Im März 2010 raubten vier Männer ein Berliner Pokerturnier aus und erbeuteten über 200.000 Euro – und das vor laufenden Kameras. Das Geld ist bis heute verschwunden. Wie kam es zu dieser waghalsigen Tat? Die neue Folge unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“ rollt den Fall noch einmal auf.
6. März 2010, Berlin-Mitte: Hochspannung im Ballsaal des Grand Hyatt Hotels. Beim Pokerturnier der European Tour sind die Einsätze hoch – die möglichen Gewinne auch. Karten werden gedealt, Jetons klackern, Kameras übertragen live. Kurz nach 14 Uhr dann das Unfassbare: Vier maskierte Männer stürmen den Saal.
Einer schwingt eine Machete, ein anderer richtet eine Pistole auf die Spieler. Panik bricht aus. In Sekunden reißen die Täter Geldbündel an sich, stopfen sie in ihre Jacken – rund 242.000 Euro. Nach wenigen Minuten sind sie verschwunden. Doch sie haben entscheidende Fehler gemacht.
Pokerraub im Grand Hyatt: Die Fakten zum Fall im Überblick
| Fall | Überfall auf Pokerturnier in Berlin |
| Tatzeit | 6. März 2010 |
| Tatort | Ballsaal des Grand Hyatt Hotels am Potsdamer Platz |
| Status | Täter verurteilt, Beute großteils verschwunden |
| Besonderheit | Tat vor laufenden Kameras, hunderte Zeugen |
Pokerraub in Berlin: Abgebrühter Täter vor laufender Kamera
Die European Tour am 6. März 2010 am Potsdamer Platz in Berlin-Mitte erregte weltweit Aufmerksamkeit. Es war das bis dahin größte Pokerturnier Deutschlands. Preisgelder von fast fünf Millionen Euro wurden vergeben. An den Tischen im Berliner Luxushotel Grand Hyatt saßen Profis und Prominente: Ex-Tennisstar Boris Becker hatte teilgenommen, schied aber früh aus dem Turnier aus. Außerdem mit dabei waren „Feuchtgebiete“-Autorin und TV-Moderatorin Charlotte Roche und Stars der Szene wie die Poker-Europameisterin Sandra „Black Mamba“ Naujoks.
Gerade hatte im Ballsaal das „Highroller“-Event begonnen – dem Sieger winkten eine Million Euro –, da brach Panik im Saal aus. Chips und Spielkarten flogen durch die Luft. Einige der prominenten Gäste vermuteten einen PR-Gag. Andere dachten an einen Amoklauf, krochen unter die Spieltische, um Deckung zu nehmen. Währenddessen filmten zahlreiche Überwachungs- und TV-Kameras. Denn das Turnier – und auch die dramatischen Szenen des Überfalls – wurden für ein internationales Publikum live übertragen.

„Das ist eine neue Dimension von Dummheit“
Vier maskierte Männer stürmten die Lobby. Bewaffnet mit Macheten und Schreckschusspistolen bahnten sie sich ihren Weg vorbei an Sicherheitspersonal bis zum Tresor. Der Moment war perfekt: Der Tresor stand offen. Gerade sollten die Teilnehmergebühren verstaut werden. Die Räuber erbeuteten mehrere Hunderttausend Euro und flohen dann, so schnell wie sie gekommen waren, durch das Treppenhaus des Hotels zu einem bereitstehenden Fluchtwagen. Der ganze Coup dauerte weniger als zwei Minuten.
Ein Meisterstück? Ein filmreifer Überfall, der an den Hollywood-Blockbuster „Ocean’s Eleven“ erinnert, wie die Nachrichtenagentur AFP meldete? Wohl eher nicht. Die Täter hatten so viele Fehler begangen, dass sich die Polizei sicher war, die „unvorsichtigen Vier“ vom Pokerturnier bald stellen zu können. „Die Chancen stehen nicht schlecht“, erklärte Polizeipräsident Dieter Glietsch. Der Chef der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, legte nach: „Das ist eine neue Dimension von Dummheit, vor laufenden Kameras eine solche Tat zu begehen.“ Doch dann vergingen Tage ohne sichtbaren Fahndungserfolg.

McDonald’s-Treffen im Auftrag des Abou-Chaker-Clans
Rückblick: Es ist eisig in Berlin an jenem 6. März 2010. Das Tief „Yve“ lässt die Temperaturen in Deutschland fallen. Im McDonald’s am Potsdamer Platz treffen sich am Morgen vier junge Männer, erwerbslos, polizeibekannt. Es sind noch einige Stunden bis zum Überfall auf das Hyatt. Noch wissen Jihad C., damals 19 Jahre alt, Vedat S. (21), Ahmat el-A. (20) und Mustafa U. (20) – letzterer kam erst kurz zuvor aus der Haft frei – nicht, warum sie sich hier einfinden sollten.
Die jungen Männer sind Kleinkriminelle, leben in Kreuzberg und Neukölln, boxen im Berliner Polizeiverein. Jihad war mal Boxmeister. Allerdings sind die vier auch mit Männern bekannt, die in Westberliner Kiezen wegen größerer Verbrechen gesucht werden. Stichwort: Abou-Chaker-Clan. Ein Name, der in der Berliner Unterwelt zuweilen Ehrfurchtsgesten auslöst. Der Überfall auf das Hyatt ist eines der ersten größeren Verbrechen mit medialer Aufmerksamkeit aus dem Milieu der Großfamilien in Berlin – es folgen: der Überfall auf das KaDeWe 2014 und der Goldmünzenraub 2017 im Bode-Museum.
Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“
Insider am Pokertisch verrät Details zu den Sicherheitsvorkehrungen
Laut späteren Ermittlungen hatte Jihads Onkel, Ibrahim „Ibo“ el-M. (28), der als Drahtzieher des dilettantischen Coups gilt, das Treffen anberaumt. Er erklärt den Jugendlichen, worum es geht. Sie sollen das Pokerturnier im Hyatt überfallen. Eine sichere Sache mit Aussicht auf satte Beute. Den Tipp hatte er von Mohamed „Momo“ Abou-Chaker erhalten, der selbst an dem Turnier teilnahm und als Insider alles ausgekundschaftet hatte: Die Sicherheitskräfte seien unbewaffnete Schwächlinge; ihr Chef, der Kickboxmeister Michael K., wegen eines Unfalls ausgefallen. Geld würde in großen Mengen herumliegen.
Ibo verteilt Handschuhe und Masken – später auch noch eine Machete und Schreckschusspistolen. Die vier Männer wollen in der Szene anerkannt sein, so jedenfalls stellt es später das Gericht fest. Also machen sie mit. Für Vedat S. bleiben nur gelbe Putzhandschuhe – die sind ihm zu peinlich. Er geht ohne los. Bereits im Schnellimbiss benehmen sich die vier Räuber so auffällig, dass sich Zeugen später an sie erinnern. Einer weiß sogar noch das Kennzeichen des auffälligen Mercedes C190, den Vedat S. direkt vor der Tür geparkt hatte.

Praktikant sichert Tasche mit 500.000 Euro Beute
Mit einem anonymen Prepaid-Handy gibt Abou-Chaker exakt um 14.08 Uhr das Signal an Ibo, jetzt zuzuschlagen. Die Gangster passen genau den Moment ab, in dem zwei Sicherheitsleute gerade essen und zwei andere die Startgelder vom Neben- in den Haupttresor bringen. Ibo schickt seine vier Räuber los. Sie betreten das Luxushotel durch eine Seitentür, ein Täter in auffälliger roter Jacke zieht sich erst im Treppenhaus die Maske über. Zu spät – er wurde bereits gefilmt. Die vier Räuber stürmen gegen 14.10 Uhr brüllend und mit gezückten Waffen ins Foyer, halten einer Kassiererin in Todesangst eine Pistole an den Kopf und beginnen, ihre Jacken mit Geldbündeln vollzustopfen. An Taschen hatte niemand gedacht.
Den Hauptteil des Geldes, fast 500.000 Euro, stopft Vedat S., der auf Handschuhe verzichtet hatte, in eine gefundene Laptoptasche und hinterlässt dabei DNA-Spuren und Fingerabdrücke. Ein späterer Abgleich in der Polizeidatenbank ergibt Treffer. Als seine drei Kumpane gegen 14.12 Uhr bereits die Flucht angetreten haben, wird der unglückliche Räuber von einem baumgroßen Sicherheitsmann zu Boden gerissen. Im Klammergriff von Roman H., 2,04 Meter groß, Ex-Polizist, rührt sich Vedat keinen Millimeter. Geistesgegenwärtig greift sich ein Hotelpraktikant die Laptop-Tasche mit dem Großteil der Beute. Die Szene wird vielfach festgehalten – per Videoaufnahmen und durch Schnappschüsse anwesender Pressefotografen.

Das dunkle Berlin: True Crime aus der Hauptstadt
In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.
Pokerraub in Berlin: Räuber prahlen mit der Tat im Kiez
Im Treppenhaus bemerken die Flüchtenden das Fehlen des Vierten, kehren zurück, bedrohen Roman H. mit der Machete. Er lässt Verdat S. frei. Bereits zuvor war der Security-Mann im Handgemenge von der 30-Zentimeter-Machete am Auge verletzt worden. Endlich können die Täter durch das Not-Treppenhaus des Hotels auf die Straße flüchten, reißen sich die Masken vom Kopf – und werden dabei erneut gefilmt, bevor sie in der Menschenmenge der Einkaufsmeile am Potsdamer Platz untertauchen. Der ganze Überfall dauerte nur wenige Minuten. Die Polizei erreicht das Hyatt nach rund sechs Minuten – zu spät.
In einer Seitenstraße wartet Ibo mit einem Fluchtwagen auf die Nachwuchsganoven. In einer nahegelegenen Tiefgarage wird das erbeutete Geld – etwa 242.000 Euro – auf der Autohaube in Häufchen portioniert. Die Diebe erhalten einige Zehntausend Euro. Der Rest geht an Ibo und seinen Tippgeber. Doch so fix der Coup gelaufen ist, so schnell wird er im Nachklang aufgeklärt. Die Täter haben so viele Spuren hinterlassen, dass es einer Visitenkarte gleichkommt. Es hilft auch nicht, dass sie im Kiez mit ihrer Tat prahlen. Ein V-Mann des Landeskriminalamtes erfährt, wer an der Tat beteiligt war. Die Schlinge zieht sich zu.

So fasste die Polizei die vier Pokerräuber
Aufgrund des Fahndungsdrucks stellt sich Vedat S. zehn Tage nach dem Überfall der Polizei – da waren ihm die Ermittler längst auf der Spur: durch seine Fingerabdrücke, das auf ihn gemeldete Autokennzeichen und die unmaskierten Videoaufnahmen. In der Hoffnung auf Strafnachlass nennt der Verhaftete Details zu dem Überfall, die Namen seiner Mittäter und auch Informationen zu den Hintermännern des Überfalls. Ahmat el-A., den Mann mit der Machete, schnappen Beamte am 17. März in Berlin. Er soll bei der Festnahme erleichtert gewirkt haben.
Mustafa U. flieht in die Türkei, kehrt aber, nachdem ein internationaler Strafbefehl gestellt wurde, freiwillig nach Deutschland zurück. Auch Jihad C., der zeitweise Zuflucht in Beirut sucht, lässt sich schließlich in Berlin am Flughafen festnehmen. „Der Raub war eine Tat der Schwerstkriminalität“, sagt der Richter im ersten Pokerraub-Prozess, der im Juni 2010 am Berliner Landgericht stattfindet. Die Täter wurden zwar von Hintermännern ausgenutzt, das aber sei freiwillig geschehen. Sie „wollten coole Helden im Kiez sein“. Jihad C., Ahmat el-A. und Mustafa U. werden nach Jugendstrafrecht zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Vedat S. erhält als Kronzeuge 2 Jahre und 9 Monate.
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Auch die Drahtzieher werden zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt
Mit dem Urteil bleibt das Gericht unter den Forderungen der Anklage. Die Staatsanwaltschaft hatte Gefängnisstrafen zwischen vier und fünf Jahren gefordert. In einem zweiten und dritten Pokerraub-Prozess werden die Hintermänner des Coups, der 28-jährige Ibrahim el-M. und der 31-jährige Mohamed Abou-Chaker, verurteilt. Während der monatelang andauernden Gerichtsverfahren gegen die Clan-Bosse herrschen am Landgericht Berlin verschärfte Sicherheitsvorkehrungen.
Ibrahim el-M. wird wegen besonders schweren Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und vier Monaten verurteilt. Eine eingelegte Revision wird vom Bundesgerichtshof als unbegründet verworfen. Mohamed Abou-Chaker erhält eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren und drei Monaten Gefängnis, wovon er nur einen Bruchteil absitzt, bevor er in den offenen Vollzug kommt.
Doch auch nach den Urteilen bleibt eine Frage offen: Wo ist das gestohlene Geld? Bis heute gibt es keine Spur, wo der Großteil der 242.000-Euro-Beute geblieben ist. 4000 Euro seines Anteils zahlte Mustafa U. zurück, 22.000 Euro Ibrahim el-M in Hoffnung auf Strafminderung – der Rest ist unauffindbar.

Pokerraub in Berlin: Täter 2025 in Berlin angeschossen – mögliche Rache im Clan-Milieu?
Inzwischen sind alle Beteiligten des Pokerraubs 2010 längst wieder auf freiem Fuß. Fast 15 Jahre nach dem Überfall auf das EPT-Pokerturnier im Berliner Grand Hyatt ist einer der vier Täter allerdings erneut in die Schlagzeilen geraten: Mustafa U., inzwischen 35 Jahre alt, wurde nach Verbüßung seiner Haftstrafe 2021 in die Türkei abgeschoben. Doch er kehrte unter falschem Namen zurück. Am 16. Mai 2025 wurde er in Berlin-Friedrichshain angeschossen, und erlitt Verletzungen am Bein und Gesäß. Er konnte sich noch eigenständig in das St. Hedwig-Krankenhaus schleppen, wo er bei der Anmeldung mit falschen Ausweispapieren aufflog.
Die Ermittler prüften auch, ob alte Feindseligkeiten zu dem Anschlag geführt haben könnten. Schließlich war der EPT-Pokerturnierraub 2010 desaströs schiefgelaufen und die vier jugendlichen Räuber waren während der Prozesse einigen Clanmitgliedern auf die Füße getreten. Im McDonald’s-Imbiss kurz vor dem Raub hatte ihnen Ibo noch eine Anweisung eingeschärft: Sollten sie geschnappt werden, dürften sie auf keinen Fall Namen nennen. Egal, ob man ihnen „zehn oder zwanzig Jahre Knast“ androhe. Denn die Welt sei klein, und man würde sich mit Sicherheit „irgendwann wiedersehen“.








