Prozessbeginn

Die Amateure - Poker-Räuber stehen vor Gericht

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Michael Mielke

Ab heute stehen die Männer vor Gericht, die im März ein Poker-Turnier in Berlin überfallen haben sollen. Dabei geht es nicht zuletzt darum, die Hintermänner zu ermitteln, die den dilettantischen Raub planten.

Für Vedat S. wird es ein besonders schwerer Tag. Er muss sie wiedersehen, seine drei ehemaligen Freunde aus Kreuzberg, die ihn vermutlich für einen Verräter halten. Und er wird im Saal 700 des Moabiter Kriminalgerichts noch einmal alles sagen müssen, was er schon detailliert der Polizei berichtete. Der 21-Jährige gehörte zu den vier jungen Männern, die am 6. März gegen 14 Uhr in das Luxushotel „Hyatt“ am Potsdamer Platz stürmten. Dort fand ein Pokerturnier statt. Es war das bislang größte in Deutschland. Mit einem Preisgeld von einer Million Euro. Und dieses Geld wollten die Räuber erbeuten. Ein verblüffender Plan. Das Gebäude wurde von Security-Leuten geschützt. Und es gab Hunderte Zeugen. Später erfuhren sie, dass dieses Turnier im Internet sogar live übertragen wurde.

Der Medienrummel, der sofort nach dem Raub beim Pokerturnier einsetzte, erinnerte an die Resonanz auf den Überfall auf eine Commerzbankfiliale in Schlachtensee im Jahre 1995. Von einem Jahrhundertcoup wurde damals gesprochen. Eine Bande – in den Medien „Zehlendorfer Tunnelgangster“ genannt – hatte wochenlang einen Tunnel gegraben und später die von Polizisten belagerte Filiale durch diese Erdröhre unbemerkt verlassen. Die Beamten standen anschließend wie Deppen vor den aufgebrochenen Schließfächern.

Vor der Tat: Die Bande geht zu McDonald's

Doch so raffiniert die Zehlendorfer Tunnelgangster agierten, so unbedarft erschien im Nachhinein die jugendliche Pokerräuberbande. Das begann schon bei ihren Vorbereitungen. Zum konspirativen Vorbereitungsgespräch fuhren die vier zwischen 19 und 21 Jahre alten Männer mit einem schwarzen Mercedes C-Klasse vor. Ein Passant, der das Treiben beobachtete und misstrauisch wurde, schrieb die Nummer auf. Später stellte sich heraus: Der Wagen gehörte Vedat S. und war auch auf seinen Namen zugelassen.

Treffpunkt war dann unmittelbar vor dem Raubüberfall eine nur wenige Schritte vom Hotel „Hyatt“ entfernten McDonald’s-Filiale. Zu diesem Zeitpunkt war einigen noch gar nicht richtig klar, was geplant war. Den Ermittlungen zufolge soll sie dann der 28-jährige Ibrahim El-M., Onkel eines der Poker-Räuber, regelrecht eingeschworen haben: Wer nicht mitmache, über den würde man „im Kiez lachen“, der würden für „klein“ gehalten. Und er soll ihnen Sturmhauben gegeben haben, Handschuhe und wohl auch die konkreten Anweisungen.

Signale vom Pokertisch

Das Signal, dass die Gelegenheit jetzt günstig sei, gab nach Meinung der Ermittler der mutmaßliche Initiator Mohamed A. Gegen ihn wurde am letzten Freitag Anklage wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes in Tateinheit mit gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung erhoben. Der 31-Jährige spielte beim Pokerturnier mit. Es gibt ein Foto: A. am Spieltisch und neben ihm die Buchautorin und Moderatorin Charlotte Roche. Aufgenommen wurde es drei Tage vor dem Überfall. Er soll diese Zeit genutzt haben, sagen die Ermittler, um Details auszukundschaften.

So wurden die Startgelder der Teilnehmer nur in einem provisorischen Kassenbereich verwahrt. Sicher nicht unwichtig war auch die Information, dass es im Hotel zwar Wachschützer gab, sie jedoch keine Waffen trugen. Im Kontrast zu dieser professionell anmutenden Vorbereitung stand dann wieder das Auftreten der vier jungen Räuber. Bewaffnet mit Schreckschusspistolen und einer Machete, stürmten sie in den Kassenbereich des Veranstaltungsraums. Schlecht vermummt, wie später auf den Aufnahmen der Überwachungskameras zu sehen war. Vedat S. trug nicht einmal Handschuhe und hinterließ folgerichtig Fingerabdrücke. Der Stahlschrank, in dem sich rund 650.000 Euro in bar befanden, war tatsächlich unverschlossen.

Die Räuber werden beraubt

Sie stopfen sich das Geld in ihre Jacken und in eine Laptoptasche. Sicherheitsleute, die eingreifen wollten, wurden mit der Machete bedroht. Es gab eine Rangelei. Aus der Mitte des Saales heraus brüllte ein Spieler, der den Raubüberfall offenbar in diesem Moment erst bemerkte, „Überfall, Überfall!“ Tische wurden umgestoßen. Glas splitterte. Chips und Spielkarten flogen durch die Luft. Einige der illustren Gäste vermuteten einen PR-Gag. Andere dachten an einen Amoklauf. Sie krochen unter die Tische, um Deckung zu finden. Eine Frau zog ihre Highheels aus, rannte barfuß Richtung Ausgang. Und inmitten des Trubels riss ein Lehrling des Hotels einem der Räuber beherzt die Laptoptasche mit dem Großteil der Beute weg: 449.000 Euro.

Die Räuber flohen. Und wieder war es Vedat S., der sich besonders tollpatschig verhielt. Der kräftig gebaute Security-Mitarbeiter Roman H. konnte ihn aufhalten, nahm ihn in den Schwitzkasten, riss ihn zu Boden. Erst als ein Komplize zurückkam und half, konnte sich Vedat S. befreien und türmen. Draußen rissen sich die Räuber sofort die Masken herunter. Sie ahnten nicht, dass sie in diesem Augenblick von den Überwachungskameras eines Einkaufszentrums aufgenommen wurden. So kam die Polizei dankbar in den Besitz einer respektablen Porträtserie, die sie später als Suchfotos in den Medien veröffentlichen ließ.

Ein paar Meter weiter, so zumindest steht es im Anklagesatz, wartete Onkel Ibrahim El-M. in einem gemieteten Audi. Sie fuhren nach Friedenau. In einer Tiefgarage in der Rembrandtstraße wurde die Beute, knapp 242000 Euro, aufgeteilt. Den Ermittlungen zufolge gab es 82.000 Euro für Ibrahim El-M. Je 40.000 Euro bekamen Vedat S. und dessen drei Kumpane.

Fahdungserfolg nach neun Tagen

Bei der Polizei war man optimistisch, die Tat schnell aufzuklären. „Die Chancen stehen nicht schlecht“, erklärte Polizeipräsident Dieter Glietsch einen Tag nach dem Überfall. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sprach „von einer neuen Dimension von Dummheit“. Die Täter würden „angesichts der Berge von Spuren schnell gefasst“.

Ermittlungserfolge ließen jedoch auf sich warten. Ein Verdächtiger wurde mehrere Tage lang von einem Mobilen Einsatzkommando verfolgt und am 13. März festgenommen. Der 28-jährige Mahmoud K. gehörte zu einer Bande, die im Februar 2004 das Spielcasino am Alexanderplatz überfallen hatte. Und er ähnelte einem der im Hotel „Hyatt“ fotografierten Räuber. Das war jedoch ein Irrtum. Doch es fanden sich auch Zusammenhänge: In seiner Tasche wurde ein Zettel entdeckt, auf dem sechs Namen standen. Drei konnten später der Poker-Bande zugeordnet werden.

Den entscheidenden Erfolg gab es am 15. März. An diesem Tag rief bei der Staatsanwaltschaft ein Anwalt an und teilte mit, sein Mandant Vedat S. wolle sich freiwillig stellen. Der mutmaßliche Poker-Räuber habe gewusst, dass man nach ihm fahndet, wurde auf einer Pressekonferenz mitgeteilt. Und er habe diesen Druck am Ende nicht mehr ausgehalten. Die Beamten mussten ihn nur noch aus seiner Kreuzberger Wohnung abholen. Wenig später wussten sie auch, wer die drei Mittäter waren. Ihre Wohnungen wurden gestürmt und durchsucht. Sie waren jedoch außer Haus.

Am 17. März fasste eine Zivilstreife am U-Bahnhof Rosenthaler Platz den zweiten Poker-Räuber. „Ihr sucht mich schon“, soll der 20-jährige Ahmad El-A. gesagt haben. Drei Tage später stellten sich die anderen beiden Komplizen der Polizei. Wieder gab es zuvor Anrufe von Anwälten. Die Festnahmen erfolgten im Flughafen Tegel. Der 20-jährige Mustafa U. kam aus Istanbul, der ein Jahr jüngere Jihad K. aus Beirut.

Angst vor Racheakten

Sie sind jetzt keine Freunde mehr von Vedat S. In der Untersuchungshaft wurde er besonders bewacht, weil die Vollzugsbediensteten Racheakte fürchteten. Ende März durfte er die Haftanstalt verlassen. Für Vedat S. galt die Kronzeugenregelung – eine milde Strafe als Gegenleistung für sein Geständnis. Inzwischen ist er jedoch wieder in Haft, nachdem festgestellt wurde, dass er am 25. Februar dieses Jahres vermutlich an einem Überfall auf ein Neuköllner Spielkasino beteiligt war.

Die Ermittler befürchten nun, dass bei dem heute beginnenden Prozess wenig herauskommen wird. Die Tatbeteiligung der vier Angeklagten scheint klar und wird wohl auch zugegeben werden. Aber mehr wohl nicht. Vor allem, so ist zu erwarten, wird es keine Hinweise auf den mutmaßlichen Initiator Mohamed A. geben. Und wohl auch keine auf Onkel Ibrahim El-M. Der soll die vier jungen Männer am 6. März in dem McDonald’s-Imbiss massiv bedroht haben: Sie sollten, falls sie geschnappt würden, auf keinen Fall seinen Namen nennen. Egal, ob man ihnen „zehn oder zwanzig Jahre Knast“ androhe. Denn die Welt sei klein, und man würde sich mit Sicherheit „irgendwann wiedersehen“.