Es ist mitten in der Nacht in Berlin, die U-Bahn fährt im Fünfzehn-Minuten-Takt. Eine Hand bleibt am Schlüsselbund, der Blick sucht die Umgebung am Bahngleis ab. Soll ich doch lieber ein Taxi rufen?

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Situationen wie diese erleben viele Frauen und queere Menschen jeden Tag. Sie haben Angst, wenn sie allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. Laut neusten Daten der BVG erreichte die Zahl der Sexualdelikte 2025 mit 314 den höchsten Stand seit zehn Jahren. Die Zahl der Nötigungen habe sich nahezu verdoppelt.

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Wir sind am späten Samstagabend rausgegangen und haben mit jungen Menschen gesprochen. Am U-Bahnhof, auf der Straße, bei einer Kostümparty in einem Kreuzberger Club. Wie unsicher fühlen sie sich wirklich? Und: Was ist nötig, um ihr Sicherheitsgefühl zu verbessern?

Paula, 27 Jahre: „Sicherer als in meiner Heimat“

Eine Frau mit dunklen Haaren und Sonnenbrille auf dem Kopf steht am Gleis der U-Bahn Station Moritzplatz und blickt freundlich in die Kamera.
Paula ist in Chile aufgewachsen und lebt mittlerweile in Berlin.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

„Ich fühle mich hier in den Bahnen sicherer als in meiner Heimat Chile. Aber nachts ist es verrückt, wenn man allein unterwegs ist. Manchmal starren mich Menschen an, das macht mich nervös. Ich versuche dann, Abstand zu halten und diese Personen zu meiden.“

Lynn, 22 Jahre: „Immer in Alarmbereitschaft“

Eine Frau mit einer pinkfarbenen Perücke steht vor schwarzem Hintergrund in einem Berliner Club und blickt freundlich in die Kamera.
Lynn besucht am Wochenende eine Kostümparty in Kreuzberg.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

„Ich fühle mich mäßig sicher. Meine Augen sind immer in Alarmbereitschaft, vor allem in Neukölln und Kreuzberg. Der Grund, aus dem ich mich unwohl fühle: Männer. Es sind ihre Blicke oder weil sie sich in der Bahn direkt neben mich setzen, ohne Abstand. Damit ich mich sicherer fühle, wäre ein Notrufknopf cool. Sodass an der nächsten Station eine Person steht, die einen abfangen und helfen kann. Oder Flinta*-Waggons.“

Das bedeutet „Flinta*“

Die Abkürzung Flinta* steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen. Gemeint sind damit Menschen, die nicht als „cis‑männlich“ gelten – also nicht Männer, die bei der Geburt als männlich eingeordnet wurden und sich auch so fühlen. Der Begriff wird als politischer Sammelbegriff genutzt, um marginalisierte Geschlechter sichtbar zu machen.

Sarah, 28 Jahre: „Er sagte, er knallt mich mit seiner Waffe ab“

„Tagsüber fühle ich mich sicher in den Bahnen, weil viele andere Leute unterwegs sind. Nachts fühle ich mich absolut nicht sicher. Letztens wurde ich von einem Mann bedroht, der sagte, er knallt mich mit seiner Waffe ab, die er dabei habe. Deshalb nutze ich nachts keine öffentlichen Verkehrsmittel, sondern hole mir in der Regel ein Uber. Damit ich mich auch nachts sicherer fühlen kann, hätte ich gerne Security an jeder Station und in jedem Zug.“

Konsi, 27 Jahre: „Ich wurde schon oft bedroht“

Ein Mann steht vor dunklem Hintergrund in einem Berliner Club. Er hat die Hände in die Hüften gestemmt und blickt freundlich in die Kamera. Er trägt ein weiß-pinkes T-Shirt.
Konsi ist Partyveranstalter. Zu seinen Events kommen vor allem junge Frauen und queere Menschen.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

„Wenn ich als offen schwuler und queerer Mann abends unterwegs bin, fühle ich mich gar nicht sicher in der BVG. Ich wäge vorher immer ab, ob ich in Begleitung bin, ab welcher Station jemand mit mir fährt, was ich anziehe, was zu provokant sein könnte, was gefährlich werden könnte. Ich wurde schon oft bedroht, beleidigt und angepöbelt. Deshalb nutze ich oft ein Uber.“

Flavia und Aulikki, 25 Jahre: „Meine Eltern haben mir schon früh ein Pfefferspray gegeben“

Zwei Frauen stehen abends im Dunkeln in Kreuzberg und blicken lächelnd in die Kamera.
Flavia (l.) und Aulikki sind am Samstagabend gemeinsam in Berlin unterwegs.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Aulikki: „Wir sind in einer Siedlung in Westend aufgewachsen. Auf dem Weg zur S-Bahn-Station muss man durch einen kleinen unbeleuchteten Wald laufen. Als Frau ist man es gewohnt, zur Verteidigung einen Schlüsselbund zwischen den Fingern zu haben. Ich höre in der Bahn zwar gerne Musik, aber ab einer bestimmten Uhrzeit nehme ich die Kopfhörer raus.“

Flavia: „Meine Eltern haben mir schon früh ein Pfefferspray gegeben. Ich arbeite mittlerweile in der Psychiatrie und habe ein anderes Verständnis von Gewalttaten. Das macht es für mich teilweise schlimmer – weil ich weiß, dass Menschen oft keine Kontrolle darüber haben, wann sie aggressiv werden. Ich habe mal in Indien gelebt. Dort gibt es Waggons nur für Frauen. So etwas wäre gut für Berlin, damit man sich wohler fühlt. Außerdem mehr Personal – und verstärkt Marketing für Anbieter, bei denen man nachts anrufen kann, wenn man ohne Begleitung unterwegs ist.“

Mehr zu den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG)

Luca, 29 Jahre: „Ich glaube, man muss laut sein“

„Letztes Wochenende musste ich zweimal eingreifen, als ein betrunkener Mann Frauen belästigt hat. Erst hat er am Halleschen Tor eine Frau in der U-Bahn-Station belästigt. Ich bin dazwischengegangen und habe mit ihr auf die Bahn gewartet, damit sie nicht allein ist. Der Mann ist dann mit in meine Bahn gestiegen und hat mehrere Frauen am Körper betatscht. Ich habe ihn laut aufgefordert, die Frauen in Ruhe zu lassen. Eine hat ihn angeschrien, erst danach hat er rennend die Bahn verlassen. Ich glaube, man muss laut sein und Menschen konfrontieren, es für sie unangenehm machen, damit sie reagieren.“

Kim, 24 Jahre: „ Ich kenne einige Leute, die schon echte Horrorstories erlebt haben“

Eine Frau steht vor schwarzem Hintergrund in einem Berliner Club und blickt ernst in die Kamera. Sie trägt lange schwarze Handschuhe und ein pinkes kurzes Kleid mit Karo-Muster.
Kim ist Model und tritt als Künstlerin oft in Drag auf.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

„In den öffentlichen Verkehrsmitteln fühle ich mich im Alltag grundsätzlich sicher. Aber wenn ich in Drag bin, fahre ich immer mit einem Uber oder per Ridesharing. Öffisfahren in Drag ist zu gefährlich. Ich kenne einige Leute, die schon echte Horrorstories erlebt haben. Man könnte öffentliche Verkehrsmittel mit mehr Personal sicherer gestalten. Als Gesellschaft sollten wir außerdem mehr an Zivilcourage arbeiten und nicht wegschauen, wenn Dinge an Stationen oder in den Bahnen passieren.“

Ulrike, 27 Jahre: „Wegen der Männergruppen“

Eine Frau mit einer knallpinkfarbenen Trainingsjacke und braunen Haaren blickt lächelnd in die Kamera.
Ulrike arbeitet in einem Club und muss nachts häufig allein nach Hause fahren.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

„Ich arbeite in einem Club und bin oft nachts unterwegs. Ob ich mich in den Öffis wohlfühle, hängt davon ab, wo ich bin. Ich wohne in Prenzlauer Berg, dort fühle ich mich sicher und fahre viel mit der Tram. Aber nach der Arbeit nehme ich ungern die U8, wegen Männergruppen. Dann rufe ich mir oft ein Taxi. Es ärgert mich, dass ich mein verdientes Geld dann gleich wieder los bin. In Städten wie London gibt es Schranken zum Bahngleis, durch die man nur mit Ticket kommt. So was fände ich gut.“

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Arsi, 26 Jahre: „Teilweise fühlt man sich sehr verwundbar“

„Ich fühle mich im Alltag recht sicher in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das liegt weniger an der Realität, sondern daran, dass ich sehr in meinem eigenen Kopf bin und in der Bahn nicht auf mein Umfeld achte. Ich nehme dann nicht wahr, dass es eine Gefahr geben könnte. Mir ist aber bewusst, wie auffällig queere Menschen wie ich von der Gesellschaft behandelt werden. Dadurch fühlt man sich teilweise sehr verwundbar und spürt die Blicke der Menschen verstärkt. Vielleicht könnte man ein Handzeichen oder einen Code einführen, um anderen zu signalisieren, dass man sich unwohl fühlt und Hilfe braucht. Ohne dass es direkt etwas mit Gewalt zu tun hat, die einem angetan wird.“