Ein Tötungsdelikt in einer verschlossenen Wohnung. Nur zwei Personen sind anwesend, eine davon überlebt den Abend nicht. Es sind Personen, die eine Vorgeschichte von häuslicher Gewalt und von Eifersucht miteinander teilen. Schnaps ist im Spiel und der Wunsch nach einem festen Schlafplatz. Überall ist Blut, auch an dem mutmaßlichen Tatwerkzeug, einem ein Meter langen Kantholz.

Montag bis Samstag
Morgenpost der Chefredaktion
Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Betrachtet man den Fall der Anfang 2025 brutal in Spandau getöteten Angelika H. anhand der festgestellten Fakten, so bleibt nur wenig Raum für Spekulationen. Dennoch überraschte der Angeklagte Angelo A. die Kammer beim Auftakt seines Prozesses wegen Totschlags vor dem Landgericht Berlin am Montag mit seiner Aussage zu den Geschehnissen am Abend des 3. April. „Ich habe nichts zu verbergen“, sagte der 60-Jährige Italiener, der derzeit in Untersuchungshaft sitzt, in brüchigem Deutsch. „Ich habe nichts gemacht.“
Häusliche Gewalt: Die Polizei wurde immer wieder zu dem streitenden Paar gerufen
A. ist nur etwa 1,50 Meter groß, schmächtig, hat ein vernarbtes, knochiges Gesicht, unruhige Augen und ist nur sehr schwer zu verstehen. Er wirkt nicht wie ein Mann, dem man Gewalttätigkeit zutrauen würde, eher teilnahmslos und konzentrationsschwach. Doch wie der Polizeibeamte David M. in seiner Zeugenaussage am Montag klarmachte, war A. auf dem Abschnitt in Spandau kein Unbekannter. Immer wieder hat seine ehemalige Lebensgefährtin H. bei der Polizei angerufen, sich über häusliche Gewalt, Handgreiflichkeiten und Bedrohungen beschwert. Am Ende kostete sie die turbulente Beziehung wohl das Leben.
Die Staatsanwaltschaft jedenfalls ist davon überzeugt, dass Angelo A. mehrfach heftig mit dem Kantholz gegen den Schädel seiner Ex-Partnerin geschlagen hat, sodass dieser schließlich brach. Auch das Hirn wurde durch ein Trauma verletzt – die 56-Jährige starb trotz aller Bemühungen der Ärzte später im Krankenhaus. Die Fotos des blutüberströmten Gesichts ihrer Leiche, übersät von blauen Flecken und Wunden, sorgte im Gerichtssaal für Entsetzen.
Angelo A. will nicht wissen, was in dem verschlossenen Zimmer passiert ist
Umso erstaunlicher, als Angelo A. am Montag sagte: „Ich habe keine Verletzungen an ihr bemerkt, da war kein Blut.“ Er hätte nur an ihrem Puls erkannt, dass sie tot sei. Seine Version der Geschehnisse am 3. April ist folgende: Nach drei Tagen auf der Straße habe er darum gebeten, in der neuen Wohnung von H. übernachten zu dürfen. Zuvor hatte sie das dreimal abgelehnt und ihm nicht die Tür geöffnet. „Sie war der einzige Mensch, zu dem ich gehen konnte.“
- Patientin auf dem Gewissen: Arzt nach Narkose-Pfusch vor Gericht
- Antisemitischer Angriff: Dieses Urteil fiel im berühmten Shapira-Prozess
- Wegweisendes Urteil: Warum „From the River to the sea“ in Berlin als antisemitisch gilt
- Berlins schillernster Prozess: So lief der Justiz-Krieg zwischen Bushido und Arafat Abou-Chaker
- Einzigartige Neuerung: Wo in Berlin jetzt Prozesse auf Englisch stattfinden
An diesem Abend sei er dann sofort auf der Couch eingeschlafen. Nach einer Stunde sei er wieder aufgewacht - da habe Angelika H. schon auf dem Boden gelegen und das Zimmer sei abgeschlossen gewesen. Nicht von ihm, denn er habe ja keinen Schlüssel. Er könne daher auch nicht sagen, was genau passiert sei, da er an dem Abend so müde gewesen war. Schnaps habe er im Übrigen nur „wenig“ getrunken. „Wir hatten keinen Streit“, behauptete A. zudem und sorgte damit für hochgezogene Augenbrauen auf der Richterbank.
Angelika H. soll einen neuen Partner gehabt haben
Denn Angelo A. und Angelika H. waren, trotz aller Auf und Abs, seit über 15 Jahren ein Paar. Vor einem Jahr hatte die 56-Jährige sich jedoch von A. getrennt und sich eine neue Wohnung gesucht. Auch ein neuer Partner war im Spiel, als A. immer wieder vergeblich um einen Schlafplatz gebeten hatte.
Dass ein Tötungsdelikt aus Eifersucht und Verzweiflung, gar ein Femizid, verübt worden sein könnte, legte die Staatsanwältin mit ihren Fragen zumindest nahe. Es wäre nicht der erste Vorwurf gegen A. Im Juni 2024 soll er Angelika H. so schlimm geschlagen haben, dass sie ihr Augenlicht verlor und ihr rechter Augapfel entfernt werden musste.
Dieser Punkt stand zunächst auch in der Anklage für Montag - wurde nun aber überraschenderweise vom Hauptverfahren wegen Totschlags abgetrennt. Der Grund: „zeitliche Unstimmigkeiten“. Wie so vieles will Angelo A. dabei am 3. April auch nicht gewusst oder bemerkt haben, ob seine Ex-Partnerin noch in Besitz beider Augen war. Ein Urteil ist für den 16. Oktober vorgesehen.





