In Zeiten, da sich die Stimmung in der Stadt vor allem an Wirtschaftsdaten wie Literpreis und Inflationsniveau ablesen lässt, formulieren wir es am besten mal ökonomisch. Die Umschreibung „Arm, aber sexy“ befindet sich in der Rezession.

Mindestens. Wenn nicht noch schlimmer. Neuestes Indiz: Das internationale Ansehen von Friedrichshains Club Berghain hat schon wieder einen schweren Kurseinbruch erlitten. Das Magazin „DJ Mag“ wählte den berühmtesten Tanzboden Berlins auf einen bedauerlichen 21. Platz. Ganz andere Sorgen plagen indes die Clubs zwischen Ostkreuz und RAW-Gelände. Eher existenzielle Nöte. Mit der Sexiness der Stadt hat’s sich dann wohl. Oder?

Berghain verliert im internationalen Club-Ranking an Bedeutung

2009 war die Welt noch im Lot. Das Berghain stand im Raver-Ranking an der Spitze. 2026 dagegen klingt Platz 21 so erbärmlich, als müssten sie dort zukünftig selbst Leute wie Hape Kerkeling in Horst-Schlämmer-Verkleidung hineinlassen. Anders formuliert: Wäre das Berghain ein Gast, würde er an den Türen der Top-Clubs der Welt nach stundenlangem Schlangestehen abblitzen.

Mieten und Lebenshaltungskosten in Berlin steigen

Der 2003er-Slogan des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters und leidenschaftlichen Berlin-Vermarkters Klaus Wowereit (SPD) ist 2026 leer wie ein ausgetrunkener roter Damenschuh. Und das mit dem „arm“ stimmt auch nicht mehr so ganz. Allein in den vergangenen zehn Jahren stieg der Preis von online angebotenen Mietwohnungen in Berlin um 69 Prozent. Mehr als anderswo im Land. Die armen Berliner. Aber irgendjemand scheint ja genug Geld zu haben, das zu bezahlen.

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Anderes Beispiel: Berlins Spezialitäten-Küche. Das Essengehen wird in der Hauptstadt immer teurer. Und seit Corona zahlen die Leute für ihre Döner das Dreifache. Kein Wunder, dass bei solchem Wohlstand im vergangenen Jahr 300.000 Touristen weniger in die Stadt kamen und die Zahl der Übernachtungen um 1,2 Millionen sank.

Clubs kämpfen mit hohen Preisen – junge Berliner sparen

Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) mahnte bei der Vorstellung der Zahlen im Februar, man müsse die Besucher halt mit Großbespaßungen wie Olympia, Expo und 800-Jahr-Feier locken. Dass Berlin aber am besten funktioniert, wenn es auf billig macht, zeigte die teure Stadt am Wochenende. Es gab Croissant-Döner kostenlos, und die Leute warteten bereitwillig – durchschnittlich länger als vor dem Berghain.

RAW Gelände stellt Kampagne für Verbleib
Club-Chef und engagiert für die Kollegen auf dem RAW-Gelände: Florian Falkenhagen, Betreiber des Cassiopeia.© FUNKE Foto Services | Florian Boillot

Tatsächlich haben es die Clubs in der Stadt nicht leicht. Wer seine Kinder im tanzfähigen Alter fragt, erfährt: Clubben ist ihnen zu teuer. Mag der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) unentwegt über „dramatisch gestiegene Kosten“ und „Mindestlohnerhöhung“ klagen: Die jungen Leute in ihrem Humana-80er-Jahre-Look zucken da nur gelangweilt mit den Schulterpolstern.

Clubs in Berlin kämpfen wegen A100-Ausbau um ihre Existenz

Sie sparen sich teure Drinks und Eintrittspreise bis zu 30 Euro. Stattdessen wird nach Hause geladen: Party in einer der um 69 Prozent teureren Wohnungen. Oder man mietet günstig einen Gemeindesaal an, wie am Wochenende die Besucher eines Kostümballs nahe der Yorckstraße in Kreuzberg.

Neue Bewertung egal: Vor dem Berghain stehen Hoffnungsvolle weiterhin Schlange.
Neue Bewertung egal: Vor dem Berghain stehen Hoffnungsvolle weiterhin Schlange.© dpa | Christophe Gateau

Die Clubs haben ihrerseits mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen. Laut der Interessenvereinigung Clubcommission hätte etwa der Weiterbau der A100 verheerende Auswirkungen auf die Szene. Rund ums Ostkreuz würden About Blank, Else, Club Ost, Oxi und Void verschwinden. Hinzu kommt der Veranstaltungsort „Neue Zukunft“. Schon als „Zukunft am Ostkreuz“ mussten die Betreiber 2023 einem lukrativen Bürohausprojekt weichen.

RAW-Gelände: Berliner Clubs bangen um langfristige Mietverträge

Ungenutzte Flächen, die Kultur- und Club-Macher einst eroberten, weil es keinen kümmerte, ob da musiziert, gelärmt oder getanzt wurde, sind rar. In der Ära Wowereit waren sie bereits umkämpft. Und 2026 klappt „arm“ in Berlins Innenstadt gar nicht mehr.

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Nicht weit vom Ostkreuz entfernt bangen die Clubs vom RAW-Gelände um ihre Zukunft. Namhafte Läden wie Cassiopeia und Crack Bellmer. Sie haben seit Jahresbeginn keine Mietverträge. Ihr Verbleib ist alles andere als sicher. Denn die Haupteigentümer des Areals wollen für den Erhalt der Kulturszene Garantien vom Bezirk. Das Baurecht für Wohnungen beispielsweise. Dafür würden sie im Gegenzug Mietverträge auf 30 Jahre zu guten Preisen anbieten.

Verhandlungen um Club-Zukunft ziehen sich weiter hin

Der Bezirk indes rückt die Garantien nur heraus, wenn die Eigentümer nicht am Verbleib der Clubs, Künstler und Vereine rütteln. Die Kulturleute stehen dazwischen wie Kinder, deren laut streitende Eltern sich nicht einigen können.

„Wir befinden uns in einem nicht enden wollenden Übergangsstadium“, sagte ein Club-Macher Mitte der Woche. Er und seine Mitstreiter hoffen auf ein Verhandlungsergebnis Mitte Mai. Wo derweil das internationale Ansehen des Berghain hindriftet – ob auf oder ab –, ist erst im Frühjahr 2027 zu erfahren. Dann veröffentlicht das „DJ Mag“ seine nächste Abstimmung.