
Ein verregneter Nachmittag an einem Mittwoch im April. Kein Ausgehwetter. Der Hindemithplatz wirkt wie leer gefegt, aber hinter den Fenstern des Mommsen Ecks in Berlin-Charlottenburg brennt Licht. Der Laden platzt sogar aus allen Nähten. „Das geht seit Wochen so“, sagt Inhaberin Dagmar Dagustany. Keine Zeit, deutet sie an. Im Halbminutentakt holt sie an der Bar Speisen und Getränke ab und bringt das Bestellte an die Tische. Lesen Sie dazu: Zwei Jahrhundertkneipen in Charlottenburg schließen
Auch reservieren sei schwierig, weil viele noch mal kommen wollen, bevor die Traditionskneipe Ende des Monats schließt. Seit dem Jahr 1905 ist das Mommsen Eck hier verwurzelt und hat Hauptstadt-Geschichte miterlebt. Der Entschluss, in diesem Jahr aufzuhören, stand für Dagustany schon länger fest. Aber nicht ohne einen Nachfolger, hatte sie sich geschworen. Der Besitzer des Hauses habe aber andere Pläne gehabt.
Mommsen Eck: Hundert Biere und unzählige Charaktere
Am Stammtisch an der Bar streiten drei Herren darum, wer die Rechnung bezahlen darf. Geldscheine werden einander zugesteckt und zurück geben. Wohlgemerkt bestehen alle darauf, den gemeinsamen Deckel zu übernehmen. Ehrenmänner. Ein Mann sitzt alleine am Tisch und trinkt ein österreichisches Bier. Um die hundert Biere aus aller Welt stehen auf der Karte. „Setzt euch, hier ist doch noch Platz“, sagt er.

Wir treffen Dagmar Levy. Sie wohnt zwar in Schöneberg, ist aber langjährige Stammgästin in dem Lokal. Wir bestellen ein Hausbier. „Ich finde es unmöglich, was hier passiert“, sagt sie. Seit 30 Jahren lebt die 63-Jährige mit kleinen Unterbrechungen in Westberlin. Ihre Sturm- und Drangzeit im Nachtleben seien die Siebziger gewesen. Aber auch heute wisse sie eine gute Berliner Eckkneipe noch sehr zu schätzen.
Die Eckkneipe als sozialer Treffpunkt in Berlin
„Das Mommsen Eck hat etwas unglaublich Geselliges. Du triffst immer Leute, die du kennst oder lernst neue Menschen kennen“, sagt sie. Der Mann mit dem Austro-Bier neben uns nickt zustimmend. Der Sound der holzgetäfelten Kneipe stimmt wortlos mit ein. An den Tischen wird gegessen, gelacht und durch die offene Bauweise scheinen irgendwie auch alle an einem Tisch zu sitzen. Es wird gegrüßt und geklopft. Lesen Sie dazu: Dieser legendären Kudamm-Kneipe droht Ende des Jahres das Aus
Die Wirtin nimmt die Bestellung an einem Tisch auf. Eisbein und Bier für fünf Freunde aus Spandau. Einige von ihnen kommen seit 30 Jahren, sagen sie. Warum? „Gutes Essen, gutes Bier“, lautet die kurze Antwort von Bert Lehmann. Sein Sitznachbar hingegen ist zum ersten Mal im Mommsen Eck. „Aber so habe ich mir eine typische Berliner Kneipe immer vorgestellt“, sagt Mario Dopmann. Das Ende des Monats Schluss sei, stimme alle traurig. „Es ist in Berlin leider Trend, auf Luxus statt auf Tradition zu setzen“, sagt Lehmann.

Investor will voraussichtlich Anfang Mai neuen Betreiber vorstellen
Was der Investor mit dem Objekt vor hat, ist noch nicht bekannt. Es soll wohl weiter Gastronomie geben. Gespräche mit verschiedenen Interessenten würden gut laufen, teilt die Holding des Investors Nicolas Berggruen mit. Eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen. Voraussichtlich Anfang Mai könne das Unternehmen mehr zu dem künftigen Mieter des Mommsen Ecks sagen. Es soll zwar Modernisierungen geben, aber der Charakter des Lokals soll erhalten bleiben, hieß es zuletzt. Dagmar Levy ist skeptisch. Lesen Sie dazu: Es liegt nicht am Umsatz: Restaurant Reinhard’s am Kudamm schließt
„Sobald viel Geld ins Spiel kommt, stirbt der Charakter eines Kiezes“, sagt sie. Sie selbst erfahre es in ihrer Nachbarschaft. Viele Wohnungen würden leer stehen und nur ein paar Wochen im Jahr von vermögenden Mietern, die im Ausland leben, bewohnt. Menschen, die seit Jahren im Kiez leben, würden verdrängt. Gleichzeitig würden Menschen zuziehen, die sich beschweren, wenn eine Kneipe in der Nachbarschaft auch mal laut ist. „Wenn es so weiter geht, ist Berlin für Touristen irgendwann der langweiligste Ort der Welt.“
Hilft der Milieuschutz Berliner Traditionsbetrieben?
Sie fordert daher eine Art Bestandsschutz für Traditionsgeschäfte. Ist das rechtlich möglich? „Da der Milieuschutz Bundesrecht ist, müsste es auch dort eine Gesetzesänderung geben“, sagt Fabian Schmitz-Grethlein (SPD), Stadtentwicklungsstadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf. Der Linken-Abgeordnete Niklas Schenker aus Charlottenburg fragte Anfang des Jahres den Berliner Senat, ob sich das Land Berlin für eine Erweiterung des sozialen Erhaltungsrechts auch für Gewerbe und soziale Infrastruktur einsetzen werde.

Der Senat teilte mit, dass es zu der Thematik ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben habe. In erster Linie sei eine Anpassung der Vorschriften im Bürgerlichen Gesetzbuchs nötig, um wohnortnahes Gewerbe zu schützen. Auch die mögliche Große Koalition in Berlin hat vereinbart, die Bezirke bei der Ausweisung neuer sozialer Erhaltungsgebiete zu unterstützen und sich bei Bedarf für eine Reform auf Bundesebene einzusetzen.
Was danach kommt: Vermissen, Urlaub, Abschied
Wie es im Mommsen Eck weitergeht, ist noch unklar. Wenn der Investor sich an seine Worte hält, wird es vielleicht nur einen neuen Mieter und dezente Modernisierungen geben. Auch Dagmar Levy sagt, sie sei nicht gegen den Fortschritt, aber auf Basis dessen, was da ist. „Ich werde den Laden wirklich vermissen“, sagt sie zur Inhaberin. Die nickt und zuckt gleich darauf mit den Schultern. Sie habe alles probiert. Lesen Sie dazu: Diese Jahrhundertkneipen existieren noch in Berlin
Service-Kraft Diana sagt, sie wolle nach dem letzten ausgeschenkten Bier erstmal Urlaub machen. Der sportliche Barkeeper fängt in einem Fitnessstudio an. „Acht Jahre Gastro sind genug“, sagt er. Auch der Mann mit dem Alpen-Bier hat ausgetrunken. „Na denn! Schönen Abend noch“, sagt er zum Abschied.
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