Techno-Musikproduzent, Hochglanz-Fotograf, Immobilien-Investor, Kunstkenner, Museumsbetreiber - Für Yoram Roth ist es nicht leicht ein Label zu finden, das ihn in all seinen Facetten beschreibt. Zum Spaziergang treffen wir uns vor der Bakery des Museums Fotografiska, wo es frisch gebackene Riesen-Zimtschnecken und duftenden Cappuccino to Go gibt. Als mir der energiegeladene 56-Jährige mit dem Dreitagebart und dem transparenten Brillengestell im Kaschmirmantel, den Seidenschal nonchalant um den Hals gelegt, gegenübersteht, fällt mir doch eine gute Umschreibung ein: „Steve Jobs für Kultur“. Das Label gefällt ihm.
Podcast „Richter und Denker“ mit Yoram Roth
Familienbande nach Berlin, New York und Oxford
Yoram Roth hat drei Söhne, einer lebt und arbeitet mit ihm in Berlin, der zweite studiert Geschichte in Oxford und der dritte macht gerade sein Abitur an einer Schule in New York. Gerade ist er wieder aus New York gekommen. Ich frage ihn, in welcher Zeitzone er gerade lebt, er sagt: „Berlin“ und begründet es mit seiner Mutter, die „nicht supergesund ist“ und um die er sich kümmert. Sein Vater, der Immobilien-Investor Rafael Roth ist bereits 2013 in Berlin verstorben. Von ihm lernte Yoram Roth bereits in den 90er Jahren wie Business geht. Immobilien sind seit drei Generationen in der DNA der Familie Roth. Er selbst habe Immobilien unglaublich langweilig gefunden, obwohl er als junger Mann seinem Vater jahrelang „die Tasche getragen“ habe. „Ich wollte in den 90ern lieber etwas mit Kultur machen, deshalb habe ich am Tag mit meinem Vater gearbeitet und nachts mein Techno-Label vorangetrieben.“ Geschlafen habe er wenig.
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Yoram Roth: „Ich arbeite gern und viel“
Wieviele Stunden sein Tag eigentlich hat und ob er heute ab und zu schläft, will ich von ihm wissen. Er schätzt, dass er 80 bis 100 Wochenstunden arbeitet. „Ich will aber nicht so tun, als ob ich das doof fände“, fügt er hinzu. „Ich arbeite gern und viel. Ich glaube, so geht es jedem Entrepreneur. Jede wache Stunden gilt als Arbeitsstunde. Man macht sowas, weil man es liebt. Man denkt sowieso den ganzen Tag dran. Eine Gruppe von Museen aufzubauen, wie bei Fotografiska, das es in Stockholm, New York, Talinn, Shanghai und Berlin gibt, sei ein kreativer Vorgang.“

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Seine Schulkarriere war holprig: In den Teenagerjahren flog Yoram Roth mehrmals von Schulen (nach eigenen Angaben mit 13, 15 und 16). Er habe damals nur Mädchen, Kunst und Musik im Kopf gehabt Im Alter von 26 Jahren ging Roth für 12 Jahre nach Los Angeles, baute dort zwei Softwarefirmen für Musik- und Fotografie-Lizenzrechte auf. 2006 kam er nach Europa zurück, weil sein Vater wollte, dass er Hotels führte, in die er investiert hatte. Die Hotels wurden finanziert wie eine Immobilie, aber im Tagesgeschäft geführt mit einer „gewissen Feinfühligkeit.“ Es ging darum, wie man die Erfahrung des Kunden jeden Tag ein bißchen besser machen kann. Aus dieser Erfahrung ergab sich für Yoram Roth die Erkenntnis, wie er Fotografiska führen möchte.
Der Schlachtruf der Künstler-Community im Tacheles lautete „In Art We Trust“. Ob er nicht manchmal beim Durchstreifen des Gebäudes Lust habe, die Business-Welt hinter sich zu lassen und als unabhängiger Künstler zu leben? Immerhin waren seine fotografischen Akte bei „Camera Work“ ausgestellt. Doch der 56-Jährige hat das Fotografieren aufgegeben. „Kunst kann man nicht nebenbei machen.“ Seine eigenen Bilder werde er nie bei Fotografiska ausstellen. „Das maße ich mir nicht an, ich habe auch das Studio aufgegeben.“
Yoram Roth: „Kunst ist nicht das Gegenteil von Kommerz“
Neben verschiedenen anderen Firmen, die auf Community basieren, gehört Roth mehrheitlich die Co-Working Gruppe NeueHouse. Mit dem britischen Privatclub Soho House, der 2010 in Berlin eröffnet hat, verbindet das Unternehmen nur die Namensähnlichkeit. NeueHouse sei eher ein Social Club und komme der Art, wie ein junges, kulturell engagiertes und interessiertes Publikum Kunst konsumieren will, entgegen. „Deshalb haben wir lange offen, bis 23 Uhr oder länger, weil unser Publikum nach der Arbeit kommt.“
Dass Yoram Roth sehr leidenschaftlich ist, wenn es um seine Museen und um Kunst geht, merkt man ihm an. Das Pendant in New Yorks nobler Park Avenue gewann einen Preis als „Best Hidden Gem in the US“, was so viel heißt wie das „bestversteckte Juwel“ der USA. Auch das Museum Fotografiska in Berlin ist ein fein abgestimmtes Universum, bei dem jedes Detail stimmt. Die Auswahl der Künstler ist kontrovers und besonders, aber am Puls der Zeit. Die Leder- und Samt-Sofas im Fotografiska-Café sind Maßanfertigungen des Berliner Interior Designers Werner Aisslinger. Die Speisen sind cosmopolitan, aber nicht zu fancy, leicht und gesund. Das Entdecken und Präsentieren neuer Künstler, wie beispielsweise den senegalesischen Foto-Storyteller Omar Victor Diop, ist eines der Dinge, die Yoram Roth glücklich machen, sagt er.
Es gibt Kritiker, die ihm vorwerfen, dass er mit den Museen Geld verdienen will. Yoram Roth dazu: „Der Gedanke, dass Kunst das Gegenteil von Kommerz ist, ist eine kindische Fantasie.“ Bilder und Wortfetzen ballen sich in meinem Kopf zusammen. Ich denke an Wowereits geflügeltes Wort, dass Berlin „arm, aber sexy“ sei. Ich denke an Vincent van Gogh, der zeitlebens nur ein Bild verkauft hat und lasse die bettelarmen Peintres Maudites in Montparnasse vor meinem geistigen Auge vorüberziehen. Suzanne Valadon, Joan Miró, Max Ernst, Giorgio de Chirico, Amedeo Modigliani, Marc Chagall. Nur Pablo Picasso hat sich geschickt vermarktet und wurde reich. Vielleicht bin auch ich wirklich kindisch und naiv, idealisiere Künstlerkommunen und das Leben der Bohème.
Yoram Roth: „In Joe Chialo haben wir einen unglaublich guten Kultursenator“
Bevor ich noch weiter mit Yoram Roth über Kunst und Kommerz philosophieren kann, hat er mich eigentlich schon längst auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. „Ich bin sehr stolz darauf, dass wir in Berlin ein Kunst-Budget von über einer Milliarde Euro haben, eine Riesenzahl“, sagt Roth. „Dass wir in einer Stadt leben, die Kunst so unterstützt, dass Berlin einen so großen Kunstetat besitze. Mit Joe Chialo haben wir einen wirklich guten Kultursenator, der selber aus der Musikszene kommt, der Kunst versteht und der unheimlich viel für die Stadt tut. „Aber man kann auch Kunst machen und Kunst zeigen ohne Staatsgelder“, erklärt er. „Es ist nicht schwerer, es ist einfach ein anderer Vorgang.“
Er arbeite viel mit der National Portrait Gallery in London zusammen. Aber selbst dieses Museum bekomme nur 23 Prozent des Geldes vom Staat und müsse den Rest selbst erwirtschaften. Yoram Roth erläutert die Härten, die es mit sich bringt, Budgets vom Staat oder von Stiftungen zu erbitten. Kunst, die sich selbst trägt, die aus sich selbst finanzert werden kann, ja, warum eigentlich nicht?, denke ich, während Roth weiterspricht: „Jeder, der mal als Künstler aktiv war, wünscht sich, dass es auch Sammler gibt, die die Kunstwerke kaufen und dass diese von Kunstkritikern gelobt und gefeiert werden.“ Es gehe nicht darum, das Geld vom Tisch zu nehmen und reich zu sein. Jeder Künstler brauche Kapital, und sei es nur, um es in die nächste Musikproduktion oder den nächsten Workshop, die nächste Ausstellung mit einem großen Künstler zu investieren.
Sechs Jahre hat es gedauert, bis Yoram Roth 2023 das Museum Fotografiska in Berlin eröffnen konnte. Die Pandemie und Lieferkettenprobleme hätten den Prozess verzögert. Das Tacheles habe er in den 90er Jahren als Kunsthaus erlebt, 1991 als er sein Techno-Label D‘Vision Records gegründet hatte und viel in Berlin unterwegs war. „Es gab damals viele Gebäude, die kulturell umgenutzt worden waren, wie die Praxis Dr McCoy oder den ursprünglichen Techno-Club WMF. Für Menschen, die in der Technoszene unterwegs waren, war das Tacheles nicht unbedingt der relevanteste Anlaufort“, erinnert er sich. Die wildgestalteten Graffitis und die brachialen Metalltüren im Tacheles liebt er allerdings. „Das sind alles kreative Kunstwerke, die mich inspirieren.“

Wortlose Statements für Frieden und Toleranz
Yoram Roth möchte nicht über den Nahost-Konflikt sprechen. Dass Yoram Roth als deutsch-jüdischer Berliner Yousef Hammoudah zum Museumsdirektor machte, ist sein gelebtes Statement für den Frieden. Der 47-Jährige ist in Saudi Arabien geboren und hat palästinensische Wurzeln. Wie Roth verabscheut auch Hammoudah Gewalt. Dies erklärten beide im Oktober 2023 auf LinkedIn. Mehr sei dazu nicht zu sagen. „Wenn die größten Politiker, die größten Historiker und Philosophen das Problem nicht lösen können, was soll ich dann als Museumsbesitzer dazu sagen?“ Er werde ohnehin angefeindet, direkt oder über Social Mediakanäle, viele Hassbotschaften seien anonym und kämen von Trollfarmen. Einmal schrieb ihm jemand, er wünsche ihm, dass seine Kinder vor seinen Augen umgebracht werden.
Yoram Roth: „Ich fühle mich in Berlin nicht mehr sicher“
Die Frage, ob er sich in Berlin sicher fühle, trifft bei Yoram Roth offenbar einen wunden Punkt. Am liebsten würde ich die Frage wieder zurückziehen, weil ich merke, dass die Antwort ihn schmerzt. „Zum ersten Mal in meinem Leben fällt es mir sehr schwer, diese Frage wirklich zu beantworten“, sagt er. „Es ist das erste Mal, dass ich mir nicht hundertprotzentig sicher vorkomme.“ Sein Vater sei in Berlin geboren, habe 1938 fliehen müssen.
Der Rest der Familie sei komplett zerstört worden. „Mein Vater ist zurückgekommen und war sehr, sehr stolz Deutscher zu sein und ich bin auch sehr stolz Deutscher zu sein. Ich finde es bemerkenswert, wie die Deutschen, zumindest die Westdeutschen, sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Aber ich fühle mich zum ersten Mal in meinem Leben nicht mehr sicher - von allen Seiten nicht.“ In Deutschland seien wir aber immer noch sicherer als woanders, beendet Yoram Roth das Thema.
Deutsch-deutsche Geschichte bei der Familie Roth
Berlins allgegenwärtige Geschichte holt Yoram Roth in den Straßen seiner Kindheit manchmal ein. Geboren 1968 war er als Kind ein West-Berliner und musste an den DDR-Wachposten vorbei die Bornholmer Straße überqueren, um seine Großeltern mütterlicherseits drüben in Ost-Berlin zu besuchen. Der Vater sei im November 1933 in der Schönhauser Allee Ecke Milastrasse geboren, in der Geburtsurkunde war schon ein Hakenkreuz. Relativ spät, im Jahr 1938, floh die Familie Roth aus Deutschland. „Das waren Deutsche, die sprachen kein Jiddisch und kein Hebräisch und ihre Immobilien konnten sie auch nicht mitnehmen.
Die Familie habe lange gehofft, dass sich die politische Lage wieder entspannt, „gerade weil Berlin nie so nazifiziert war wie andere Städte in Deutschland“, sagt Yoram Roth. „Es gab sehr progressive Strömungen in Berlin, das rote Wedding beispielsweise.“ Yoram Roths Mutter, 1940 in der Linienstraße geboren, konvertierte erst 1957 zur jüdischen Religion, nachdem sie mit 17 den nach Deutschland zurückgekehrten Rafael Roth kennengelernt hatte. Dass seine Familiengeschichte unique ist, denkt Yoram Roth nicht. „Jeder, der einen Krieg durchmachen musste, hat solche Stories auf Lager, wenn man etwas nachbohrt, findet man sie.“

Yoram Roth: So stark ist er in Berlin verwurzelt
Yoram Roth hat nach seinen eigenen Worten keine Lebensphilosophie, will aber eine entwickeln, wenn er je Zeit dafür findet. Auch Yoga möchte er eines Tages viel mehr machen, wenn er Zeit dafür findet. Die Berliner Schnauze liebt Yoram Roth, er findet sogar Parallelen in anderen Metropolen: „Es gibt in Berlin, in New York und in Shanghai einen Umgangston, den wir intern als humorvolle Schnauze erkennen, aber für jemand, der vom Land kommt ist er ein Schreck. Diese halbfreundliche, saloppe Schnauze. “ Er habe zwar gerne in New York und Los Angeles gelebt. Aber als er Kinder hatte, war ihm klar, dass er wollte, dass diese in Europa aufwachsen, am liebsten in Deutschland, und wenn in Deutschland kam nur Berlin in Frage.
In Berlin unterstützt er den Verein „Be an Angel“, der das Restaurant „Kreuzberger Himmel“ betreibt, das von Flüchtlingen betrieben wird. „Jeder will dass die Menschen, die nach Berlin kommen, sich integrieren, aber kaum einer will ihnen die Hand reichen.“ Andreas Tölke könne man nicht dankbar genug sein. Ich hätte noch ewig so weiterplaudern können mit Yoram Roth, doch er muss zum nächsten Termin. „Die Zeit vergeht immer so schnell,“ sagt er zum Schluss. „Auf einmal ist man über 50 und weiß überhaupt nicht, wie das passieren konnte.“




