„Die Situation ist uns in Deutschland in den letzten Jahren einfach entglitten.“ Von einem Drogenbeauftragten der Bundesregierung möchte man solche Worte wohl eher nicht hören. Hendrik Streeck (CDU) umriss mit ihnen allerdings am vergangenen Freitag die aktuelle Lage: immer mehr Kokain, mehr Crack, deutliche jüngere und experimentierfreudige Konsumenten, die alles durcheinander nehmen, mehr Abhängige und letztlich auch mehr Tote. 2157 Menschen starben 2024 bundesweit an den Folgen ihres Konsums – pro Tag im Schnitt sechs. Ein Trend, auch bestärkt durch immer mehr neue Drogen, die stärker und gefährlicher sind. „Ich sehe die Opioidkrise kommen“, warnte Streeck.

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Synthetische Opioide sind in den Drogenszenen weltweit auf dem Vormarsch. In den USA, wo die Zahlen spätestens seit Corona explodiert sind, ist längst von einer Epidemie die Rede, die bereits fast eine Million Todesopfer gekostet hat. Die häufigste Todesursache für US-Amerikaner unter 45 Jahren lautete zeitweiser nicht Unfall, Krankheit oder Gewalt, sondern Fentanyl.

Auch der Sänger Prince starb 2016 an einer Überdosis Fentanyl.
Auch der Sänger Prince starb 2016 an einer Überdosis Fentanyl.© imago/ZUMA Press | imago stock&people

Bilder von Abhängigen der sogenannten „Todesdroge“, die oft im Rausch stehend und vornübergebeugt in typischer „Zombie“-Pose verharren, gab es zuletzt etwa auch aus Frankfurt (Main). Und auch in Berlin, wo die Szene noch durch Kokain, Heroin und Crack dominiert wird, taucht das synthetische Opioid immer wieder schlaglichtartig auf.

Elf von fast 300 Berliner Drogentoten hatten Fentanyl im Blut

Die Zahlen zeigen aber klar, dass Fentanyl in Berlin noch eine untergeordnete Rolle spielt. Zwar steigt die Zahl der Drogentoten seit Jahren kontinuierlich an. 2024 erfasste die Berliner Polizei 297 Fälle. Fentanyl konnte aber nur bei elf Toten nachgewiesen werden, bei zehn davon gemischt mit anderen Drogen. Auch die Suchthilfe sieht in der Hauptstadt noch keinen Grund, Alarm zu schlagen, „Die Lage ist noch relativ ruhig“, sagt Maria Kuban von der Deutschen Aidshilfe. „Wir bereiten uns aber auf verschiedene Szenarien vor.“ Fentanyl sei in den Drogenkonsumräumen bislang vereinzelt aufgetaucht. Gleiches gilt für das Drugchecking-Projekt in Berlin.

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Das könnte sich jedoch ändern. Grund dafür ist eine absehbare Verknappung ausgerechnet des Opioids, das lange als gefährlichste Droge der Welt galt: Heroin. Der Schlafmohn, der für die Heroin-Herstellung nötig ist, stammt in Deutschland zum überwiegenden Teil aus Afghanistan. Die Taliban hätten jedoch nach ihrer Machtergreifung begonnen, den Anbau massiv zurückzudrängen. Dass andere Regionen die Lücke auf dem Schwarzmarkt füllen, sei derzeit nicht abzusehen. In Kanada etwa gilt Heroin schon längst als abgelöst.

Tödliche Fentanyl-Dosis liegt bei nur zwei Milligramm

„Es entsteht eine Lücke, an die sich synthetisch hergestellte Opioide wie Fentanyl setzen könnten“, meint Kuban. Europaweit sei das anhand der Sicherstellungszahlen längst zu beobachten. „Man braucht für sie auch keinen Rohstoff, sondern kann sie komplett im Labor synthetisieren.“ 2024 stellten die deutschen Sicherheitsbehörden 25 illegale Rauschgiftlabore fest, in denen aber auch Crystal und andere Drogen synthetisiert wurden. In den Jahren davor waren es nur fünf bis zehn.

„So makaber es klingt, für Dealer und Schmuggler ist der Umstieg auf synthetische Opioide durchaus attraktiv“, sagt Kuban. Außerdem müsse man nur ein Bruchteil der Menge schmuggeln, weil Fentanyl außerdem 50 bis 100 Mal stärker als Heroin wirkt, was die Droge auch so lebensgefährlich macht. Den sogenannten goldenen Schuss setzt man sich mit Heroin ab etwa 200 Milligramm, bei Fentanyl kann ab zwei Milligramm eine tödliche Atemdepression einsetzen.

Für Dealer und Schmuggler ist der Umstieg auf synthetische Opioide durchaus attraktiv.

Maria Kuban, Deutsche Aidshilfe

1937 gelang es Chemikern erstmals, Opioide zu synthetisieren. 1960 wurde Fentanyl entdeckt und relativ schnell in den USA und Europa als Schmerzmittel zugelassen. Fentanyl wird allerdings meist nur dann verschrieben, wenn andere Mittel keine Linderung mehr verschaffen, etwa in der Palliativmedizin, bei Tumorschmerzen oder schweren Kriegsverwundungen. Fentanyl kann oral, intravenös oder über die Haut aufgenommen werden. Pflaster geben den Wirkstoff nach und nach ab und können über Tage Linderung verschaffen.

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Direkt nach dem Fentanyl-Konsum fallen viele in einen Zustand, in dem sie sich weder bewegen können, noch ansprechbar sind. In Los Angeles, wo dieses Bild entstand, nennen Notfallsanitäter diese Haltung „Fentanyl-Fold“ (sinngemäß.: „Fentanyl-Gefaltet sein“).© Los Angeles Times via Getty Images | GENARO MOLINA

Fentanyl gelangt unter anderem durch gefälschte Rezepte auf Schwarzmarkt

„Das synthetische Opioid Fentanyl kommt in Berlin bislang nur vereinzelt vor“, sagt Polizeisprecherin Jane Berndt. Wenn es auf dem Schwarzmarkt sichergestellt wird, im Schnitt zwischen zehn und 20 Mal pro Jahr, handele es sich überwiegend um Pflaster. Diese würden vor allem durch „Rezeptfälschungen, Entwendungen aus Krankenhausmüll / Pflegeheimen oder anderen Eigentumstaten erlangt“, so Berndt weiter.

Im Juli verurteilte das Berliner Landgericht den 27-jährige Justin K. zu drei Jahren und sechs Monaten Haft. Er gab zu, mehrfach mit gefälschten Rezepten Fentanyl in Apotheken geholt und an Dealer weitergegeben zu haben – insgesamt 42 Pakete mit je 20 Pflastern.

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Die Kammer sprach in der Begründung des vergleichsweise harten Urteils von einem „klaren Zeichen gegen Fentanyl“ und warf Justin K. vor, „das massenhafte Sterben unterstützt“ zu haben. Ein zweiter Prozess gegen den Mann, der die Blanko-Rezepte vorher aus einer Arztpraxis gestohlen haben soll, steht noch aus.

Apothekerkammer warnt vor fast nicht erkennbaren Rezeptfälschungen

„Rezeptfälschungen sind in den letzten Jahren – wie auch andere Fälschungsmethoden – so gut geworden, dass es kaum möglich ist, diese zu entlarven“, heißt es dazu von der Apothekerkammer Berlin (AK). Oft erkenne man sie nur an kleinen Details – etwa, wenn Rezepte auf ältere Person ausgestellt sind und von jüngeren eingelöst werden. In diesem Fall müsse das pharmazeutische Personal die Abgabe verweigern, bis alle Zweifel ausgeräumt sind. „Bei Verdacht auf Fälschung wird also immer der oder die verschreibende Person kontaktiert.“

Die Fentanyl-Pflaster geben den Stoff nach und nach an die Haut ab. In der Drogenszene werden sie in kleinen Stücken geraucht oder aufgekocht und der Sud wird gespritzt.
Die Fentanyl-Pflaster geben den Stoff nach und nach an die Haut ab. In der Drogenszene werden sie in kleinen Stücken geraucht oder aufgekocht und der Sud wird gespritzt.© dpa | Carsten Rehder

Die AK Berlin betont, dass es „ein wesentliches Anliegen, die Mitglieder bestmöglich über Rezeptfälschungen zu informieren“. Denn oft würden die Fälschungen erst bei der Abrechnung mit den Krankenkassen auffallen, die dann oft die Kostenübernahme verweigerten, so die AK weiter. Erkenntnisse darüber, wie häufig gefälschte Fentanyl-Rezepte in Berlins Apotheken eingereicht werden, gebe es keine.

Fentanyl-Pflaster werden geraucht oder zu Spritzen ausgekocht

Auf dem Schwarzmarkt werden die Pflaster in kleinen Teilen weiterverkauft. Die Abhängigen rauchen die Schnipsel oder kochen sie aus, um sich den Sud dann zu spritzen. Gleichzeitig ist Fentanyl ein sehr wirksames Schmerzmittel. „Es verschafft vielen Menschen mit starken, oft chronischen Schmerzen deutlich mehr Lebensqualität“, sagt Maria Kuban.

Der Heroin-Rausch wird oft als ein „in Watte gepackt sein“ beschrieben. Schmerzen, Sorgen und Angst – oft durch Obdachlosigkeit verstärkt – verschwinden vollständig, aber kommen beim Entzug umso stärker zurück. Neben Depressionen, Panik und Reizbarkeit gehören beim Missbrauch grippeähnliche Symptome, Übelkeit und Erbrechen zu den Entzugssymptomen. „Allein dadurch, dass Fentanyl deutlich stärker wirkt, ist auch der Entzug um ein Vielfaches härter als bei Heroin“, sagt Kuban.

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Bundesdrogenbeauftragter setzt auf Naloxon-Spray

Die Opioidkrise führte in den USA dazu, dass in Städten wie Los Angeles, Philadelphia oder Baltimore ganze Straßenzüge verelendet sind. Obdachlose konsumierten öffentlich, standen und lagen regungslos herum. Die Polizei wurde in den betroffenen Gebieten flächendeckend mit dem Naloxon ausgestattet. Das Nasenspray wird bei Überdosen gegeben und hebt die Wirkung der Opioide binnen Sekunden auf. Die Gewerkschaft der Polizei forderte das zuletzt auch für Berlin. Offiziell geplant ist das seitens der Verwaltung derzeit aber nicht.

APTOPIX Photo Essay Fentanyl's Scourge
Synthetische Opioide lassen Menschen und ganze Straßenzüge, wie hier in L.A., verelenden und sind für zwei Drittel der Drogentoten in den USA verantwortlich.© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Jae C. Hong

Auch im Rettungsdienst sei derzeit keine Aufstockung des Vorrats vorgesehen, teilt die Berliner Feuerwehr auf Anfrage mit. Der Umgang mit Opioid-Überdosen sei jedoch Teil der Aus- und der Fortbildung. Für entsprechende Notfallsituationen „steht auf allen Rettungsmitteln der Berliner Feuerwehr Naloxon in ausreichender Menge zur Verfügung“. Fälle, in denen Fentanyl ursächlich für einen Rettungseinsatz war, seien bislang nicht bekannt.

Nach einer entsprechenden Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums ist Naloxon seit Kurzem nicht mehr verschreibungspflichtig, sondern frei in Apotheken erhältlich. „Das wird in Zukunft Leben retten“, sagte der Bundesdrogenbeauftragte Streeck. Auch das Land Berlin hat unter Federführung der Senatsgesundheitsverwaltung bereits im April einen Runden Tisch „synthetische Opioide“ eingerichtet. Ziel dessen sei Vernetzung, Informationsgewinnung, Austausch und „gemeinsame Strategien zu entwickeln, um frühzeitig auf einen möglichen Anstieg reagieren zu können“.

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Aktuell arbeite man an einem gemeinsamen Lagebild und an einer „Abstimmung klarer Informations- und Reaktionswege“, heißt es. Alle „relevanten Berliner Institutionen“ seien beteiligt – darunter Polizei und Feuerwehr, die Notaufnahmen, die Charité, die Sozial- und Innenverwaltung und auch die Sucht- und Drogenhilfe. Auch Maria Kuban sitzt mit am Tisch. In Berlin gebe es „sehr viel politischen Willen“, sagt sie. „Auch wenn die Situation weder in Entstehung noch im Verlauf vergleichbar ist, wissen wir durch die jahrelange Krise in den USA bei uns in Deutschland schon sehr viel über Fentanyl und synthetische Opioide.“

Berlins Kampf gegen Drogen: Alle Teile der Serie gibt es hier.