Rigaer Straße

Randalierer bekommt nach Steinwurf auf Polizisten Bewährung

Ein Mann ist in Berlin zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Er hatte einen Polizisten mit einem Stein getroffen.

Eine Entschuldigung wäre schon fällig gewesen, als sich der Angeklagte Sebastian S. und der als Zeuge geladene Polizeibeamte Roger G. im Saal 371 des Moabiter Kriminalgerichts begegneten. Zum zweiten Mal, nachdem der Polizist von dem Studenten am 14. Juni 2014 attackiert wurde. Doch es wird diese Entschuldigung nicht geben.

Sebastian S., der am Ende zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt wird, musste sich wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, schweren Landfriedensbruchs, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Sachbeschädigung verantworten. Letztlich gehe es aber um eine Straftat, sagte die Amtsrichterin zu Beginn des Prozesses. Es sei „nicht zu verkennen, dass es sich um eine sehr üble Straftat“ handelt.

Tatort war die Rigaer Straße in Friedrichshain. Am 14. Juni 2014 sollte die „Lange Nacht der Rigaer Straße“ gefeiert werden. Im Internet dazu aufgerufen hatten verschiedene linksautonome Gruppen, die mit diesem Straßenfest gegen die Gentrifizierung in dem Stadtviertel protestieren wollten.

Das Gesicht war mit einer schwarzen Hasskappe verhüllt

Es wurde dann offenbar auch reichlich getrunken, aber Feier lässt sich das, was passierte, im Nachhinein nur schwerlich nennen. Die Bilanz der Polizei: 26 verletzte Polizisten, neun Festnahmen, 19 Anzeigen wegen Landfriedensbruchs, Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz, Körperverletzung, Sachbeschädigungen sowie Widerstands. Eine dieser Strafanzeigen betraf den damals 29-jährigen Sebastian S., dessen Personalien auch sofort festgestellt wurden. In Untersuchungshaft kam er nicht.

Polizeikommissar Roger G. sagte vor Gericht, er sei mit seiner Einheit zur Verstärkung gerufen worden. Sie bezogen mit ihrem Einsatzwagen an der Rigaer Straße/Ecke Zellestraße Stellung. Andere Beamte hätten ihnen berichtet, dass sie schon geraume Zeit „mit Steinen beworfen“ und mit Zwillen beschossen worden seien. Junge Leute errichteten mit Müllcontainer und Holzpalletten eine Barrikade auf der Straße und zündeten sie an. Und es wurde auch weiter mit Steinen, Flaschen und Urinbeuteln auf die Beamten geworfen.

Roger G. stand hinter dem Polizeitransporter, als sich gegen 23.30 Uhr einer der Demonstranten an das Fahrzeug heranpirschte und anfing, mit kleinen Pflastersteinen gegen die hinteren rechten Seitenscheiben des Fahrzeugs zu schlagen. Der Beamte trat von der anderen Seite hinzu und stand plötzlich, schneller als erwartet, vor dem Randalierer. Sebastian S. hatte sein Gesicht mit einer sogenannten „Hasskappe“ verhüllt. Er habe in diesem Moment nur die Augen gesehen, erinnert sich der 43-Jährige. „Ich war extrem erschrocken.“ Der Demonstrant habe diese Schrecksekunde genutzt und aus zwei bis zweieinhalb Meter Entfernung mit voller Wucht zwei der Pflastersteine geworfen.

Es sei „eigentlich nicht seine Art“, sich so zu verhalten, so der Angeklagte

Ein Stein knallte gegen das Visier von Roger G.s Helm, der zweite traf die rechte Schulter des Beamten. Anschließend versuchte der Vermummte zu fliehen, stolperte, konnte überwältigt und festgenommen werden. Dabei habe sich der Täter heftig gewehrt, so der Polizeibeamte. Es hätten Kollegen hinzukommen müssen. Verletzungen habe er durch Steinwürfe nicht erlitten, sagte Roger G. Auch psychisch sei inzwischen alles in Ordnung. In der ersten Zeit habe er aber „nachts davon geträumt“.

Sebastian S. hatte vor Gericht zunächst geschwiegen. Als der Polizeibeamte aussagte, schüttelte er mehrfach den Kopf und lächelte abfällig. So war es dann schon überraschend, dass er die Anklage als „im Großen und Ganzen richtig“ wertete. Es sei „eigentlich nicht seine Art“, sich so zu verhalten. Es handele sich auch aus seiner Sicht „um eine sehr problematische Geschichte“. Er könne sich aber nicht erinnern, sich bei der Festnahme gewehrt zu haben. Da habe er sich sogar bewusst passiv verhalten, damit die Sache nicht eskaliere.

Täter hatte in der Tatnacht reichlich Alkohol getrunken

Die Richterin glaubte jedoch dem Polizisten und wies darauf hin, dass Sebastian S. an diesem Abend offenkundig sehr viel getrunken habe. Es käme vor Gericht nicht selten vor, dass betrunkene Täter die Situation der Festnahme dann etwas anders in Erinnerung hätten, sagte sie.

Strafmildernd wertete die Richterin das Geständnis und dass sich der Angeklagte „offenbar auf einem guten Weg“ befände. Er stehe kurz vor Beendigung eines Studiums zum Theatertechniker und habe eine Anstellung in Aussicht. Auch sei er in den letzten zweieinhalb Jahren nicht durch weitere Straftaten aufgefallen. Es gibt bislang auch nur einen Strafbefehl wegen eines Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz.

Zu dem Prozess kam es erst so spät, weil Sebastian S. monatelang nicht aufgefunden und ihm die Anklage nicht zugestellt werden konnte. Im Oktober 2014 wurde ein Haftbefehl erlassen. Erst Ende November 2016 wurde Sebastian S.’ neue Adresse bekannt und der Haftbefehl vollstreckt. Er wurde jedoch nach wenigen Stunden freigelassen; mit der Auflage, sich regelmäßig im zuständigen Polizeirevier zu melden.

Mehr zum Thema:

"Das Werk von Chaoten“: 21 Autos an Rigaer Straße demoliert

Eigentümer scheitert mit Klagen gegen "Rigaer 94"

Bericht: Berliner Polizisten wurden 4600-mal angegriffen

Die Politik hat die Rigaer Straße 94 zum Symbol gemacht

Hunderte Daten von Anliegern der Rigaer Straße gespeichert