im Monat, reichen, um im Alter ein ausreichendes Vermögen zu haben.

Finanzen: „Ein Bereich, in dem Chaos herrschte“

Die Journalistin Jana Treffler, früher Redaktionsmitglied bei der Morgenpost in Vollzeit, ist Mutter eines anderthalbjährigen Jungen. „Für mich hat mein Kind alles verändert. Ich hatte ein stabiles Einkommen und starte jetzt in die Freiberuflichkeit. Steuernummer für Freiberufler beantragen, an die Altersvorsorge denken, und solche Dinge. Mir fehlte schlicht das Wissen. Ich hatte schnell das Gefühl, dass Finanzen ein großes, komplexes Thema sind, mit dem ich mich nicht gerne beschäftigen will.“

Chaos im Kopf
Schulmaterial, Miete, Medikamente, Kleidung und Windeln: Bei all den Zahlungen entsteht schnell mal ein „Chaos im Kopf“, wie viele Frauen beim Finanzprojekt berichteten.© BM | graphic recording / Tiziana Beck und Johanna Benz

Finanzen seien der einzige Bereich gewesen, in dem bei Treffler Chaos herrschte. Daher besuchte sie ein Online-Seminar bei Bildung4Finance. Hat das gereicht? „Nein“, sagt die 31-Jährige. „Ich werde wohl weitere Seminare besuchen. Finanzielle Unabhängigkeit ist mir sehr wichtig.“

Finanzbildung: Was sie bewirkt

In Berlin leben bundesweit die meisten Alleinerziehenden. Besonders viele Single-Eltern gibt es im Herzen der Hauptstadt. Laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (AfS) sind im Bezirk Mitte 10.104 Menschen alleinerziehend. 28 Prozent von ihnen, also fast jeder Dritte, ist armutsgefährdet, so Bildung4Finance. Nachdem sie Bildungsangebote wahrgenommen hatten, fühlten die Frauen sich sicherer und finanziell unabhängiger.

Weitere Infos auf der Website für Alleinerziehende in Mitte oder der Website von Bildung4Finance