Zum Spaziergang bin ich diesmal mit Jasmin Taylor verabredet, einer Selfmadewoman, die viel zu erzählen hat. Mit 17 Jahren floh sie aus tragischen Gründen aus dem Iran nach Deutschland, studierte dann in den USA, baute in Berlin den Pauschalreiseanbieter JT Touristik auf, den sie später an Lidl verkaufte. Im Augenblick jedoch, so sagt sie, kann sie an nichts anderes denken als an ihr Heimatland. Wir treffen uns zunächst vor dem Olympiastadion, das nicht weit von ihrer Villa im Westend entfernt ist. Dort, zwischen perfekt geschnittenen Buchsbaumkugeln und dem Pool, wurden – was kaum jemand weiß – Szenen der TV-Serie „Maxton Hall“ gedreht. In der Serie ist der Garten das Anwesen von James Beaufort (Damian Hardung).

Als Jasmin Taylor vor mir steht mit ihren dunklen Augen und dem zeitlos-eleganten Kleidungsstil, muss ich zuerst an Farah Diba denken, die letzte Kaiserin auf dem Pfauenthron. Dann an die deutsch-iranische Schauspielerin Jasmin Tabatabai. Beide haben diese Aura von Stärke, die vielen iranischen Frauen anhaftet. Jasmin Taylor, die im Juni ihren 60. Geburtstag feiern wird, hat viel durchgemacht und viel geschafft in ihrem Leben. Im Augenblick widmet sie ihr Leben dem Kampf für die Freiheit des Irans. Denn die Liebe zu ihrer Heimat ist stark, auch wenn sie 1985 den Iran verlassen hat und Berlin seit 2002 ihre Wahlheimat ist.

Trotz US-Pass: Liebe zu Berlin und Teheran

Berlins Olympiastadion ist umgeben von sehr viel Grün. Sogar im Winter wirkt das Gelände großzügig und erhaben. Es sind nur wenige Gehminuten von dort bis zum schönen Ruhwaldpark, dessen Generalsanierung seit Jahren verschoben wird. Hier geht Jasmin Taylor gerne spazieren. „Ich mag die überwältigende Natur dort und dass man im Park ganz viele Stufen hoch auf den ehemaligen Spandauer Berg gehen kann.“

Weil es so kalt ist, wärmen wir uns kurz in Taylors Villa in Westend auf. Ich lobe das schöne Haus. Jasmin Taylor winkt bescheiden ab: „Ja. Aber es macht auch viel Arbeit.“ Weiter geht es in Richtung Reichsstraße. Ich erfahre, dass Jasmin Taylor ihre Bücher bei „Der Divan“ kauft, wo sie noch individuell und treffsicher beraten wird.

„Mord an Mahsa Amini rief Erinnerungen wach“

Immer wieder kommen wir auf den Iran zu sprechen. Warum ist Jasmin Taylor als Teenager geflohen? „Mit 15 Jahren wurden eine Freundin und ich vor der Schule von der Sittenpolizei verhaftet, weil unser Kopftuch nicht richtig saß“, berichtet die heute 59-Jährige. „Meine Freundin hatte Flyer in ihrer Schultasche, auf denen nichts Böses stand, nur dass sie für die Freiheit ihr Leben geben würde.“ Wo ist diese Freundin heute? Jasmin Taylor muss sich kurz sammeln. „Sie ist nicht mehr am Leben.“

Dann erzählt sie, dass die 15-Jährige Freundin nicht nur eingesperrt wurde. Sie wurde auch vergewaltigt, zwangsverheiratet und danach getötet. „Sie sollte nicht als Jungfrau in den Himmel kommen“, sagt Jasmin Taylor. „Den Eltern wurde anschließend von der Sittenpolizei mit Gebäck zur Hochzeit gratuliert. “ Jasmin Taylor selbst war eine Woche lang im Gefängnis, obwohl sie damals völlig unpolitisch war. Durch einen Anwalt konnten ihre Eltern ihre Freiheit wieder erwirken. Doch von da an stand fest: Die Tochter sollte den Iran verlassen. 1983 floh das junge Mädchen nach Bonn. „Als Mahsa Amini 2022 ermordet wurde wegen ihrem Kopftuch, kamen alle Erinnerungen bei mir zurück. Die Sittenpolizei unter Ajatollah Khomeini zeichnete sich schon in den frühen 1980er-Jahren durch extreme Grausamkeit aus, die bis heute fortbesteht. “

Im Namen Gottes
„Im Namen Gottes“ heißt das Buch, in dem Jasmin Taylor ihre Erfahrungen und ihr geballtes Wissen über Frauenrechte im Iran verarbeitet hat (hier die E-Book-Fassung auf dem Smartphone).  © BM | Iris May

Für ihr Buch „In Namen Gottes“ hat Jasmin Taylor sich sieben Monate lang komplett von der Außenwelt abgeschottet. Sie erzählt darin feinfühlig und packend sieben Lebensgeschichten von Frauen aus dem Iran. Über die dunklen Aspekte hinaus betont sie auch immer wieder die Schönheit und die reiche Kultur des Iran. „Dieses Buch bedeutet mir mehr als alles Geld der Welt, das ich je verdient habe“, sagt Jasmin Taylor. Sie zeigt mir Videos, auf denen schwarze Leichensäcke in Teheran aufgereiht sind. Und welche, auf denen blutende Menschen mit leerem Blick umherlaufen.

„Schah führte Frauenwahlrecht im Iran ein – noch vor der Schweiz“

Ich möchte von Jasmin Taylor wissen, wie sie über den Sohn des gestürzten Schahs von Persien denkt. Der designierte Kronprinz Ali Reza Pahlavi hat sich zuletzt als mögliches Regierungsoberhaupt nach dem Sturz des Mullah-Regimes immer wieder ins Gespräch gebracht. „Ich habe die Monarchie lange abgelehnt, doch ich denke heute anders“, sagt sie. Der Schah habe 1963 das Frauenwahlrecht eingeführt, noch vor der Schweiz. Und sein Sohn? „Er lebt seit 1978 in den USA, ist in einer Demokratie aufgewachsen. Er sagt, er würde sein Leben für den Iran geben – ich glaube ihm.“

Also zurück zur Monarchie? „Ob es nun säkular und demokratisch, eine Republik oder eine parlamentarische Monarchie wie in Skandinavien wird – das sollten die Menschen entscheiden. Sicher ist nur, dass niemand mehr dieses theokratische Regime haben will.“

Lasin Taylor
Unternehmerin Jasmin Taylor mit Redakteurin Iris May beim Spaziergang vor dem Berliner Olympiastadion.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

„Sehen Sie“, sagt Jasmin Taylor zu mir, „so wie wir jetzt zusammen spazieren gehen, ohne Kopftuch, und so offen und frei, wie wir uns unterhalten, das möchten die Menschen im Iran auch tun dürfen. Die Frauen möchten singen, tanzen und einen Beruf erlernen dürfen.“ Ich spüre den Schmerz über die mangelnde Entfaltungsfreiheit, der hinter diesem Satz steckt, und nicke nur stumm.

„Den USA geht es um Terrorismus und das Atomprogramm“

Donald Trump hat versprochen, dem Iran Hilfe zu schicken. Ein Hoffnungsschimmer? „Wir brauchen Hilfe, denn das Regime ist bis an die Zähne bewaffnet“, so die Unternehmerin. „Immerhin will er helfen, anders als Barack Obama, der die Demonstranten während der Grünen Revolution 2009 im Stich ließ.“ Trump habe eine größere, globale Perspektive.

„Das Mullah-Regime hat die Hamas, die Hisbollah, die Huthis und andere Terroristen produziert“, fährt Jasmin Taylor fort. Außerdem stehe der Iran kurz davor, eine Atombombe zu entwickeln, die die gesamte Welt bedrohen könnte. „Ein Regime, das sein eigenes unschuldiges Volk mit Kriegsmaschinerie tötet – was würde es erst mit Atomwaffen weltweit gegen alle tun, die nicht seiner Meinung sind? Nicht ohne Grund hat der US-Geheimdienst im Sommer 2025 drei Nuklearanlagen angegriffen und Ghassem Soleimani, einen der zentralen Terrorführer, ausgeschaltet.

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Wieder kehren Jasmin Taylors Gedanken zurück zu ihrer Mutter und Schwester im Iran. Sie habe derzeit keine Möglichkeit der Kontaktaufnahme. Das Internet sei abgeschaltet, Telefonanrufe seien unmöglich. Unter Tränen berichtet sie, dass auf die Nutzung von Elon Musks Starlink-Internet mittlerweile die Todesstrafe stehe. „Es ist schlimmer als noch vor drei Jahren während dem Mahsa-Amini-Aufstand.“

Mediterrane Küche des Iran in Berlin

Das Restaurant „Hafis“ sieht von außen eher unscheinbar aus. Doch es ist ein wirklich guter Ort, um in der Hauptstadt einen Einblick in persische Kultur zu erhalten. „Hier kommen viele Exil-Iraner in Berlin, um typisches Essen zu genießen“, erklärt Jasmin Taylor. „Das Fladenbrot ist frisch gebacken.“ Und tatsächlich ist es das fluffigste Fladenbrot, das ich je gegessen habe.

Restaurant Hafis in Charlottenburg
Das Restaurant „Hafis“ in Charlottenburg. Es ist nach dem persischen Dichter aus dem 14. Jahrhundert benannt, der Goethe zum "West-östlichen Divan" inspirierte.© BM | Iris May

Die persische Küche erinnert rein optisch mit ihren Salaten, den Oliven, den Minz-Dips und dem gegrilltem Kebab auf Spießen an die mediterrane Küche. Für Vegetarier wird ein gemischter Teller angeboten. Tatsächlich erfahre ich von der KI, dass diese Küche durch arabische, türkische und indische Einflüsse geprägt wurde. Typisch sei die Verwendung von Trockenfrüchten (Berberitzen, Datteln, Pflaumen), Nüssen (Pistazien, Walnüsse) und Rosenblütenwasser, wobei Reis, Brot und Joghurt oftmals zur Grundausstattung gehören.

Ein Restaurant – zwei berühmte Dichter

Jasmin Taylor wird nicht müde, die Schönheit des Iran und die Gastfreundschaft seiner Menschen zu betonen. „Ohne das Regime ist meine Heimat traumhaft“, sagt sie. Sie führt uns im Restaurant „Hafis“ in der Neuen Kantstraße herum. Dort hängen Fotos von Prominenten. Aber auch Bilder, die an eine sehr alte persisch-deutsche Verbindung erinnern.

Dialog der Kulturen: Ein Foto vom Goethe-Hafis-Denkmal in Weimar hängt im Lokal „Hafis“ neben einem Goethe-Portrait.
Dialog der Kulturen: Ein Foto vom Goethe-Hafis-Denkmal in Weimar hängt im Lokal „Hafis“ neben einem Goethe-Porträt.© BM | Iris May

Goethes umfangreichste Gedichtsammlung „West-östlicher Diwan“ von 1817 wurde nämlich in weiten Teilen durch den persischen Dichter Hafis inspiriert. Nach dem Buch ist auch das West-Eastern Divan Orchestra benannt, das einst von Daniel Barenboim dirigiert wurde.

Mit dem Wissen um das Leid, das gerade so vielen Menschen im Iran widerfährt, verschlägt es mir den Appetit. Nachdem ich mit Jasmin Taylor in die persische Kultur eingetaucht bin, möchte ich unbedingt mehr über den Iran erfahren. „Versprechen Sie mir, dass wir eines Tages, wenn alles vorbei ist, zusammen in den Iran reisen“, sagt Jasmin Taylor. Was für ein schöner Vorschlag.

Zur Person

Jasmin Taylor wurde 1966 in Teheran als Tochter eines Schneidermeisters geboren. Sie lebt seit 2002 in Berlin und ist in zweiter Ehe mit einem Berliner verheiratet.

Ausbildung Taylor hat an der Universität Maryland (USA) ihren Bachelor in Psychologie absolviert. An der University of Oklahoma (USA) absolvierte sie dann ihr Masterstudium in Human Relations mit Auszeichnung.

Berufsleben 2009 gründete sie JT Touristik. Durch ihren Wissensvorsprung über E-Commerce stieg das Unternehmen zu einem der zehn größten Touristikfirmen von Deutschland auf. 2018 verkaufte sie die Firma an Lidl. Derzeit gründet sie das Start-up „Eyes & Ears“, das kunstvolle Catering-Dienstleistungen anbietet.