Kühle Orte waren am ersten mutmaßlichen Rekordhitze-Tag in Berlin am Sonnabend ein großer Magnet. Sogar einer Einladung, ausgerechnet in einem Abwasserkanal Erfrischung zu suchen, kamen Hunderte Menschen nach. Rund 850 Besucher pilgerten am Samstag zum „Tag des offenen Kanals“ der Berliner Wasserbetriebe nach Schöneberg in die Winterfeldtstraße.

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Wer die 15 Stufen zum trockengelegten Regenwasserüberlaufkanal hinunterstieg, genoss kühle Temperaturen um die 15 Grad. „Wo ist das Kackewasser?“, fragte ein Kind, denn ein latenter Fäkaliengeruch lag tatsächlich in der Luft. „Ein Kanal riecht immer ein bisschen“, erklärte Astrid Hackenesch-Rump, Sprecherin der Berliner Wasserbetriebe (BWB). „Je länger das Wasser unterwegs ist, desto widerlicher riecht es, wenn sich das Regenwasser mit Fetten und Abwasser vermischt.“ 

Führung durch Abwasserkanäle als Flucht vor der Hitze

Tunnel
Abkühlung im Abwasserkanal: 850 Menschen kamen zu der historischen Führung der Berliner Wasserbetriebe bei kühlen 15 Grad. © FUNKE Foto Services | Sergej Glanze

Die Führung durch den 4,20 Meter breiten und 2,40 Meter hohen Regenwasserüberlaufkanal aus dem 19. Jahrhundert sollte Wissenswertes aus der über 150-jährigen Geschichte der Berliner Stadtentwässerung vermitteln. An diesem Hitze-Wochenende hatte der Termin aber auch einen leichten Fluchtcharakter vor der brütenden Hitze.

Der Regenwasserkanal-Gang startete unter dem Kiez in der Winterfeldstraße und endete in der Hohenstaufenstraße. Die Besucher konnten sich auch unter einer „Wasser-Verrieselungs“-Dusche erfrischen oder im Wassermobil sauberes, mobiles Leitungswasser zapfen. Ratten waren im Kanal nicht zu sehen. Warum? „Die benutzen solche Kanäle nur wie eine Autobahn, um voranzukommen, die leben nicht in Kanälen“, sagt Hackenesch-Rump. Außerdem seien hier viel zu viele Menschen.

Mindestens zwei Badetote am Sonnabend in Berlin

Während die Besucher unter der Erde die Kühle genossen, versetzte der Hitzetag die Stadt in eine Art Hitze-Lockdown. Viele Veranstaltungen waren hitzebedingt abgesagt, auf Straßen und in Bahnen herrschte gähnende Leere.

Im Gegensatz dazu waren Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste im andauernden Alarmzustand. Tragisch: Mindestens zwei Personen starben bei Badeunfällen. Ein Mann wurde leblos im Badesee des Volksparks Jungfernheide gefunden. Ein zweiter im Tempelhofer Hafen. Reanimationsversuche schlugen fehl. Schon in der vergangenen Woche war ein 17-Jähriger bei einem Schulausflug in der Krummen Lanke ertrunken.

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1150 Rettungsdienst-Einsätze schon um 15 Uhr

Auch die Feuerwehr sprach von einem Rekord-Einsatztag. Bereits kurz nach 15 Uhr hätten die Einsatzkräfte knapp 1150 Einsätze fahren müssen. „Ein ähnlich hohes Niveau hatten wir am Freitag erst eine Stunde später erreicht“, so ein Sprecher auf Nachfrage. Gegen Mittag erlitt ein Fahrgast auf dem U-Bahnhof Innsbrucker Platz einen Kreislaufstillstand, um 14 Uhr mussten zwei Frauen wegen eines Hitzschlags im Sommerbad Neukölln behandelt werden.

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Feuerwehr Berlin: 300 Einsätze pro Tag mehr als üblich

Die hohen Temperaturen halten die Berliner Feuerwehr dabei bereits seit einigen Tagen auf Trab. Gegenüber dieser Redaktion sagte der Sprecher, dass in der vergangenen Woche im Schnitt 200 bis 300 Einsätze pro Tag mehr als üblich gefahren werden mussten. An einem normalen Tag verzeichnet die Feuerwehr von 0 bis 24 Uhr knapp 1500 Einsätze. Für den Sonntag, an dem es über 40 Grad heiß werden soll, rechne man mit einem weiteren Anstieg.

Auch wenn es statistisch noch nicht ausgewertet sei, liege doch die Vermutung nahe, dass die Zunahme der Rettungseinsätze auf die Hitze zurückgehe, so der Sprecher. Die häufigsten Gründe für hitzebedingte Einsätze seien Kreislaufprobleme, Dehydrierungen und Sonnenstiche gewesen.

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Feuerwehr kämpft gegen kleine Brände

„Außerdem kam es zu einer Zunahme von Badeunfällen und kleinen Bränden, etwa an Böschungen oder in Grünanlagen“, heißt es. Ursachen seien Unachtsamkeiten wie das Wegschnippen von Zigarettenkippen oder das Missachten von Grillverboten.

„Wir empfehlen den Menschen dringend, sich im Inneren oder im Schatten und nicht in der prallen Sonne aufzuhalten“, mahnt der Sprecher. „Außerdem sollte ausreichend Wasser und kein Alkohol zu sich genommen werden.“ Senioren, Kinder, Schwangere, chronisch Kranke und Obdachlose bräuchten im Zweifelsfall Hilfe und Unterstützung.

Alle Berliner Freibäder schnell voll

Viele Menschen suchten am Sonnabend auch in den Berliner Freibädern nach Abkühlung. Allerdings nicht immer mit Erfolg. Fast alle Freibäder hatten den Verkauf von weiteren Tickets am Mittag gestoppt, weil sie zu voll waren. Laut der Webseite der Berliner Bäder wurden nur noch Menschen eingelassen, die bereits ein Zeitfenster-Ticket gebucht hatten oder ein Abo besitzen.

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Polizei muss für Ordnung und Erfrischung sorgen

An den Sommerbädern Pankow und Mariendorf war auch die Polizei im Einsatz. Laut eigenen Angaben halfen die Beamten dort dem Personal des Bades und informierten die vielen wartenden Menschen mit Lautsprechern, dass niemand mehr eingelassen werde. Es sei notwendig geworden, einige Personen, die das nicht akzeptieren wollten, zu beruhigen und sie vom Klettern in die Anlagen abzuhalten.

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„Wir sind im ganzen Stadtgebiet gut ausgelastet“, sagte ein Polizeisprecher zudem auf Nachfrage. Die Berliner Polizei setzte am Nachmittag beispielsweise zwei Wasserwerfer ein, um bei der extremen Hitze mit Sprühnebel für Erfrischung zu sorgen. Wie die Polizei online mitteilte, begann die Aktion gegen 15 Uhr am Brandenburger Tor. Anschließend sollten die Wasserwerfer am Reichstagsgebäude, dem Potsdamer Platz, dem Roten Rathaus und dem Mauerpark vorbeifahren.

Die Vivantes-Kliniken vermeldeten am Sonnabend, dass nach wie vor in allen Notaufnahmen Patienten aufgrund der Hitze eingeliefert würden – insbesondere ältere Menschen mit starkem Flüssigkeitsmangel. Das Durstgefühl sei im Alter oft vermindert.

„Auch in unseren beiden Kindernotaufnahmen in Neukölln und Friedrichshain behandeln die Teams vereinzelt hitzebedingt junge Patientinnen und Patienten“, sagte Vivantes-Sprecher Christoph Lang. Warnzeichen, dass bei Kindern ärztliche Hilfe wegen einer Überhitzung notwendig ist, seien beispielsweise eine erhöhte Körpertemperatur, trockene Windeln, Teilnahmslosigkeit oder stehende Hautfalten. Am Sonntag ist wiederum Hitze mit um die 40 Grad vorhergesagt, dazu später Starkregen, Hagel und schwere Sturmböen.