Ein musikalisch fulminanter Auftakt läutete Joe Chialos Dom-Besuch am Donnerstag ein. Er hatte sich, wie Kuratoriumsvorstand Felix von Schmeling zu Beginn erklärte, das mittelalterliche Orgelstück „Ad mortem festinamus“ (deutsch: „Wir eilen dem Tod entgegen“) gewünscht. Dieses wurde gewaltig und unkonventionell von dem Orgelvirtuosen Marco Heise vorgetragen und entfaltete im Dom eine grandiose Akustik, die das zahlreich erschienene Publikum nicht unberührt lassen konnte.
Persönliches Zwiegespräch mit Joe Chialo und Maria Ossowski
„Weltkulturstadt, Wertewandel und der Wunsch nach mehr Geld“ war das Thema beim Gespräch mit Berlins Kultursenator Joe Chialo am Donnerstag im Berliner Dom, das von der Kulturjournalistin Maria Ossowski moderiert wurde. Das evangelische Gotteshaus am Lustgarten wird derzeit renoviert. Die Instandsetzung soll aber deutlich teurer werden als geplant, Spenden sind dringend notwendig, um den Unterbau der Kuppel, Tambour genannt, zu retten. Doch der Abend wurde ein Interview mit Chialo, in dem der Dom nicht vorkam, die Besucher aber sehr viel über Berlins Kultursenator und seine Pläne erfuhren

Chialo: „Es kommt auf das Herz an, nicht auf die Religion“
Chialo, ehemaliger katholischer Klosterschüler, ist bekennender Christ. Zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner setzte er sich gerade erst für Religion als Wahlpflichtfach in Berlin ein. Beim Gespräch im Dom betonte er: „Es kommt drauf an, was man für ein Herz hat, nicht welche Religion man hat.“ Sein Vater habe die Familie als „kathengolisch“ bezeichnet.
Besonders leidenschaftlich sprach Chialo über das Thema der Zentralen Landesbibliothek (ZLB). Deren Umzug in das Quartier 207 in der Friedrichstraße liegt dem Kultursenator am Herzen. Sein Team habe jetzt einen Plan, habe die Hausaufgaben gemacht: Die Orte, bei denen man sich zentral treffen kann, Orte des Denkens, seien rar geworden. „Es ist eine Jahrhundert-Chance“, sagte er. Schon 1914 habe man ähnliche Pläne verfolgt. Ihm sei bewusst, dass es eine Frage der Finanzierung sei, und die Haushaltslage angespannt, doch die Renovierung der ZLB wäre in jedem Fall teurer als der Kauf des Gebäudes in der Friedrichstraße.
Auch die Antisemitismus-Klausel, die Chialo Ende Januar zurückzog, kam zur Sprache: Kiziltepe, Wegner, Chialo und andere hätten eine Aktionsgruppe gebildet, in der eine neue Klausel für Toleranz entwickelt werden soll. Darin soll es nicht nur um Antisemitismus gehen, sondern auch „um die anderen Ismen“.
Chialo über seine Pläne: „Gottes Wege sind unergründlich“
Ein anderes Politik-Ressort als das der Kultur habe sich Chialo nicht vorstellen können. Gefragt nach seinen Plänen für die Zukunft, antwortete der 54-Jährige, der stark von seinem Mentor, dem Salesianer-Pater Karl Oerder (✝2019) geprägt worden ist: „Ich arbeite im Weinberg des Herren und die Wege des Herren sind unergründlich.“ Sein wunder Punkt sei, dass er gerade zu wenig Zeit für seine sechsjährige Tochter und seine Mutter habe. Sein Leben sei derzeit sehr schnell getaktet, die Zeit auf Erden limitiert und seine Tochter werde nicht ewig klein bleiben. Er freue sich jedoch darauf, das kommende Wochenende mit ihr zu verbringen, da er genau wisse, dass darauf vier arbeitsreiche Wochen ohne Pause folgen werden.
Am Schluss ein kleiner „Werbeblock“ - aber nicht vom Kultursenator
Fazit: Das Gespräch mit Joe Chialo, zu dem auch Prinz Christian Ludwig von Preussen als Vertreter der Hohenzollern kam, war ein liebenswerter Einblick in das Leben einer schillernd-exotischen Persönlichkeit, die in der Politik ihresgleichen sucht. Ein Spendenaufruf für die Sanierung des Doms, wie ihn manch Denkmalschützer oder Stiftungsmitglied vielleicht erhofft hat, kam Chialo an diesem Abend nicht über die Lippen.
Felix von Schmeling fügte daher zum Schluss augenzwinkernd noch einen „kleinen Werbeblock“ hinzu. „Die Domstiftung hat einiges ermöglicht, was sonst nicht möglich gewesen wäre“, sagte er. In Kürze werde es ein Kunstprojekt zum Weltflüchtlingstag geben. Am Ausgang könne man spenden und einen Flyer über die Stiftung mitnehmen.


