Schreie überall. Verletzte Menschen mit offenen Wunden, Blut am Körper, gebrochenen Gliedmaßen und schweren Blessuren. Sie rufen nach Verwandten, Freunden, Zurückgelassenen. Dazwischen Einsatzkräfte in Uniformen, die Erste Hilfe leisten, Wunden dokumentieren und rußgeschwärzte Versehrte in Wärmedecken stecken oder abtransportieren. Jetzt kommt es auf jede Sekunde an. Wer muss sofort ins aufgeblasene Krankenzelt zur Erstversorgung, wer kann noch kurz liegenbleiben?

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Es ist ein grausiges Bild: Ein Hausbrand und ein gleichzeitig stattfindender Verkehrsunfall haben eine Schneise der Verwüstung in Ruhleben hinterlassen. „Drückt ein bisschen auf die Tube, Leute!“, ruft der Einsatzleiter. „Das dauert alles zu lange.“ Menschenleben sind in Gefahr.

Insgesamt 100 Ehrenamtliche beteiligen sich an Großübung

Zum Glück handelt es sich aber nur um ein Schauspiel, wenn auch mit ernstem Hintergrund. Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Berlin hat am Sonnabend zum dritten Mal seine jährliche Großübung „ASB Berlin übt“ im Zivil- und Katastrophenschutz auf dem Gelände der Polizeiakademie durchgeführt. Insgesamt 100 ehrenamtliche Einsatzkräfte probten den ganzen Tag über zwei realistische Szenarien in Echtzeit und unter Extrembedingungen.

50 Personen stellten Verletzte dar. Und zwar sehr detailgetreu. „Das war wirklich herausfordernd für mich, wie die Schauspieler geschrien und sich auch destruktiv und panisch verhalten haben“, sagte Fabian Mark, der zum ersten Mal als Spontanhelfer mit dabei war. „Da fragt man sich schon, wie man in echt mit dieser Situation umgehen würde.“

Massenfall mit Verletzten nach Hausbrand und Unfall

Katastrophenschutzübung das Arbeiter Samariter Bund (ASB)
Am Sonnabend wurde ein Massenanfall an Verletzten geübt. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Beteiligt waren sämtliche relevanten Fachbereiche des ASB – unter anderem also Sanitätsdienst, Betreuungsdienst, Verpflegungsdienst und die Psychosoziale Notfallversorgung. „Bevölkerungsschutz funktioniert nur mit starken Strukturen und engagierten Menschen“, betonte der ehemalige Regierende Bürgermeister und frisch wiedergewählte ASB-Präsident Michael Müller (SPD).

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Realistisch geschminkte Darsteller sind wichtig für die Übung

Am Morgen ging es auf dem Übungsgelände der Polizei um eine geplante Lage. Verwunderte mussten nach einem bekannten Schema in eine medizinische Einrichtung verbracht werden, darunter auch Alte, Kranke und Behinderte. Der Nachmittag stand dann aber im Fokus eines sogenannten Massenanfalls, der eine spontane Sofortreaktion der Notfall- und Rettungssanitäter erforderte. Sie wussten vorher nicht im Detail, was auf sie zukommen würde.

Nach und während der Szenarien erhielten die Teilnehmer unmittelbares Feedback durch ein Beobachtungsteam. „Da ist einer entwischt“, sagte eine Beobachterin in grüner Warnweste, als einer der aus dem Haus Geretteten ausbüxste, um seine Katze aus der brennenden Wohnung zu holen. Das sollte nicht passieren.

Erstmals Übung mit Kräften aus Brandenburg und Spontanhelfern

Katastrophenschutzübung das Arbeiter Samariter Bund (ASB)
Die Katastrophenschutzübungen des ASB Berlin sind nichts für schwache Nerven. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Erstmalig übten Ehrenamtliche des ASB Brandenburg mit. Damit soll die Zusammenarbeit auch über Ländergrenzen hinweg in der eng vernetzten Metropolregion gestärkt werden. Gänzlich neu war zudem die Einbindung von Spontanhelfenden wie Fabian Mark in die Übung.

Bei den Spontanhelfern handelt es sich um ein niedrigschwelliges Angebot für Ersthelfer, die eine Grundausbildung erhalten haben, sich aber aus Zeit- oder Berufsgründen nicht an den regelmäßigen Weiterbildungen und Übungen des ASB beteiligen können. In einem Pilotprojekt sollen die Spontanhelfer in Katastrophenfällen etwa mit dem Sichtschutz für Verletzte beauftragt werden, um den Rest des Teams zu entlasten.

Schon jetzt leistet Spontanhilfe wichtige Unterstützung

Katastrophenschutzübung das Arbeiter Samariter Bund (ASB)
Spontanhelfer Fabian Mark war in diesem Jahr zum ersten Mal bei der Großübung dabei. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Der Berliner ASB baut schon länger ein Netzwerk von Spontanhelfern auf. Rund 80 sind es im Moment. Sie beteiligten sich etwa an der Ausgabe von Verpflegung und Kleidung an ukrainische Geflüchtete nach der russischen Invasion im Frühjahr 2022 im Berliner Hauptbahnhof oder an der Wärmeverpflegung nach dem weiträumigen Stromausfall im Berliner Südwesten im Januar dieses Jahres. Fabian Mark war am Sonnabend mit seinem Sohn vor Ort in Ruhleben. „Es war mir wichtig, an der Übung teilzunehmen, um vorbereitet zu sein“, so Mark.

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„Berlin ist nur so sicher wie seine Vorbereitung“, sagte auch Innensenatorin Iris Spranger (SPD). Regelmäßige Übungen seien unverzichtbar, um Einsatzkräfte zu befähigen und künftig Spontanhelfende als neue Komponente im Bevölkerungsschutz einzubinden. „Das gelingt nur mit politischer Unterstützung, klaren Strukturen und verlässlichen Finanzierungen aller Akteure“, so Spranger.

Berlin ist nur so sicher wie seine Vorbereitung.

Iris Spranger , Innensenatorin (SPD)

Katastrophenschutz benötigt längerfristige Finanzierung

Der ASB nutzte die Großübung in diesem Sinne, um klare Forderungen an den Berliner Senat zu stellen. Sowohl in der Verwaltung als auch in den anerkannten Hilfsorganisationen müssten finanzierte Stellen geschaffen werden, um den Bevölkerungsschutz weiterzuentwickeln, hieß es in einer Diskussionsveranstaltung, die am Rande der Übung stattfand.

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Für einen leistungsfähigen Bevölkerungsschutz brauche es außerdem eine gesicherte und langfristige Finanzierung. „Wir brauchen einen Nachtragshaushalt oder ein Umsteuern im Sondervermögen“, stimmte Spranger zu. Dadurch sollten insbesondere neue, dringend benötigte Fahrzeuge beschafft werden.

Ein Dauerbrenner ist das Anliegen, die Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen denen der Freiwilligen Feuerwehren und des Technischen Hilfswerks (THW) gleichzustellen. Denn: Ehrenamtliche der Hilfsorganisationen erhalten während ihrer Ausbildungen keine Freistellung vom Job. Im Einsatzfall müssen sie eine solche erst über lange bürokratische Prozesse beantragen.

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Auch die Berliner Bevölkerung muss resilienter werden

Aber auch die Bevölkerung muss sich der zunehmenden Wahrscheinlichkeit von Katastrophen bewusster werden, betonten die Akteure am Sonnabend. Die jüngsten Stromausfälle in Berlin hätten gezeigt, wie schnell ernsthafte Gefahrenlagen entstehen können. Präventive Angebote wie Erste-Hilfe-Schulungen sollten daher insgesamt ausgebaut werden.