West-Eastern Divan Orchestra

West-Eastern Divan: Labor für die Zukunft in Nahost

Das West-Eastern Divan Orchestra feiert 20-jähriges Bestehen. Am 17. August spielt es unter Barenboim in der Waldbühne.

Daniel Barenboim hat das West-Eastern Divan Orchestra vor 20 Jahren gegründet. Nun spielt es zum neunten Mal in der Waldbühne.

Daniel Barenboim hat das West-Eastern Divan Orchestra vor 20 Jahren gegründet. Nun spielt es zum neunten Mal in der Waldbühne.

Foto: Kai Heimberg

Zum neunten Mal wird das West-Eastern Divan Orchester nun in der Waldbühne spielen: Beethoven, ausschließlich den Wiener Klassiker. So simpel das klingt und nach Standardrepertoire, so genau ist es vermutlich ausgedacht. Nicht nur, dass es sich bereits um eine Vor-Feier des 250. Geburtstages des Komponisten im nächsten Jahr handelt. Nein, es ist auch eine Anspielung auf die unveräußerlichen Menschenrechte, die Beethoven als bürgerlicher Künstler und politischer Beobachter seines revolutionären Zeitalters einforderte.

Orchester-Gründer Daniel Barenboim hat das Ensemble seit 20 Jahren stets als Medium des realen Miteinanders gesehen und nicht als Instrument des politischen Appells an Israel, auch wenn ihm gerade dort viele genau dies bis heute vorhalten. Am Ende des Berliner Konzerts wird Barenboim immerhin die Siebte Sinfonie dirigieren, ein klingender Protest Beethovens gegen den europäischen Usurpator Napoleon oder, wie der Philosoph Adorno es später einmal nennen sollte, eine „Volksrede an die Menschheit“.

Barenboim fordert einen Klang wie bei Philharmonikern

Für das Orchester ist so ein Stück übrigens keineswegs Standardrepertoire. Auch das Beethovensche Violinkonzert sowie die Egmont-Ouvertüre dürften viele der jungen Musiker aus den Ländern des Nahen Ostens zum ersten Mal auf dem Pult liegen haben. Barenboim fordere von den Musikschülern und -studenten einen Klang wie bei den Berliner Philharmonikern, hat ein jordanischer West-Eastern-Divan-Geiger der ersten Stunde in Weimar einmal gesagt.

Auch vor 20 Jahren in Weimar passte sehr vieles zusammen. 1999 war die Goethestadt in Thüringen die Kulturhauptstadt Europas. Bernd Kauffmann, damals Präsident der Stiftung Weimarer Klassik und zugleich der Manager des Kulturhauptstadt-Spektakels, verfolgte einen Plan: In Weimar hatte Goethe einst die völkerverbindenden Gedanken des persischen Dichters Hafis in seiner Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“ weitergeführt: „Wer sich selbst und andre kennt / wird auch hier bekennen / Orient und Okzident / sind nicht mehr zu trennen.“

Musikern wird nichts an historischen Problemen erlassen

Und: Kauffmann kannte Barenboim und wusste von dessen Plan, israelische und palästinensische Musiker in einem gemeinsamen Projekt zusammenzubringen, um in beiden Völkern eine neue Generation heranwachsen zu lassen: Diese sollte mit Angehörigen des verfeindeten Nachbarvolks die Erfahrung des gemeinsamen Musizierens und der friedlichen persönlichen Bekanntschaft teilen. Kommunikation junger Menschen auf neutralem Boden sollte den Keim für dauerhaften Frieden bringen.

Dies alles war also keineswegs eine rein symbolische Geste aus dem Reich der Hochkultur. Außerhalb der Proben im nagelneuen Saal des Musikgymnasiums Belvedere wurde den jungen nahöstlichen Besuchern in der Klassikerstadt nichts an historischen Problemen erlassen, im Gegenteil. Barenboims Co-Gründer, der palästinensisch-amerikanische Philosoph Edward Said machte den jungen Israelis in seinen Seminaren unumwunden die Widersprüche des Staates deutlich, in dem sie lebten: dass etwa dieser sich als jüdischer definiere, ohne in allen Teilen eine jüdische Bevölkerung aufzuweisen.

KZ Buchenwald keine Erfindung israelischer Talkmaster

Doch auch die jungen Araberinnen und Araber mussten sich bei einer gemeinsamen Wanderung mit Barenboim und Said auf den Ettersberg bei Weimar davon überzeugen, dass das Konzentrationslager Buchenwald keine Erfindung israelischer Talkmaster war. Von ihren Orchesterkollegen aus Jerusalem und Tel Aviv erfuhren sie aus erster Hand, dass viele Israelis in solchen Lagern tatsächlich nahe Verwandte auf grausame Weise verloren hatten.

Bernd Kauffmann schaffte es, mit Hilfe von EU-Mitteln die Fortführung des Projekts sicherzustellen. Barenboim und Said ihrerseits trieb nicht nur der spektakuläre Erfolg des Weimarer Events an, am Ball zu bleiben – es waren auch die traurigen Ereignisse in Nahost. Ein Jahr nach der Gründung des Orchesters begann in Israel die zweite Intifada der Palästinenser.

Verantwortung für das Projekt hat er nie gänzlich abgegeben

Für Arbeitsphasen trafen sich immer neue Generationen von Musikern in Chicago, Sevilla oder, seit Fertigstellung der Barenboim-Said-Akademie 2017, in Berlin. Solisten aus den ersten Jahren gehen mittlerweile erfolgreich ihre eigenen Wege, viele leben nahe der Barenboim-Said-Akademie in Berlin: die Klarinettistin Shirley Brill etwa, der Pianist Saleem Ashkar oder auch Barenboims Sohn Michael, der Konzertmeister des Orchesters war und nun als Solist in Beethovens Violinkonzert zu erleben ist.

Mit der baulichen Verankerung der Akademie im ehemaligen Kulissenlager der Staatsoper ist das West-Eastern Divan Orchester institutionell gesichert wie nie zuvor. Aus Barenboims engstem Umfeld ist allerdings zu erfahren, dass der Dirigent von der Situation im Land seiner Jugend nur noch deprimiert ist und Reisen nach Israel vermeidet. Der mittlerweile fast 77-Jährige dirigiert das Orchester immer noch weltweit. Die Verantwortung für das visionäre Projekt hat er nie gänzlich abgegeben. Es ist für ihn trotz aller traurigen politischen Realität immer noch ein Labor für die Zukunft der Gesellschaft in Nahost.

Konzert am 17.8., Waldbühne, 19 Uhr (Einlass 17 Uhr).
Karten unter Tel.: 4799 7477 oder www.boulezsaal.de