Hätte sich Willi Wiedenberg nicht für befangen erklären müssen? Der Angeklagte war „mein Idol“, bekannte der pensionierte Oberstaatsanwalt später rückblickend gegenüber der Berliner Morgenpost. „Ich habe alle seine großen Boxkämpfe gesehen“, erinnerte er sich, „ich war auch mit meinem Vater dabei, als er 1958 im Olympiastadion Europameister im Mittelgewicht wurde.“
Befangen? Vielleicht, aber welcher Jurist aus West-Berlin, im Alter eines Oberstaatsanwaltes, wäre das nicht gewesen im Jahr 1984, als kein Geringerer als Bubi Scholz sich vor Gericht wegen der Tötung seiner Frau verantworten musste? Scholz war auch da noch einer der bekanntesten Köpfe Berlins. Und 20 Jahre zuvor, auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, mindestens so populär wie der Regierende Bürgermeister Willy Brandt.
Anklage gegen Bubi Scholz: Die Fakten zum Fall im Überblick
| Fall | Tötung von Helga Scholz durch ihren Mann |
| Tatzeit | 22. Juli 1984 |
| Tatort | Villa des Paars in Berlin-Westend |
| Status | Aufgeklärt, Täter verurteilt |
| Besonderheit | prominenter Täter, mildes Urteil |
True Crime Berlin: Das Leben von Promi-Boxer Bubi Scholz
Im Dezember jenes Jahres saß Gustav („Bubi“) Scholz nun in Berlin auf der Anklagebank. Wie ein Häufchen Elend, der einstige Boxchampion, in seinen knapp 100 Kämpfen in den 40er-, 50er- und 60er-Jahren nur zweimal besiegt, Deutscher Meister und Europameister. Bis 1984 war er noch zentraler Bestandteil jener älter werdenden Schickeria aus der Frühzeit West-Berlins, die in der Stadt wohnte oder alle paar Wochen einflog. Die aus ihrem Privatleben zwischen Klamauk und Affären der Boulevardpresse immer wieder Bröckchen hinwarf, absichtlich oder aus Versehen. Harald Juhnke gehörte dazu, ebenso Bully Buhlan, Gerhard Wendland.
Doch auch die A-Klasse der deutschen Promis gehörte zu Scholz‘ Freundeskreis: Hans Rosenthal, Romy Schneider, auch O. E. Hasse umgaben sich gern mit ihm. Denn der Boxer war nie ein plumper Schläger, als den ihn mancher herablassend sah, sondern ein blitzschneller, eher filigraner und kluger Taktiker. Auch ein fast hundertprozentiger Abstinenzler. Aber das war lange her. Wie sehr sich alles verändert hatte, kam nun, als Bubi Scholz vor Gericht stand, ans Licht.

„Frau Scholz hatte einen schrecklichen Unfall“
Blick zurück in den Sommer zuvor: Es war ein Schock für viele, die Bubi Scholz kannten – oder zu kennen meinten. Der Ex-Boxer hatte seine Frau Helga erschossen. Mit seinem Kleinkalibergewehr, im eigenen Haus. Ein Kopfschuss, durch die Toilettentür, in Berlin sprach sich das schnell herum. Was war da los, im Haus Am Rupenhorn 9 in Westend, in dem so oft gefeiert wurde?
Um kurz vor sieben an jenem Tag hatte eine damalige Morgenpost-Redakteurin, die in der Straße Am Rupenhorn wohnte, einen Anruf von ihrer Nachbarin erhalten. Die lebte im oberen Stockwerk der Villa in der Nummer 9, die Bubi und Helga Scholz gehörte und in der sie das Erdgeschoss bewohnten. „Völlig außer Atem“, so erinnerte sich die Journalistin später gegenüber ihrer früheren Redaktion, „erzählte sie mir, Frau Scholz habe einen schrecklichen Unfall gehabt, und sie könne die Feuerwehr nicht erreichen.“ Die Journalistin rief bei den Notärzten im Klinikum Westend an. Minuten später hörte sie die Sirene des Rettungswagens. Kurz darauf dann ein erneuter Anruf ihrer Nachbarin: „Frau Scholz ist tot.“
Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“
Geschrei in der Nacht, Lärm am Morgen: Was ist in der Villa passiert?
Die Nachbarin hatte etwa zwei Stunden zuvor, um ca. fünf Uhr, aufgewühlt und besorgt bei Scholz im Erdgeschoss angerufen. Der Hausherr war am Apparat. „Was ist denn bei euch unten los?“, fragte sie ihn. Viel Geschrei in der Nacht. Am frühen Morgen hatte sie dann ein langes, lautes Wummern geweckt. Schließlich folgte ein lauter Knall.
„Helga hat sich in der Toilette eingeschlossen und kommt nicht raus“, antwortete Bubi Scholz, hörbar stark alkoholisiert. Sie ging hinunter. Gemeinsam stellten sie eine Leiter ans Haus, um durch das Toilettenfenster zu schauen. Drinnen lag Helga Scholz leblos am Boden. Doch das Fenster war zu klein, um in den Raum zu gelangen. Am Ende gelang es den beiden, die von innen verschlossene Tür irgendwie zu öffnen. Und so sahen sie die Blutlache unter Helgas Kopf.

Als die Notärzte ankamen, alarmierten sie sofort die Polizei, die direkt mit der Spurensicherung anrückte. Gegen zehn Uhr sahen die Nachbarn, die sich nach und nach draußen versammelt hatten, wie die Beamten den früheren Boxchampion in seinem Jogginganzug aus dem Haus führten. Scholz hatte die Hände vors Gesicht geschlagen, schüttelte immer wieder den Kopf. Auf der Straße diskutierte man schnell über die lautstarken Auseinandersetzungen, die man in den vergangenen Monaten, ja Jahren, immer wieder gehört hatte.
Die erschossene Ehefrau folgte ihrem Mann eineinhalb Stunden danach, auf einer Bahre, zugedeckt. Später las man, Bubi Scholz habe vor den Beamten die Hände auf dem Rücken gekreuzt, für die Handschellen, die ihm die Polizisten aber ersparten.

Das dunkle Berlin: True Crime aus der Hauptstadt
In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.
Der Fall ist klar: Bubi Scholz hat seine Frau erschossen
Im Großen und Ganzen hatte die Spurensicherung bereits nach wenigen Stunden Morgen ermittelt, was geschehen war: Scholz hatte mit seinem Gewehr aus nächster Nähe auf die Toilettentür gezielt, von schräg unten aufwärts. So hatte er seine Frau, die wohl hinter der Tür stand, erschossen. Allein eine Frage war noch offen: Warum hatte Bubi Scholz sein Gewehr im Wohnzimmer von der Wand geholt und abgedrückt? Dass dem Schuss ein heftiger Streit vorausgegangen war, in dessen Verlauf sich die Ehefrau in der Gästetoilette einschloss, galt als sicher.
Am Morgen der Tat war er wegen seines Alkoholpegels nicht ansprechbar. Das erste, was er nach Wiedererlangung seiner Vernehmungsfähigkeit behauptete, war: Er habe sein Gewehr gereinigt und zusammengesetzt, dabei habe sich versehentlich ein Schuss gelöst. Aber mitten im heftigen Streit das Gewehr zu reinigen, im Flur, vor der Toilette, in die sich die Frau zurückgezogen hatte, und dann auch noch ganz zufällig geladen? Oberstaatsanwalt Wiedenberg nahm das seinem „Idol“ nicht ab.

„Ungerecht, giftig und aggressiv“: Mitarbeiter fällen hartes Urteil über Helga Scholz
Als das Gericht sich ein Bild vom Zustand der Ehe von Gustav und Helga Scholz machen wollte, dafür eine Reihe von Zeugen vernahm, um der Antwort auf das „Warum“ näherzukommen, wurden nicht nur die Abgründe ihrer – beider – heftigen Alkoholabhängigkeit deutlich.
Die Aussagen aus dem engsten Freundes- und Bekanntenkreis rückten nun quasi das Opfer auf die Anklagebank. Bemerkenswerterweise waren es vor allem Mitarbeiterinnen aus den beiden von der Ehefrau geleiteten Parfümerien, die dem Gericht erzählten, wie hartnäckig Helga Scholz verbal ihren Mann „gequält“ habe, ihm gegenüber stets „ungerecht, giftig und aggressiv“ gewesen sei, aus „krankhafter Geltungsbedürftigkeit“. Immer wieder habe sie ihm den Tod gewünscht und gesagt: Das sei sowieso die einzige Lösung.
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Die Presse ging breit auf diese Aussagen ein. Womöglich haben sie bei manchem Leser das Herz für den Täter erwärmt. Aber konnte all das dem Angeklagten helfen, der nun nicht mehr vom Gewehrreinigen sprach, stattdessen davon, dass er auf keinen Fall seine Frau umbringen, sie vielmehr nur dazu bewegen wollte, herauszukommen? Sprachen all die Zeugenaussagen nicht für einen Racheakt?
Bubi Scholz galt als labil und psychisch abhängig von seiner Frau
Das Gericht glaubte dem früheren Champion, sah in ihm einen depressiven Mann, psychisch von seiner Frau abhängig, die ihrerseits einen Anlauf nach dem anderen zur Scheidung gestartet und ihn in die Verzweiflung getrieben hatte. Man rekonstruierte, dass der Schuss, wenn Helga auf der Toilette gesessen hätte (was Gustav beteuerte, vermutet zu haben), fast einen halben Meter über ihrem Kopf eingeschlagen wäre, und befand: eine Verzweiflungstat, mit dem Impetus „bitte komm endlich raus, rede mit mir“.

Das Urteil lautete auf fahrlässige Tötung, drei Jahre Gefängnis. Das Gericht erntete viel Unverständnis in der Öffentlichkeit für seine Milde, erst recht, als auch noch bekannt wurde, dass der Täter – weil ihm keine Absicht nachgewiesen wurde – die Lebensversicherungen seiner Frau ausbezahlt erhielt.
Gegen Kaution war Bubi Scholz bis zum Urteilsspruch auf freiem Fuß gewesen, und bald darauf war er bereits wieder Freigänger. Dieses Privileg freilich verspielte er sehr zügig wieder, als er eines Abends aus seiner Villa im Mercedes 450 SLC volltrunken mit Tempo 130 über die Heerstraße zu seinem Gefängnis in Lichterfelde brauste. Nun hieß es tagsüber wieder Wäsche waschen und Dias rahmen. 1987 wurde er entlassen, im Jahr 2000 starb er im Alter von 70 Jahren.








