Die Sonne steht im Zenit, über den Straßen flimmert die Luft, und es riecht nach heißem Asphalt. Berlin wirkt an diesem Freitagmittag seltsam ausgedünnt. In den U-Bahnen sind noch Plätze frei, auf manchen Bahnsteigen stehen nur wenige Menschen im Schatten. Aus den Lautsprechern der BVG kommt eine neue Ansage: „Bitte achtet aufeinander und trinkt ausreichend Wasser.“

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Am sogenannten „Cooling Point“ im Mauerpark herrscht trotzdem keine große Betriebsamkeit. Eine belgische Touristenfamilie mit drei Kindern springt durch den feinen Sprühnebel, füllt Trinkflaschen auf. Ein Radfahrer streift die Wasserwolke im Vorbeifahren, als nehme er sich nur für ein paar Sekunden eine kleine Gnadenfrist von diesem Tag. Der Cooling Point – eine temporäre Sitzgelegenheit mit Schatten, Trinkbrunnen und Vernebelungsanlage – soll in den heißen Monaten besonders älteren Menschen, Kindern und gesundheitlich Belasteten helfen. Doch an diesem Freitag scheint Berlin vor allem eines zu tun: ausweichen.

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Hitze-Warnungen aus allen Ecken

Wer kann, fährt an den See, ins Freibad oder in den Wald. Die Berliner Bäder-Betriebe rechnen für das bislang heißeste Wochenende des Sommers mit bis zu 100.000 Gästen. Andere sind derweil vielleicht mit einer kühlen Wohnung oder einem starken Ventilator gesegnet. Und für alle übrigen kommt die Hitzewarnung inzwischen aus fast allen Richtungen.

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) mahnt auf X, auf sich selbst und auf andere zu achten. Besonders gefährdet seien ältere Menschen, kleine Kinder, Schwangere, Menschen mit Vorerkrankungen, Obdachlose und alle, die draußen arbeiten. Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) verschärft den Ton: Am Wochenende wird für Berlin vor extremer Wärmebelastung gewarnt. Dazu komme die geringe nächtliche Abkühlung im dicht bebauten Stadtgebiet. Parallel steigt die Waldbrandgefahr. Für Berlin-Buch erwartet der DWD am Sonntag die höchste Stufe fünf, für Marzahn und Tempelhof Stufe vier. Die Berliner Forsten appellieren deshalb eindringlich: nicht rauchen, nicht grillen. „Bei solchen Temperaturen genügt ein Funke“, heißt es aus der Senatsumweltverwaltung.

Eheschließungen, Bauarbeiter und Busfahrerinnen: Berlin trotzt der Hitze

Die Hitze verändert längst den Alltag. Und doch gibt es Berlinerinnen und Berliner, die den Temperaturen trotzen müssen – oder trotzen wollen. In Schöneberg schlägt an diesem Freitag die Schnapszahl das Thermometer. Wegen des Datums 26.06.2026 hat das Standesamt Tempelhof-Schöneberg zu einer langen Nacht der Eheschließungen geladen. Der Name irritiert. Von 9 Uhr morgens bis in den Abend hinein wollen sich 32 Paare das Ja-Wort geben. Absagen gab es nach Angaben vor Ort bislang nicht. Am Vormittag wurde sogar ein Feuerwehrmann getraut; mit seiner Frau lief er durch einen Tunnel aus einem aufgestellten Feuerwehrschlauch.

Hitzearbeiter
Die Bauarbeiter Philipp (links) und Tugay auf einer Baustelle in Berlin-Neukölln arbeiten bei 34 Grad im Schatten.© Berliner Morgenpost | Norman Börner

Anderswo ist das Durchhalten weniger romantisch. Auf Baustellen, im Linienbus, auf dem Postrad, in Parks und Gärten läuft die Arbeit weiter, obwohl die Hitze drückt. Wer draußen arbeitet, spricht an solchen Tagen oft in denselben Vokabeln: genug trinken, Schatten suchen, Pausen machen, auf Warnzeichen achten. Die Stadt funktioniert auch bei 35 Grad – aber nur, weil viele Menschen sie weiter in Gang halten.

Schulfrei, Hitzschläge und abgesagte Veranstaltungen: Folgen der Hitze

Gleichzeitig zeigt sich, dass die erste Hitzewelle des Sommers längst Folgen hat. Das Ossietzky-Gymnasium in Pankow fährt am Freitag beispielsweise nur noch Kurzstunden bis 12 Uhr, die Eichendorff-Grundschule bleibt gleich ganz geschlossen. In den Berliner Rettungsstellen wurden neben älteren und kranken Personen auch Kinder bereits hitzebedingt behandelt. Nach Angaben von Vivantes kamen junge Patientinnen und Patienten mit starken Kopfschmerzen, Fieberkrämpfen oder klassischem Hitzschlag in die Kliniken, in sehr wenigen Einzelfällen auch mit Hirnhautentzündungen. Auf den Straßen und Schienen macht die Wärme der Infrastruktur zu schaffen: Wegen Fahrbahnschäden wurde auf der A10 zwischen Marzahn und Hellersdorf eine Spur gesperrt. Bereits am Donnerstag musste die BVG auf der U3 hitzebedingte Signalstörungen vermelden.

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Auch das öffentliche Leben zieht sich zurück. Die Amerika-Gedenkbibliothek sagt sämtliche Veranstaltungen am Wochenende ab; in der Kinder- und Jugendbibliothek werden bereits mehr als 30 Grad gemessen. Der Bezirk Mitte schließt vorsorglich mehrere Kunstorte wie Bärenzwinger, Galerie Wedding, Klosterruine Berlin und Kunst Raum Mitte. Das Straßenfest „Sommerliebe Schmargendorf“ fällt aus, ebenso das Berliner Bücherfest auf dem Bebelplatz; auch die jüdische Chabad-Gemeinde verschiebt ihren Festakt. Die Dachterrasse und Kuppel des Reichstags bleiben am Samstag und Sonntag geschlossen. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten verkürzt die Öffnungszeiten auf 13 Uhr, auch der Fährbetrieb zur Pfaueninsel wird eingestellt.

Wie sich der Rest Berlins auf das Wochenende vorbereitet

Der Rest der Stadt versucht, sich auf die kommenden beiden Tage einzustellen. Die Berliner Philharmoniker lockern für ihr ausverkauftes Waldbühnenkonzert die Kleiderordnung; rund 22.000 Menschen werden erwartet, backstage stehen Kühlpacks und Getränke bereit. Bruno-Mars-Konzerte im Olympiastadion sollen stattfinden; erlaubt sind alkoholfreie Getränke in geeigneten Behältern, Wasser wird kostenlos ausgeschenkt. Wegen Trockenheit und Waldbrandgefahr verbieten mehrere Bezirke zudem das Grillen in Grünanlagen, darunter Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow. Die Feuerwehr bereitet sich derweil auf mehr Rettungseinsätze vor – wegen Kreislaufproblemen, aber auch wegen Unfällen an vollen Badegewässern.

An diesem Freitag wirkt die Stadt, als halte sie den Atem an – vor einem Wochenende, das noch heißer werden soll. Am Samstag und Sonntag sollen die Temperaturen auf 38 bis 41 Grad steigen.