Der Berliner Club Tresor automatisiert seine Garderobe – und entlässt das gesamte zuständige Team. Seit Ende Februar schließen Gäste ihre Jacken und Taschen in Schließfächer ein. Acht Mitarbeitende von der Garderobe verlieren durch die Umstellung ihren Job. Eine weitere Person kündigte daraufhin freiwillig.
Die Clubbetreiber begründen den Schritt mit notwendigen Kosteneinsparungen. Arbeitsrechtlich sei alles sauber abgelaufen.
Mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen haben sich jetzt gegenüber der Berliner Morgenpost geäußert. Ihre Namen wollen sie nicht veröffentlichen. Unserer Redaktion sind ihre Identitäten bekannt. Sie kritisieren das Verhalten der Clubleitung. Die Kündigungen seien überraschend gekommen.
Trinkgelder sollen für Streit im Team gesorgt haben
Seit fast zwei Jahren soll es Spannungen zwischen dem Garderoben-Team und der Geschäftsleitung gegeben haben. 2024 stellte der Tresor eine neue Clubmanagerin ein. Geschäftsführer blieb weiterhin Dimitri Hegemann, Legende des Berliner Nachtlebens und Gründer des Tresors.
Auch interessant
Ab Mitte 2024 kamen auf das Garderoben-Team große Veränderungen zu. Der Grund: Das Management entschied, den Garderoben-Service für Clubgäste fortan kostenlos anzubieten. Zuvor waren dafür 1,50 Euro angefallen. Für die Gäste wurde es trotzdem nicht günstiger: Der Clubeintritt stieg um zwei Euro von 20 auf 22 Euro.
Offen ist, ob das sogenannte Berghain-Urteil, das 2020 vor dem Bundesfinanzhof erwirkt wurde, Grund für die Kostenverlagerung war. Das Gericht hatte entschieden, dass für den Eintritt zu Clubnächten der ermäßigte Umsatzsteuersatz von 7 statt 19 Prozent gilt – wie auch bei Konzerten. Auf Garderoben-Service wiederum fällt der normale Umsatzsteuersatz von 19 Prozent an.
Etwa zeitgleich mit der Eintrittserhöhung führte der Tresor Trinkgeld fürs Garderoben-Team ein. Und das klappte auch: Im Schnitt seien mehr als 100 Euro pro Schicht und Person zusammengekommen. Das Management spricht in einer internen E-Mail von knapp 35.000 Euro im Jahr 2024. Dadurch stieg der Verdienst für Mitarbeitende an der Garderobe stark an. Das soll nicht allen gefallen haben.

Das Trinkgeld der Garderobe sollte deshalb mit anderen Teams geteilt werden, entschied das Management. In der Tresor-Belegschaft entbrannte ein Streit darüber, wem das Geld zusteht. Entsprechende E-Mails liegen unserer Redaktion vor.

Donnerstag
Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost
Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Am Ende lautete die Anweisung des Managements: Das Garderoben-Team sollte künftig 30 Prozent des Trinkgelds an die Teams von Kasse und Awareness abgeben.
Tresor-Team wird erst nach Abbau der Garderobe offiziell über Kündigungen informiert
Doch damit war das Thema intern scheinbar keineswegs abgehakt. Nicht nur 2024, auch im gesamten Jahr 2025 soll es konstante Spannungen zwischen dem Garderoben-Team und dem Management gegeben haben. Die Belegschaft gründete deshalb sogar einen Betriebsrat.
Auch interessant
Im Januar 2026 teilt das Management dem Betriebsrat die Entscheidung mit, die Garderobe abzuschaffen und stattdessen Schließfächer zu etablieren.
Am 22. Februar, dem Sonntag nach der letzten Party des Wochenendes, lässt die Clubleitung die Garderobe abbauen. Das Team erhält da noch keine offizielle Mitteilung.
Erst am Folgetag teilt das Management den Mitarbeitenden der Garderobe in einem Meeting mit, dass sie gekündigt und mit sofortiger Wirkung von der Arbeit freigestellt sind. Die Belegschaft des Tresors wird unmittelbar danach in einer Rundmail vom Management über die Entlassungen und das neue Schließfächer-System informiert. Die E-Mail liegt unserer Redaktion vor. Darin heißt es:
Ich möchte euch hiermit informieren, dass wir die Garderoben-Abteilung heute aufgelöst haben. (…) Die Bauarbeiten dazu haben bereits begonnen.
Das Management des Tresors in einer E-Mail an die Belegschaft am 23. Februar 2026
Steigende Betriebskosten und sinkende Besucherzahlen sollen für diese Umstrukturierung verantwortlich sein.
Einige Mitarbeitende sollen nicht die geringste Ahnung gehabt haben, dass es bei dem Meeting um Kündigungen gehen könnte. „Das war für sie sehr schockierend“, erzählt eine Person.
Auch interessant
Für viele sei der Job an der Garderobe des Tresors eine Haupteinnahmequelle gewesen, erzählt eine andere. Viele hätten zwischen 80 und 100 Stunden pro Monat im Club gearbeitet. Innerhalb von vier Wochen bräuchten sie nun einen neuen Job, um ihre Miete zahlen zu können.
Tresor verteidigt Schließfächer: „Keine Warteschlangen mehr“
Die Betreiber des Tresors wollen sich auf mehrmalige Anfrage nicht ausführlich zu der Thematik äußern. Sie schreiben lediglich, dass die Einführung der Schließfächer „eine rein unternehmerische Entscheidung“ gewesen sei. Damit wolle man Clubgästen ein „noch angenehmeres Club-Erlebnis“ ermöglichen. Der Entschluss sei „keine Reaktion auf einen von Ihnen skizzierten Konflikt, den wir zudem so nicht bestätigen können“.
Tresor-Gründer Dimitri Hegemann betont in einem Telefonat mit unserer Redaktion, dass es in Clubs in anderen Städten wie Amsterdam „ganz normal“ sei, Schließfächer statt einer personell besetzten Garderobe anzubieten. „Die Kunden finden das viel besser. So entstehen keine Warteschlangen mehr.“
Die Schließfächer wurden bereits wenige Tage nach den Entlassungen, am 27. Februar, in Betrieb genommen.
Ich habe Sorge, dass dieses Gemeinschaftsgefühl verloren geht.
So äußert sich eine Person anonym zur Entscheidung, Garderoben-Personal in Clubs durch Schließfächer zu ersetzen.
„Schließfächer sind kein neues Phänomen. Auch andere Berliner Clubs wie Oxi, Lark oder Fitzroy, und früher beispielsweise auch das Schwuz, arbeiten mit entsprechenden Systemen“, berichtet die Clubcommission auf Nachfrage.
Weitere Berliner Clubs wollen Schließfächer einführen
Wir haben bei 13 weiteren Berliner Clubs angefragt. Planen auch sie, ihre Garderoben-Teams zukünftig durch Schließfächer zu ersetzen? Nur zwei antworten uns.
Das Weekend schreibt, man könne sich Schließfächer nicht vorstellen. „Wir schätzen die harte Arbeit und das Engagement, das unser Team bei jeder Veranstaltung zeigt. Ihre Professionalität und Freundlichkeit tragen maßgeblich zu einer positiven Atmosphäre bei.“
Auch der Club Ost meldet sich. Die Betreiber hätten bereits über Schließfächer nachgedacht – allerdings nur unterstützend, zusätzlich zum Serviceteam. Aktuell könne man sich nicht vorstellen, dass Gästen ausschließlich Schließfächer zur Verfügung gestellt werden. „Wie die Zukunft aussehen wird und sich alles entwickelt, kann man aber nie sagen.“
Ein dritter Club, der seinen Namen hier nicht lesen will, führt aktuell Schließfächer ein. Die Mitarbeitenden der Garderobe werden in andere Teams versetzt.
Auch interessant
Tresor streicht Stellen wegen sinkender Besucherzahlen
Im Tresor sei die Entscheidung, den Personalstamm zu verringern, „unausweichlich“ gewesen. So schreibt es das Management in einer E-Mail an die Belegschaft. Daran sei auch das Betriebsergebnis 2024 schuld.
Das Management versichert in der Mail jedoch, dass keine weiteren Bereiche von Kündigungen betroffen seien. Und: Man wolle die übrige Belegschaft „in Zukunft auch finanziell besser berücksichtigen“. In dieser Woche sollte ein Gespräch stattfinden, um offene Fragen zu klären.
„Ich kann verstehen, dass das Unternehmen wirtschaftlich überleben muss“, sagt eine Person gegenüber unserer Redaktion. Es sei aber schwer zu akzeptieren, dass Menschen durch Schließfächer ersetzt werden. Die Berliner Clubszene lebe von Community. „Ich habe Sorge, dass dieses Gemeinschaftsgefühl verloren geht.“









