• Die Lage am Leopoldplatz in Wedding eskaliert immer weiter
  • Der Platz gilt seit Jahren als Drogen-Hotspot
  • Auf einer Versammlung schildern Anwohner die Lage in drastischen Worten – und kritisieren Polizei und Bezirk

Berlin. Die Ratlosigkeit ist mit Händen zu greifen im BVV-Saal des alten Rathauses Wedding. 150 Anwohner, Akteure und Geschäftsleute sind am Mittwochabend gekommen, um sich über die immer weiter eskalierende Lage auf und rund um einen der wichtigsten Plätze des Wedding auszutauschen. Es geht um den Leopoldplatz.

Trotz eines schon lange währenden Eingreifens des Bezirksamts Mitte eskaliert die Situation. „Mit der massiven Ankunft von Crack hat sich alles verändert“, sagt einer. Eine Geschäftsfrau meint, vor 20 Jahren sei es auf dem Platz noch schön gewesen. „Es hat sich verändert, weil die Polizei nicht in der Lage ist, gegen die Drogen vorzugehen“, sagt sie. Inzwischen sei sie weggezogen.

Silke Rothardt, Leiterin des zuständigen Polizeiabschnitts 17, redet gar nichts erst schön. Das vor rund zehn Jahren entwickelte Konzept „Ein Platz für alle“ mit Platzdienst, dem Sozialcafé Leo, Drogenhilfe, Räumen und speziellen Flächen für Drogen-Konsumenten, funktioniere nicht mehr. Das Konzept ging mal von einer Gruppe von 40 Personen aus, so die erfahrene Polizistin, die über 200 Beamte verfügt. Inzwischen rede man mindestens die dreifache Zahl. Klassische Klienten würden deshalb in Hauseingänge und auf andere Plätze ausweichen. „Eine Gruppe wurde durch eine andere verdrängt“, sagt Rothardt.

Am Leopoldplatz kacken Leute laut Anwohnern in die Flure

Entsprechend drastisch schildern die Anwohner die Lage. Die Leute kacken in die Flure, sagt einer. Er rufe oft die Polizei, wenn er Drogendeals beobachte, berichtet ein anderer. Kein Funkwagen komme. Die öffentliche Toiletten seien Kloaken, wo die Leute Drogen konsumieren. Aggressive Crack-Nutzer liefen mit Machete durch die Gegend, so ein weiterer Anwohner.

Die Nazareth-Kirchgemeinde liegt direkt am Leopoldplatz in einem kriminalitätsbelasteten Schwerpunkt.
Die Nazareth-Kirchgemeinde liegt direkt am Leopoldplatz in einem kriminalitätsbelasteten Schwerpunkt. © Reto Klar

Die Nachbarn hätten durchaus auch Mitleid mit den Drogenkranken. Aber es gehe nicht, dass 300 Menschen Tausende Nachbarn terrorisierten. „Wir befinden uns nicht mehr im Bereich der subjektiven Angst“, sagt ein Mann: „Wir erleben hier regelmäßig Straftaten.“ Ein anderer sagt, man müsste auch über die Opfer reden. Wenn Tag für Tag auf dem Platz Straftäter herumlaufen, dann sei das Konzept eines Platzes für alle gescheitert, so der junge Mann, der nach eigener Aussage gerade den Grünen beigetreten ist und früher in der CDU war. Er plädiert für eine Nebenwache der Polizei und eine Videoüberwachung für den Platz.

Einig sind sich im Grund alle Teilnehmer in der sehr gesittet verlaufenden Debatte, dass es keine Lösung sei, wenn die Polizei den Platz immer mal räumte. „Wo sollen die Leute denn hin“, fragt die Polizistin. „Nach Zehlendorf“, ruft eine Zuhörerin und erntet Lachen und Applaus.

Nachbar berichtet von wilden Obdachlosencamps am Leopoldplatz

Die Leute hätten ein Recht, sich auf dem Platz aufzuhalten, so die Polizistin. „Aber es geht darum, was sie hier machen“, so ein junger Mann. Ein anderer Nachbar, der seit 14 Jahren am Platz wohnt, berichtet von wilden Obdachlosencamps in der Umgebung. Das liegt nach seiner Wahrnehmung auch an einer gewissen „Magnetwirkung“ des „Leos“ für Wohnungslose und Drogen-Konsumenten. Sein Vorschlag: Mehr Verfolgungsdruck gegen Dealer wären gut, aber auch ein Ausbau der Sozialarbeit und der Drogenhilfe. Einer berichtete, manche Drogengebraucher hätten selbst Angst vor der zunehmenden Gewalt und der Bewaffnung in der Szene.

Der Leopoldplatz im Wedding.
Der Leopoldplatz im Wedding.© Reto Klar

Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger (Grüne) muss sich den Vorwurf anhören, zu lange vor der Entwicklung „gepennt“ zu haben. Die Grüne hat den Job im Oktober übernommen. „Aber auch mein Vorgänger hat schon das Land angeschrieben“, sagt die Kommunalpolitikerin. Gerade hat sie einen weiteren Brief an den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) geschrieben und um Unterstützung gebeten, um die Lage in den Griff zu bekommen.

Sie möchte zum Sicherheitsgipfel des Christdemokraten Anfang September eingeladen werden. Sie brauche die Senatsgesundheitsverwaltung und zusätzliche Unterkünfte und Geld, um Drogen-Nutzer und Trinker anzusprechen, sie auch und auch ohne Abstinenz unterbringen zu können und so vom „Leo“ wegzuziehen. „Die Kriminalität ist mit dem Crack so gestiegen, das kann der Platz nicht tragen“, sagt Remlinger. Der Sozialarbeiter findet, es müssten mehr Drogenkonsumräume über die Stadt verteilt werden, damit sich die Menschen nicht nur an Orten wie dem Leopoldplatz konzentriere.

Polizistin Rothardt sagt, aus ihrer Sicht mache es keinen Sinn, den Leopoldplatz wie früher als kriminalitätsbelasteten Ort auszuweisen. Mit polizeilichen Mitteln sei die Situation nicht zu lösen. „Geben sie den Platz nicht auf. Seien sie draußen“, appelliert sie an die engagierten Menschen im Raum: „Wo Sie sind, kann kein Dealer sein. Verteidigen sie ihren Platz. Dann werden wir es vielleicht schaffen“, so die Polizistin. Von unten dringen immer wieder laute Wortwechsel durch die geöffneten Fenster des Saales. Hier versorgt die Suppenküche zahllose Arme und Obdachlose mit einem warmen Essen. Die Schlange reicht phasenweise bis auf den Bürgersteig.