Umspannwerk

Wegen Anfeindungen: Doch kein Google Campus in Kreuzberg

Nach heftiger Kritik im Bezirk stoppt der Internetkonzern seine Pläne. Die Opposition spricht von „fatalem Signal“.

Berlin. Nach jahrelanger Anfeindung im Bezirk hat der US-Internetriese Google entschieden, den geplanten Standort in Friedrichshain-Kreuzberg aufzugeben. Unter dem Titel „Google-Campus“ war im ehemaligen Umspannwerk an der Ohlauer Straße ein Coworking-Space zur Förderung von Start-up-Unternehmen vorgesehen gewesen. Bei den Abgeordnetenhaus-Fraktionen von CDU und FDP sorgte die Entscheidung für harsche Kritik.

Stattdessen werden nun auf den drei Etagen mit 3000 Quadratmetern Veranstaltungsorte für soziale und zivilgesellschaftliche Projekte unter Leitung des gemeinnützigen Kreuzberger Sozialunternehmens betterplace.org entstehen. Einziehen wird auch die Sozialgenossenschaft Karuna, die sich um Straßenkinder kümmert. Bei der Vorstellung der Pläne am Mittwoch wurde als Eröffnungstermin das Frühjahr 2019 genannt. Google übernimmt den Umbau sowie für die ersten fünf Jahre Mietzahlungen und Nebenkosten, insgesamt im Wert von 14 Millionen Euro.

Der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Christian Gräff, sagte, Googles Entscheidung sei ein „schmerzhafter Tiefschlag“. Der Konzern sende „ein fatales Signal in die ganze Welt, wie investorenfeindlich Berlin unter Rot-Rot-Grün inzwischen geworden ist. Angefangen von dem Umgang mit der Insolvenz von Air Berlin über das anfängliche Desinteresse bei der Siemens-Ansiedlung des Innovationscampus und der Entwicklung in der Berliner Start-up-Szene, die gerade von Nordrhein-Westfalen überholt worden ist, kann der wirtschaftliche Aufschwung offenbar durch die Koalition tatsächlich gebremst werden.“

Standort Unter den Linden bleibt erhalten

Im November 2016 hatte der Konzern seine Campuspläne im Beisein des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) präsentiert. Zehn Arbeitsplätze waren geplant. Müller wollte sich auf Morgenpost-Anfrage am Mittwoch nicht zu dem Vorgang äußern. Rowan Barnett, Chef von „Google for Startups“, erklärte, der überraschende Kurswechsel sei keinesfalls ein Zeichen der Resignation. Man habe von Anfang an einen Mehrwert für Kreuzberg schaffen wollen, sagte der Google-Manager. Unbeeinträchtigt davon bleibt Googles Standort mit 100 Mitarbeitern Unter den Linden.

Widerstand gegen das Projekt gab es von Beginn an. Im Bezirk fürchteten viele, der Campus werde die Gegend verändern und zu steigenden Mieten führen. Im Baugenehmigungsverfahren stellte das Bezirksamt klare Forderungen, erlaubte etwa statt des beantragten Coworking-Areals nur einen offenen Begegnungs- und Cafébereich. Heftigen Widerstand gab es von Mietaktivisten. Sie demonstrierten vor dem Gebäude, beschallten den Ort einmal im Monat in unerträglicher Lautstärke mit Musik. Im September gab es eine kurzzeitige Besetzung, die durch die Polizei beendet wurde.

Start-up-Boom in Berlin in Gefahr?

Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) lobte am Mittwoch Googles Unterstützung für die zwei sozialen Projekte. „Dies zeigt die zunehmende Bedeutung von sozial und ökologisch orientierten Unternehmen und der nicht gewinnorientierten Ökonomie in Berlin“, sagte Pop nur. Der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt (Grüne) sagte, er begrüße Googles Engagement und hoffe, dass andere große und mittlere Unternehmen diesem Beispiel folgten. Sebastian Czaja, Vorsitzender der FDP-Fraktion, sagte dagegen, die Umwandlung des geplanten Google-Campus sei „nicht mehr als schöngeredete Resignation“. Bereits heute sinke die Stadt in der Gründergunst, weil Wohnraum und Büroflächen fehlten und optimale Förderbedingungen nur Marketingversprechen blieben.

Tatsächlich hat der Standort Berlin laut dem am Mittwoch vorgestellten Deutschen Start-up Monitor bei Unternehmensgründungen an Boden verloren. In der neuen Untersuchung liegt Nordrhein-Westfalen bei der Zahl der Start-ups vorn. Rund 19 Prozent aller Jungunternehmen (Vorjahr: 14,4 Prozent) sind dort ansässig. Der bisherige Spitzenreiter Berlin kommt auf 15,8 Prozent. Die Angaben beziehen sich aber nur auf den Hauptsitz der Firmen, die an der Umfrage teilgenommen haben. Berlin bleibe die Start-up-Metropole Deutschlands, meinte deshalb auch Wirtschaftssenatorin Pop. „Einen Rückgang des Start-up-Booms sehen wir nicht und sollten ihn auch nicht herbeireden.“

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