Dass die Lage am Leopoldplatz sich zugespitzt hat, haben auch zufällig vorbeikommende Passanten kaum übersehen. Ein Teil des Platzes versinkt bei Regen regelmäßig im Morast, viele Männer und wenige Frauen drängen sich dort, Rasen gibt es an diesem Ort nicht mehr. Stattdessen hektisches Wuseln. Im Winter sind es teils 30, manchmal 50 Menschen. Man hört viele Stimmen in vielen Sprachen.
Die Stimmung ist geladen, sagt der Quartiersrat
„Die Stimmung hier ist geladen“, sagt Sven Dittrich. Nicht nur auf dem Rasenstück, auf dem kein Grashalm mehr wächst. Auch unter den Anwohnern. Derzeit sei Winterruhe. Im letzten Sommer hätten sich schon mal 200 Menschen im Aufenthaltsbereich versammelt. Doch so viel wie seit vergangenem Winter sei hier in den kalten Monaten nie über den Leopoldplatz gesprochen worden. „Wir alle sehen dem Sommer mit großer Unruhe entgegen“, sagt Dittrich. Er führt am Platz den Trödelladen Wedding und hat als Quartiersrat den Überblick.
Eigentlich war hier mal eine gesellige Trinker-Runde, mehr nicht, erzählt Kristina Richter. Sie wohnt hier seit mehr als zwanzig Jahren und betreibt das Café „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“. Die Zeiten hätten sich geändert und die Drogen auch, sagt sie. Der Bezirk Mitte, der immer mal wieder eingreife, komme da nicht mehr mit, vermute man im Kiez. „Das sind üblere Drogen als früher, weit üblere.“ Man könne die Abhängigen nicht mehr einschätzen, die Situation verunsichere. „Wie aggressiv sie werden, wie sie schreien, abrupt auf einen zustürzen.“
Vor zehn Jahren habe man hier ein Projekt schaffen wollen, in dem alle vertreten sein konnten, erzählt der Quartiersrat. Der Platz sollte für alle da sein. Doch um die Alkoholiker von damals gehe es heute nicht. Ein paar seien noch da, einige sammelten sich um eine Tischtennisplatte im hinteren Bereich des Platzes, eine größere Gruppe träfe sich vorne. Jetzt gebe es den sogenannten Aufenthaltsbereich irgendwo dazwischen und Crack, Heroin, Kokain – „alles früher kein Thema“.
Drogenkonsum in der Hocke – gleich nebenan ist der Spielplatz
Am Seiteneingang der roten Backstein-Kirche, die Neue Nazarethkirche, sitzen gerade mehrere Männer in der Hocke, immer wieder glänzt Alufolie, einer kocht irgendetwas auf, vermutlich Heroin. Eine Touristengruppe ist in der Nähe, wohl eine Quartiersführung, die Frauen schauen mit fassungslosem Staunen auf die Männer an der Kirche, auf die spielenden Kinder am angrenzenden Spielplatz und wieder zurück. Es sind nur eine paar Meter Abstand. „Uff“, sagt eine. Mehr Worte fallen zunächst nicht.
Sie gucken nur von Weitem. „Da geht keiner hin“, sagt Sven Dittrich. „Auch keiner von uns.“ Es sei ja eine schöne Idee gewesen, dass man bewusst einen Platz schaffen wollte, auf dem die Nutzer alle integriert würden. Doch der Aufenthaltsbereich, die Polizei nennt ihn „Käfig“, sei inzwischen ein Schmelztiegel aus Gewalt, Elend und Frust. „So kann man nicht reingehen. Und das tun wir auch nicht.“
Fragen an Rico, er gilt als „Konsument auf gutem Wege“, er ist in einer sogenannten Beschäftigungsmaßnahme. Ricos Spezialaufgabe: Spritzen einsammeln. Der Spritzen-Mülleimer, an der nächsten Kirchenwand um die Ecke herum aufgestellt, wird offensichtlich kaum genutzt. Rico hebt Spritzen an der Kirchenmauer auf, eine nach der anderen. Dann hält er einem eine Spritze mit offener Nadel vors Gesicht. „Nicht mal die Kappe stecken sie drauf“, sagt er. Gefahr für Kinder, Hunde und andere Tiere.

Ihn nerve die Vermüllung, meint Rico. Dann die gestiegene Aggression, man gehe aufeinander los, statt ins Gespräch zu kommen und eine Streitkultur zu pflegen. Das habe sich verändert. Und er meint noch, man solle mehr Menschen am Leopoldplatz solche Beschäftigungen geben wie ihm. „Dann könnte man verkrustete Strukturen aufbrechen.“ Dann komme man auch mit anderen Leuten ins Gespräch, im Aufenthaltsbereich bliebe man sonst eigentlich nur unter sich.
Die Mütter müssen am meisten aushalten
Die Mütter fragen sich, wie lange das noch gut geht. Der Drogenkonsum ein paar Meter neben dem Spielplatz, das sei schlimm. Auch, dass die Konsumenten oft quer über den Spielplatz liefen. Jede hat schon Beobachtungen gemacht am Spielplatzrand: Messerstecherei, Überdosis, aggressives Auf-einen-Zulaufen, Betteln, Schreien, heruntergelassene Hosen, Menschen, die ihre Venen untersuchten, um eine Möglichkeit zum Stechen zu finden.
Alles sei so nahe an den Spielplatz gerückt, der stetige Konsum an den Kirchenmauern nebenan, dann seien Pissoirs ganz nahe des Spielplatzes aufgestellt worden – auch sie dienen mangels geschützter Räume zum Drogenkonsum. Trotzdem gehe sie mit ihrem Kind noch zum Spielen auf den Spielplatz, sagt eine Mutter im Café „Jojo“. „Sie kriegen es gar nicht mit, sind hochkonzentriert beim Spielen. Und sie sind ja nicht anders großgeworden.“
Aber Kinder würden größer, sagt Kristina Richard. Sie denkt ans Wegziehen, nach mehr als zwanzig Jahren. Ihr Größerer mit zwölf Jahren sehe weit mehr als kleinere Kinder, er habe inzwischen Probleme, alleine im Hausflur zu sein, denn der werde immer wieder als Schlafplatz oder als Toilette benutzt. Der Kleinere sei im Sommer auf eine Spritze gesprungen. „Wir müssen weg, der Kinder wegen. Hier traut man sich ja gar nicht, sie loszulassen.“
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