Die Aktion schwankte irgendwo zwischen krimineller Professionalität und purem Größenwahn. Falsche Nummernschilder, Stirnlampen, Sturmhauben – und schweres Gerät. So ausgerüstet versuchte ein Trupp von mindestens vier Männern in der Nacht des 20. Dezember 2023, den Patienten Asies R. aus dem Maßregelvollzug in Buch zu befreien.

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Mit Winkelschneidern flexten sie sich durch zwei Zäune hindurch, hoben Türen aus den Angeln und machten sich mit einem Trennschleifer schließlich auch an den Gitterstäben des Zimmers zu schaffen. Dann jedoch mussten sie abbrechen – wegen eines Zufalls war die Polizei früher eingetroffen als angenommen. Dennoch konnte das Befreiungskommando unerkannt entkommen.

„Dumm gelaufen. Diesmal habt ihr gewonnen. Aber neun von zehn Mal gewinnen wir“, soll Asies R. im Anschluss selbstbewusst gesagt haben. Der Plan von R. hatte Lücken, wenn auch nicht viele. Denn dass er das Mastermind hinter seiner eigenen Befreiung war, daran besteht kaum ein Zweifel. Für den heute 28-Jährigen hat es schon System, hinter Gittern heraus die Fäden zu ziehen.

Asies R. zieht gerne die Fäden hinter Gittern

R. ist das älteste von 14 Geschwistern einer bekannten arabischstämmigen Großfamilien aus Berlin, die regelmäßig mit Straftaten auffällt und der Organisierten Kriminalität zugerechnet wird. Seit seiner Jugend straffällig, wurde er im Sommer 2024 zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er aus dem Gefängnis heraus einen Drogenschmugglerring leitete. Kaum verurteilt, begann er damit, eine Serie von Brandanschlägen auf die Autos und Motorräder von JVA-Mitarbeitern zu koordinieren, die ihm missfielen oder die ihn geärgert hatten. Wegen Anstiftung kassierte er hierfür eine weitere Haftstrafe von knapp drei Jahren.

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Abdallah R. zündete für seinen Bruder schon Autos an

Bezeichnenderweise ist es nicht Asies R., der am Dienstag wegen des Ausbruchsversuchs in Buch auf der Anklagebank im Kriminalgericht Moabit Platz nehmen musste. Es war sein jüngerer Bruder Abdallah, 23 Jahre alt. DNA-Spuren sollen auf ihn als einen der Täter vom Dezember 2023 hinweisen, während seine Komplizen noch unerkannt sind. Auch das würde einem üblichen Muster folgen. Abdallah R. hat auf Befehl seines Bruders schon die Autos angezündet, was ihm eine Haftstrafe von zweieinhalb Jahren einbrachte.

Clankriminalität ist in unserer Stadt über Jahrzehnte gewachsen, weil den Akteuren aus falsch verstandener Toleranz keine rechtsstaatlichen Grenzen aufgezeigt wurden

Stephan Weh, Landeschef der Berliner Gewerkschaft der Polizei GdP

Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, weder für ihn noch für seinen Bruder. Weshalb der mutmaßliche Drahtzieher Asies R. am Dienstag auch feixend mit Unterstützern im Publikum sitzen konnte – und den Saal erst verließ, als ihn die Vorsitzende Richterin darauf hinwies, dass er noch als Zeuge vernommen werden soll. Quasi in eigener Sache. Seine Begleiter fielen durch lautstarke Ausrufe im Treppensaal des Gerichtsgebäudes auf.

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Polizei war nur zufällig schnell am Tatort

Zu den Vorwürfen des Befreiungsbesuchs schwieg der Angeklagte Abdallah R. hingegen beharrlich. Umso auskunftsfreudiger soll sein großer Bruder am Tag der Aktion gewesen sein. So berichtete es zumindest der als Zeuge geladene Polizeibeamte Roman S. „Der nächste Abschnitt ist doch eine halbe Stunde entfernt“, soll R. verwundert gesagt haben, als die Polizisten sein Zimmer betraten. Tatsächlich seien er und seine Kollegen nur zufällig in der Nähe gewesen, sagte R. aus, als der Alarm des Wachschutzes zwischen 2 und 3 Uhr nachts aktiviert worden war: „Ansonsten wären wir schon später da gewesen.“

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Asies R. schaute Prison Break

Wegen eines einzigen Fehlers sei er noch da, soll R. zu S. gesagt haben und – auf eine Frage des Polizisten – fast schon spöttisch: „Ich habe in letzter Zeit viel Fernsehen geguckt. Prison Break.“ In der bekannten US-Serie geht es um einen Mann, der seinen unschuldig zum Tode verurteilten Bruder aus dem Gefängnis befreien will.

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Ein manipuliertes Schloss hielt Pfleger und Wachpersonal auf

Ein weiteres Detail deutet auf Asies R. als den Drahtzieher des Ausbruchsversuchs hin. Wie zwei Pfleger des Maßregelvollzugs am Dienstag aussagten, war das Schloss zu seinem Zimmer manipuliert worden. Durch den abgebrochenen Zimmerschlüssel von R. ließ es sich nicht mehr von außen mit dem Generalschlüssel öffnen.

Die Vermutung liegt nahe, dass dadurch der Wachschutz und das Pflegepersonal aufgehalten werden sollten, während R. innen aus seinem aufgeschweißten Fenster gestiegen wäre. In dem Krankenhaus des Maßregelvollzugs sind psychisch kranke oder suchtkranke Straftäter untergebracht. Sie werden in der Regel nicht eingeschlossen und haben freien Zugang zu ihren Zimmern. Aufgabe des Gerichts wird es nun sein, die Anwesenheit von Abdullah R. am Tatort nachzuweisen. Ein weiterer Verhandlungstag ist eingeplant.

„Clankriminalität ist in unserer Stadt über Jahrzehnte gewachsen, weil den Akteuren aus falsch verstandener Toleranz keine rechtsstaatlichen Grenzen aufgezeigt wurden“, sagt Stephan Weh, Landeschef der Berliner Gewerkschaft der Polizei GdP. „Da ist auch eine Mentalität entstanden, dass man sich über unsere Gesetze hinwegsetzen könnte und es völlig normal ist, inhaftierte Straftäter zu befreien.“ Umso größer sei nun die Hoffnung, dass auch das Gericht ein klares Zeichen setzt und die Protagonisten deutlich in die Schranken weist, so Weh weiter.