Im Tacheles geht es endlich wieder um Kunst – auch wenn sie sich ein wenig anders gibt, als es sich die Besetzer, die das Haus kurz nach der Wende vor dem Abriss retteten, wohl erträumt haben. Die Freiflächen sind verbaut, an Netflix, Pfizer, Rewe und Rossmann vergeben. Luxuseigentum gruppiert sich um einen privaten Platz, aber auch zwei neue öffentliche Plätze sind entstanden.

An der Oranienburger Straße strahlt die historische Kaufhausfassade wieder mit den hohen Rundbögen und dem noch höheren Torbogen, den man durchschritt auf dem Weg zur Glaskuppel über der einstigen Passage. Jetzt ist der Durchgang zur Friedrichstraße nach oben offen. Der Name „Tacheles“ geht zurück auf eine Punkband, er wurde für das neue Quartier beibehalten, das umgedrehte „A“ im Schriftzug über dem Torbogen soll wohl an die wilden Zeiten erinnern. Oder an einen zynischen Investorenwitz, in der Mathematik steht das umgedrehte „A“ nämlich für „für alle“.

Ob das für das neue Kunsthaus gilt? „Fotografiska“, das die rund 5000 Quadratmeter des Altbaus bespielt, ist eine expandierende private Museumsgründung mit Mutterhaus in Stockholm und Filialen in Tallinn, New York, Shanghai und jetzt auch in Berlin. Natürlich – würde Yousef Hammoudah sagen, der neue Leiter des Hauses, preisgekrönter Markenstratege und Autor eines Buches für ein erfülltes Leben mit dazugehörigem Podcast. In Zeiten von kultureller Spaltung soll es für offene Türen und Barrierefreiheit, Nachhaltigkeit, Freiheit und Gerechtigkeit stehen und mit den Mitteln der Fotografie und der Kunst eine Brücke schlagen in die Gesellschaft und in die Stadt.

Das Museum „Fotografiska“ finanziert sich über Tickets, Bar und Ballsaal

Hinter ihm steht Yoram Roth, Chairman und Mehrheitseigentümer von „Fotografiska“. Roth, 1968 in Berlin geboren als Sohn des 2013 verstorbenen City-West-Investors und Mäzens des Jüdischen Museums, Rafael Roth, ist Neubesitzer von Clärchens Ballhaus und selbst Kunst-Fotograf mit Ausstellungen in der Berliner Galerie Camera Work. Der er jetzt Konkurrenz machen will. Oder auch nicht. „Fotografiska“ ist keine Verkaufsgalerie, sondern finanziert sich über Eintrittsgeld, Restaurant, Bar, Ballsaal und Store mit täglichen Öffnungszeiten bis 23 Uhr, Ausstellungen miteingeschlossen. Das ist für Berlin neu.

Der 1968 in Berlin geborene Yoram Roth ist Chairman und Mehrheitseigentümer des privaten Museums „Fotografiska“.
Der 1968 in Berlin geborene Yoram Roth ist Chairman und Mehrheitseigentümer des privaten Museums „Fotografiska“. © Florian Boillot

Aus der Fassade ragt das ehemalige Kinoankündigungs-Dreieck weit über den Bürgersteig und wirkt trotz des Relaunch mit „Grand-Opening“-Aufschrift, noch immer etwas statisch prekär. Darunter in goldenen Lettern: The contemporary museum of photography, art & culture. Eine ständige Sammlung aber wird es nicht geben, dafür bis zu fünf gleichzeitige Ausstellungen. Dass „Museum“ aber doch nicht komplett zu hoch gegriffen ist, merkt man spätestens im historischen Treppenhaus. Es wurde unter strengen Denkmalschutzauflagen restauriert. Das Kunststück ist gelungen, Graffitis, Plakate, Sticker, Kritzeleien, Metalltüren strahlen nicht in Hochglanz, sondern wirken noch immer authentisch.

Die Aura des alten Tacheles ist noch da. Die Künstlerinnen dieser Arbeiten fordern angesichts der Kommerzialisierung des Hauses mehr Würdigung und Zugang. Das Haus stünde ihnen immer offen, verspricht Yoram Roth, Namensschilder und Erklärungen würden ergänzt. Der Kontrast vom organisch-gewachsenen Treppenhaus zur durchgestylten Clubatmosphäre in der Dachterrassen-Bar und zu den cleanen, schwarzen Ausstellungsräumen ist natürlich reizvoll. Aber wird Berlin mit so viel kalkulierter Perfektion fertig werden?

Der Schau ist eine Triggerwarnung vor rassistischen Inhalten vorangestellt

Begeistern dürften die drei Eröffnungsausstellungen, die deutlich machen, dass „Fotografiska“ kein reines Fotomuseum ist, sondern die Fotografie als Ausgangspunkt für unterschiedliche künstlerische Ausdrucksarten sieht. Von der amerikanischen Performerin und Multimediakünstlerin Diana Huxtable und von der aus Südafrika stammenden Candice Breitz werden deshalb auch Videoarbeiten zu sehen sein. Beide sind international bekannt, Breitz lebt seit 2002 in Berlin und beschäftigt sich mit Popkultur, Rassismus und Genderthemen.

In der zweiteiligen Videoinstallation „Whiteface“ enttarnt sie auf sehr amüsante Weise den inneren Rassisten, auch ihren eigenen, indem sie sich gesammelte Originalzitate von weißen, bekannten und unbekannten Menschen in den Mund legt oder mantraartig wiederholen lässt. Deutsche Entsprechungen wären Sätze wie : „Für mich sind alle Menschen gleich“ oder „Einige meiner besten Freunde sind schwarz“, die mal mehr, mal weniger offen und manchmal auch nur aus Unwissenheit rassistisch sind. Der Ausstellung ist eine Triggerwarnung vor rassistischen Inhalten vorangestellt. Man will hier alles richtig machen – von geschlechtsneutralen Toiletten bis zur Anrufung der Veronika (so heißt das Restaurant) als Patronin der Fotografie.

Und stellt deshalb zum Auftakt auch in der dritten Schau, der Gruppenausstellung „Nude“ nur Frauen aus. 30, zum Teil noch nicht ganz so bekannte Künstlerinnen aus 20 Ländern eint der Klassiker der Fotografie, der Akt. Auch hier spielen aktuelle Fragen nach Identität, Gender, Race oder Bodypositivity die Hauptrollen. Viki Kollerova lässt ihren Körper auf Selbstporträts mit der Natur Kretas verschmelzen, sie verschwindet in Felsspalten, Höhlen und Steinmauern. Yoshi Li gruppiert nackte Männer um bekleidete Frauen und kehrt so altbekannte Playboy-Motive um. Alix Marie baut mit Vorhängen, die mit fotografierten Frauen-Oberkörpern bedruckt sind, eine Art umgekehrten Uterus. Evelyn Bencicova fotografiert verschiedenfarbige Beine, zum Bergpanorama aufgestellt, das sich im See spiegelt. Die Vielfalt der Körperdarstellungen und Perspektiven macht auf jeden Fall großen Spaß.