Ein ungewöhnliches Bündnis aus Politikern, Kunstschaffenden und Journalisten hat am Samstag eine Friedensdemonstration vor dem Brandenburger Tor abgehalten. Die Kundgebung, zu der unter anderem BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht aufgerufen hatte und auf der neben Wagenknecht auch Schauspieler Dieter Hallervorden, Rapper Massiv, Moderator Daniel Aminati und der umstrittene Pink-Floyd-Gründer Roger Waters zu Wort kamen, hatte laut Polizei in der Spitze 12.000 Teilnehmende. Ursprünglich waren 15.000 angekündigt gewesen. Die Veranstalter selbst sprachen auf der Bühne von 22.000 Menschen, die dem Aufruf des Friedensbündnisses gefolgt seien.

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Die Stimmung sei friedlich gewesen, so eine Polizeisprecherin. Es habe lediglich eine Festnahme wegen eines „From the River to the Sea“-Plakates und einige Identitätsfeststellungen wegen Beleidigungen gegeben. Die Gaza-Demonstration im Regierungsviertel richtete sich dabei gegen das israelische Vorgehen im Gaza-Streifen, allgemein gegen Waffenlieferungen in Kriegsgebiete und gegen mehr Rüstung in Deutschland. Gefordert wurde, die Bundesregierung solle sich für Friedensverhandlungen und eine Zwei-Staaten-Lösung im Nahen Osten einsetzen sowie für Diplomatie im Ukraine-Krieg. Israel wurde ein Völkermord vorgeworfen.

Auch Gegendemonstranten haben sich in die unübersichtliche Menge gemischt. Auf diesem Plakat jedenfalls kommt die BSW-Politikerin Sahra Wagenknecht nicht gut weg.
Auch Gegendemonstranten hatten sich in die unübersichtliche Menge gemischt. Auf diesem Plakat jedenfalls kommt die BSW-Politikerin Sahra Wagenknecht nicht gut weg.© Dennis Meischen

Versammelt, um für den Frieden zu demonstrieren, hatte sich ein buntes Sammelsurium an Menschen aller Altersklassen. Es dominierten Friedensengel, Tauben und Regenbogenfahnen – sowie Palästinaflaggen und Palästinenserschals. Die Atmosphäre war ruhig, aggressive Sprechchöre störten die Reden aber in regelmäßigen Abständen. „Deutsche Waffen morden mit!“, „Meine Kinder kriegt ihr nicht!“ und „Verhandlungen beginnen, Kriege beenden“ stand auf Plakaten. „Die momentane Kriegsrhetorik und die Begeisterung für Waffen machen mir Angst“, sagte eine Teilnehmerin. Auch extreme Meinungen waren vertreten. „Achse des Terrors“ war auf einem Schild zu lesen. Darauf die Fahnen Israels und der USA. Ein anderer Demonstrant forderte: „Raus aus der Nato!“.

Die Organisationen, die die Kundgebung trugen, waren demenstprechend bunt gemischt. Anhänger der Friedensbewegung standen neben Pro-Palästina-Aktivisten, Gewerkschaftern, Altkommunisten, Sozialisten und Verschwörungstheoretikern aus der Esoterikszene. Auch die Israel-Boykott-Bewegung „BDS“ und das rechtsextreme Magazin „Compact“ waren vor Ort. „Viva, Viva, Palästina“-Rufe ertönten. Vereinzelt hatten sich wohl auch Gegendemonstranten in die Menge gemischt und ein Plakat aufgestellt, dass Wagenknecht als Träumerin darstellt.

Auf der anderen Seite des Brandenburger Tors wurde zeitgleich eine proisraelische Gegendemonstration mit 20 bis 30 Teilnehmern abgehalten. Israel weist den Vorwurf des Vökermords in Gaza entschieden zurück und spricht vom Kampf gegen die Terrormiliz Hamas. Der blutige Hamas-Angriff mit mehr als 1200 Toten am 7. Oktober 2023 war Auslöser des Krieges.

Friedensdemo am Brandenburger Tor: Dieter Hallervorden und Roger Waters

Pflichtschuldig hatten sich alle Redner klar von der Hamas und ihren Gräueltaten distanziert. Moderator Daniel Aminati und Schauspieler Dieter Hallervorden kritisierten Israel aber dennoch scharf und wiesen in ihren Redebeiträgen den pauschalen Vorwurf des Antisemitismus zurück.

Hallervorden las ein Gaza-Gedicht vor, in dem er das Leid im Gazastreifen beklagt, Israel einen Völkermord vorwirft und die deutsche Unterstützung Israels attackiert. „Das soll kein Völkermord sein?“, fragte er rhetorisch und erntete dafür tosenden Applaus. Hallervorden wetterte auch gegen die Aufrüstung der Bundeswehr und die Diskussion um eine Wiedereinführung der Wehrpflicht: „Kriegstüchtigkeit ist für mich das Unwort des vergangenen Jahrzehnts.“ Der 90-Jährige forderte auf der Bühne „Frieden statt Granaten“ und sang zur Melodie von „Bella Ciao“.

Der umstrittene Mitgründer der legendären Rockgruppe Pink Floyd, Roger Waters, wurde ebenfalls per Video zugeschaltet und verbreitete sodann minutenlang Kreml-Propaganda. Er forderte unter anderem eine Volksabstimmung über die Zugehörigkeit der von Russland besetzten Gebiete in der Ostukraine, die seiner Meinung nach eher prorussisch eingestellt seien. Die Revolution in der Ukraine 2014 bezeichnete er als „Maidan-Putsch“, die heutigen ukrainischen Politiker seien Anhänger von Stephan Bandera, einem historischen ukrainischen Rechtsextremisten. „Das unaussprechliche Verbrechen heißt Zionismus“, sagte er zudem.

Sahra Wagenknecht warnt vor drittem Weltkrieg

Für ihre Rede gegen die Waffenlobby und gegen das israelische Vorgehen in Gaza erhielt auch Sahra Wagenknecht viel Zustimmung. „Wer Tränen über die Toten in der Ukraine vergießt, aber zu den Leichenbergen in Gaza schweigt, der hat keine echte Empathie für die Leidenden“, sagte sie und beklagte damit die angebliche Doppelzüngigkeit der deutschen Politik und Medien: „Keine Waffen mehr an Länder, die das Völkerrecht brechen“. Kriege beende man nicht mit immer mehr Waffen, sondern mit Diplomatie.

Wagenknecht unterstellte der Bundesregierung zudem, mit der Aufrüstung der Bundeswehr einen dritten Weltkrieg anzuzetteln. Die Angaben, Russland wolle die Nato angreifen, bezweifelte sie. „Wir sind auch hier, um zu sagen: Wir glauben eure Lügen nicht“, so Wagenknecht in diesem Zusammenhang.