Im Neuköllner Späti L5 in der Lenaustraße gibt es nicht nur Tabak und Getränke. Hier kann man auch kostenlose Rechtsberatung erhalten, wenn man von Hausdurchsuchungen betroffen ist. Am Dienstag ist das antifaschistische Projekt allerdings selbst ins Visier der Fahnder geraten. Polizistinnen und Polizisten suchten in den Räumlichkeiten nach Hinweisen für eine Mittäterschaft an einem der historisch schwersten Angriffe auf die kritische Infrastruktur in Berlin: den Anschlag auf die Stromversorgung im Südosten der Stadt am 9. September 2025.

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Knapp sechs Monate nach dem Blackout in Johannisthal und Adlershof, von dem zeitweise rund 50.000 Privathaushalte und 2000 Gewerbebetriebe betroffen waren, haben die Sicherheitsbehörden laut Angaben der Generalstaatsanwaltschaft vier Tatverdächtige im Alter von 28, 31, 35 und 36 Jahren ermittelt. Sie sollen einer anarchistischen Gruppe angehören. Die Vorwürfe lauten auf Verdacht der verfassungsfeindlichen Sabotage, Bildung einer kriminellen Vereinigung sowie Brandstiftung. Ein Zusammenhang mit dem Stromausfall in Steglitz-Zehlendorf Anfang des Jahres bestehe hingegen nicht, hieß es.

In Berlin ging die Polizei seit den frühen Morgenstunden mit einem größeren Einsatz gegen die Tatverdächtigen und Teile der sie unterstützenden linksextremistischen Szene vor. An der Aufklärung soll der Verfassungsschutz maßgeblich beteiligt gewesen sein.

Polizei Berlin durchsucht 14 Objekte in Berlin

Razzia nach Anschlag auf Strommast im September in Berlin
In Kreuzberg wurde ein anarchistischer Buchladen mehrere Stunden lang durchsucht. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Zeitgleich wurden 14 Wohnungen und Treffpunkte in Mitte, Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Treptow-Köpenick und Pankow durchsucht. Nach Informationen unserer Redaktion handelte es sich nicht nur um Wohnorte der Tatverdächtigen, sondern auch um Wohnungen von Bekannten und Verwandten, in denen diese zeitweise untergekommen sind. Ein Zielobjekt war etwa ein ehemals besetztes Haus an der Schererstraße in Wedding.

Die Polizei Berlin erklärte, bundesweit mit 500 Polizistinnen und Polizisten im Einsatz gewesen zu sein. Neben Berlin gab es Razzien in Hamburg, Düsseldorf und Brandenburg, wo ein Vierseitenhof in Kyritz im Visier stand.

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Bei den Durchsuchungen konnten umfangreiche Beweismittel sichergestellt werden, die nun gesichtet und ausgewertet werden. Darunter befinden sich unter anderem Mobiltelefone, Laptops, Unterlagen und diverse weitere elektronische Geräte.

Aus Ermittlerkreisen verlautbarte allerdings, dass die Wahrscheinlichkeit, den vier Tatverdächtigen den Brandanschlag auch nachzuweisen, gering sei. Grund seien die extreme Verschwiegenheit innerhalb der Szene und die vorsichtige Kommunikation über Papier und verschlüsselte Messenger.

Für die vier Verdächtigen lagen keine Haftbefehle vor

Festnahmen gab es ebenfalls keine. Und das, obwohl die Beschuldigten nach Kenntnis von Alan Bauer von der Berliner Staatsanwaltschaft teilweise angetroffen wurden. Gegen die vier lag aber kein Haftbefehl vor. Dieser wird erlassen, wenn ein dringender Tatverdacht besteht, wenn bei den Personen die Gefahr vorliegt, dass sie flüchten oder Beweismaterial beiseiteschaffen könnten, und wenn eine Untersuchungshaft verhältnismäßig erscheint. Dies war bei den Razzien am Dienstag offenbar nicht der Fall.

Rund 15 Durchsuchungen in mehreren Stadtteilen: Die Polizei sucht nach Beweisen im Zusammenhang mit dem Stromausfall von 2025.
14 Durchsuchungen in mehreren Stadtteilen: Die Polizei suchte nach Beweisen im Zusammenhang mit dem Stromausfall von 2025.© Berliner Morgenpost | Alexander Rothe

Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Tatverdächtigen seien zwei Personen aus Berlin sowie eine Frau aus Hamburg und ein Mann aus München. Bei Letzterem soll es sich um eine Berühmtheit der anarchistischen Szene handeln, Tarnname: „Manuel“. „Manuel“ soll sich in der bayerischen Landeshauptstadt über Jahre an Brandanschlägen auf die kritische Infrastruktur beteiligt haben, etwa auch auf die Polizei-Reiterstaffel im vergangenen Mai in Riem. Ende Oktober 2025 wurde er zunächst aus der Untersuchungshaft entlassen.

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Razzia nach Anschlag auf Strommast im September in Berlin
Bei den Durchsuchungen wurden Mobiltelefone, Laptops, Unterlagen und diverse weitere elektronische Geräte sichergestellt.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Die Polizei zeigte am Dienstag passenderweise auch in der Anarchistischen Bibliothek Kalabalik in der Reichenberger Straße in Kreuzberg Präsenz. „Wir verstehen unser Projekt als Werkzeug, um anarchistische Ideen zu verbreiten und die herrschende soziale Ordnung, die uns umgibt, anzugreifen“, heißt es auf der Website der Bibliothek. Bereits 2020 kam es hier im Zusammenhang mit den Ausschreitungen zum G20-Gipfel 2017 in Hamburg zu einer Razzia.

Razzia in Kreuzberg
Polizeikräfte vor der Anarchistischen Bibliothek Kalabalik in Kreuzberg.© Reto Klar | Funke Foto Serrvice

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Wie die linke Szene trotz der restriktiven Maßnahmen der Polizei zusammenhält, ließ sich am Dienstag vor dem Späti in der Neuköllner Lenaustraße beobachten. Mehrere Personen hatten sich in Solidarität mit dem linken Projekt neben dem Laden zusammengefunden. Drei von ihnen stellten sich stumm und provokant direkt vor die Polizisten, die die Durchsuchungsmaßnahmen absicherten. „Bitte ein paar Schritte zurücktreten“, sagte einer der Beamten nach wenigen Minuten. Erst nach einigem Zögern nahmen die drei Provokateure Abstand.

Mutmaßliche Linksextremisten legen Stromnetz lahm – Millionenschaden in Adlershof

Razzia nach Anschlag auf Strommast im September in Berlin
Der Eingangsbereich der Anarchistischen Bibliothek Kalabalik wurde am Dienstag von Polizeifahrzeugen mehrere Stunden abgeschirmt.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

„Wir reden über eine heterogene Szene, die aber international vernetzt ist, gut organisiert und durchaus intelligent vorgeht“, erklärte Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Berlin. „Wir hoffen, dass am Ende des Tages etwas herumkommt, um auch die längst überfällige Einstufung dieser Personen als kriminelle Vereinigung voranzutreiben.“

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„Wer unsere kritische Infrastruktur angreift, greift die Sicherheit unserer gesamten Stadt an“, sagte die Berliner Innensenatorin Iris Spranger (SPD) der Berliner Morgenpost. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) versprach: „Wir bleiben dran, bis die Täter gefasst sind.“

Wer unsere kritische Infrastruktur angreift, greift die Sicherheit unserer gesamten Stadt an.

Iris Spranger, Innensenatorin (SPD)

Auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) meldete sich zu Wort. „Wir beobachten die linksextremistische Szene seit den Anschlägen auf die kritische Infrastruktur im Zusammenhang mit Adlershof und dem 3. Januar sehr genau“, betonte Dobrindt. Die Sicherheitsbehörden seien dazu in einem engen Austausch. „Sämtlichen Hinweisen zu dem Anschlag im Südwesten Berlins Anfang des Jahres wird weiterhin intensiv nachgegangen.“