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Sie war erst acht Jahre alt, als sie 1904 in Berlin verschwand. Wenig später wurde die Leiche der kleinen Lucie Berlin in der Spree auf. Die Suche nach ihrem Mörder führte tief in die düstere Welt der Berliner Halbwelt – und endete mit einer wissenschaftlichen Sensation: Zum ersten Mal wurde ein Mörder durch eine Blutprobe überführt. Wie es dazu kam, erzählen wir in unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“.

Der Schiffer Tornow konnte am Morgen des 11. Juni 1904 nicht ahnen, dass das unscheinbare Objekt, das er da nahe der Berliner Kronprinzenbrücke aus der Spree gefischt hatte, einmal in die kriminologische Geschichte eingehen würde. Warum auch? Den 60 Zentimeter langen und 50 Zentimeter hohen weißen Reisekorb mit Tragegriff hatte der Arbeiter eigentlich für sich selbst behalten wollen, wie er später zu Protokoll gab.

Tornow wusste zu diesem Zeitpunkt allerdings auch nicht, dass nur wenige Minuten zuvor der Rumpf eines kleinen Mädchens am Schiffbauerdamm gefunden worden war, eingepackt in blutiges Packpapier. An verschiedenen anderen Stellen des Flusses tauchten in den nächsten Tagen dann auch noch der Kopf, die Arme und die Beine der zerstückelten Leiche auf – sorgfältig eingewickelt in die Seiten der Berliner Morgenpost.

Der Mord an Lucie Berlin: Die Fakten zum Fall im Überblick

FallMord an Lucie Berlin
Tat-ZeitpunktJuni 1904
StatusGeklärt, Verurteilung fragwürdig
Opferdie achtjährige Lucie Berlin aus Berlin-Gesundbrunnen
BesonderheitErstmals helfen Blutuntersuchungen bei der Lösung eines Falls

Die Ackerstraße galt als Zentrum der Prostitution in Berlin

Für die Polizei Berlin stand rasch fest, wessen grausige Überreste sie da vor sich hatte: Die der seit dem 9. Juni vermissten, achtjährigen Lucie Berlin. Adresse: Ackerstraße 130 in Gesundbrunnen. Laut Obduktionsbericht wurde das Mädchen eine Stunde nach ihrer letzten Mahlzeit vergewaltigt, danach höchstwahrscheinlich mit einem Kissen oder der bloßen Hand erstickt und erst nach ihrem Tod mit „ungeschickten Händen“ zerteilt. Lucies Vater, der herbeigerufene Zigarrenmacher Friedrich Berlin, bestätigte schließlich die Identität seiner Tochter anhand einer kleinen Narbe unterhalb der Brust. Danach brach er zusammen.

Die Gegend rund um die Ackerstraße, in der Lucie aufgewachsen war, galt zu dieser Zeit als eines der schlimmsten Elendsviertel im ohnehin schon armen Berliner Norden. Dort lebten vorwiegend Arbeiter in engen Mietskasernen, allein in der Nummer 130 waren es rund 50 Parteien Tür an Tür. Die Straße war außerdem als Zentrum der sogenannten Halbwelt verschrien.

True Crime Berlin Lucie
Vor ihrem Tod lebte die kleine Lucie in Berlin-Gesundbrunnen.© IMAGO | Arkivi

Berufsverbrecher, Hehler und Kuppler gingen hier ihrem Tagwerk nach, Prostituierte und ihre Zuhälter verkehrten in den zahlreichen Kaschemmen, Kneipen und illegalen Bordellen, Glücksspiel, überhöhter Alkoholkonsum und Schlägereien waren an der Tagesordnung. Es war eine Welt, in der Lucie wie selbstverständlich groß wurde. Freundlich, aufgeweckt und hilfsbereit, so wurde das blonde Mädchen mit den blauen Augen beschrieben, das dafür bekannt war, ihrem Vater fröhlich entgegen zu laufen, wenn dieser von der Arbeit nach Hause kam.

Mordfall Lucie Berlin: Wer ist der unbekannte, hinkende Mann?

Lucie erledigte Einkäufe für die „Dirnen“ in ihrer Wohneinheit, spielte mit den Kindern der Nachbarschaft Ball und tanzte im Innenhof gerne zu den Klängen der Leierkästen. Ihr Vater beschrieb sie als für ihr Alter ungewöhnlich hochgewachsen, sie wirkte „fast schon wie eine Elfjährige.“ Nach dem Mittagessen am 9. Juni 1904 hatte Lucie nach Angaben ihrer Mutter kurz vor 13 Uhr nach dem Schlüssel zur Gemeinschaftstoilette auf dem Flur verlangt und war gegangen – um danach nie wieder lebend aufgefunden zu werden.

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Nachbarn, Lucies Spielkameraden und andere Anwohner der Ackerstraße sagten später aus, einen hinkenden Mann zwischen 30 und 40 Jahren mit Bart, Strohhut und schlecht sitzender Hose gesehen zu haben, der mit einem Kind an der Hand den Torbogen zur Nummer 130 passiert habe und in Richtung Humboldthain gelaufen sei. Eine Spur, der aus unbekannten Gründen nicht mehr nachgegangen werden sollte.

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Das dunkle Berlin: True Crime aus der Hauptstadt

In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.

Der erste Verdacht fällt auf einen zwielichtigen Zuhälter

Nachdem die Leichenteile des Mädchens gefunden worden waren, wurde der Fall in der ganzen Stadt bekannt. Die Presse berichtete tagtäglich detailliert und sensationsheischend über die Ermittlungen, Schaulustige drängten sich regelmäßig vor der Wohnung der Familie Berlin und über 100 Zeugen boten der Polizei ihre zweifelhafte Hilfe an und forderten blutige Rache für die kleine Lucie. Der Druck auf die Beamten wuchs stetig.

Der erste Verdacht fiel auf einen Mann namens Otto Lenz. Der korpulente Gauner war der Zuhälter einer gewissen Frau Seiler, einer Nachbarin der Familie Berlin, und galt als interessiert an minderjährigen Prostituierten. Lucie hatte oft bei Seiler und Lenz verkehrt, der Lude war mit ihr Schnaps und Bonbons einkaufen gegangen, hatte sie bei der Hand genommen und ihr beim Tanzen zugesehen. „Ich bin ein großer Kinderfreund“, verteidigte er sich beim Prozess, der ab dem 12. Dezember 1904 in erhitzter Stimmung vor dem Landgericht Berlin geführt wurde. Lenz verstrickte sich bei seinen Aussagen zwar durchaus in Widersprüche, für die Tatzeit konnte er allerdings ein felsenfestes Alibi vorweisen, das von mehreren Personen bestätigt wurde.

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Ein weißer Reisekorb wird zum zentralen Beweisstück

Erst jetzt fiel der Verdacht auf einen Mann, der zuvor selbst Lenz bei der Polizei als den Täter angeschwärzt hatte: Theodor Berger. Auch Berger war ein vielfach vorbestrafter und extrem gewalttätiger Zuhälter. Seine Lebensgefährtin, die Prostituierte Johanna Liebetruth, lebte ebenfalls in der Ackerstraße 130. Auch in dieser Wohnung war die kleine Lucie ein und aus gegangen, um mit dem schwarzen Pudel der Liebetruth zu spielen – Berger nannte sie vertraut „Onkel“.

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Das einzige Foto von Theodor Berger.© Polizeihistorische Sammlung Berlin | -

Zum Tatzeitpunkt war Berger allein und ungestört in der Liebetruth’schen Wohnung, da letztere drei Tage wegen Beleidigung im Gefängnis saß. Sein Alibi war im Gegensatz zu dem von Lenz denkbar schwach: Er wollte den Tag des Mordes nach einer Kneipentour schlafend im Bett verbracht haben.

Es war schließlich der weiße Reisekorb, der zum zentralen Beweisstück im Fall Lucie Berlin wurde. Denn nachdem die Liebetruth am Vormittag des 11. Juni aus ihrer Haft zurückgekehrt war, fehlte ein ebensolches Stück aus ihrem Besitz. Berger erklärte dies damit, den Korb als Bezahlung für Liebesdienste an eine Obdachlose verschenkt zu haben, die er in der Nacht zum 9. Juli aufgegabelt haben wollte.

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Revolutionärer Test weist Menschenblut in Korb nach

Während die Suche nach dieser illustren Dame erfolglos blieb, meldete sich der anfangs erwähnte Schiffer Tornow am 26. Juni auf eine Annonce der Polizei. Er habe den gesuchten Korb schon am 11. Juni gefunden, jedoch seit einer Woche keine Zeitung mehr gelesen. Liebetruth identifizierte den Korb schließlich als den ihren.

Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautete nun, Berger habe das Objekt genutzt, um die einzelnen Leichenteile unauffällig zu transportieren und sie nacheinander an verschiedenen Stellen in die Spree zu werfen. Eine Zeugin wollte einen Mann, der auf Bergers Beschreibung passte und in Begleitung eines schwarzen Dackels wie dem der Liebetruth unterwegs war, am Morgen des 11. Juni am Reichstagsufer bei dieser unappetitlichen Arbeit beobachtet haben.

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Mit seiner Forschung ermöglichte der Bakteriologe Paul Uhlenhuth die Überführung von Lucies Mörder.© AFP | -

Ein neuartiges kriminologisches Verfahren sollte schließlich den entscheidenden Beweis liefern. Mittels des erst 1901 entwickelten Blutartnachweises des Bakteriologen Paul Uhlenhuth wurde zweifelsfrei festgestellt, dass sich Spuren von Menschenblut in dem Korb befanden.

Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“

Mordfall Lucie Berlin: Letzte Zweifel bleiben

Der Fall gilt als die erste aktenkundige Anwendung der Uhlenhuth-Probe in einem Strafverfahren. Zuvor hatten Täter oft behaupten können, mit Tier- statt mit Menschenblut kontaminiert zu sein. In einer Welt, in der ein Großteil der Bevölkerung weit enger mit Nutztieren zusammen lebte als heutzutage, war das eine beliebte Verteidigungsstrategie. Kriminologen wiesen alsdann Wollfasern in dem Korb nach, die mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ mit der Kleidung des Mädchens übereinstimmten. Zudem war Liebetruth eine Abonnentin der Berliner Morgenpost, in der einige Leichenteile eingewickelt worden waren.

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Lucie (8) galt als groß für ihr Alter, laut ihrem Vater „fast wie eine Elfjährige“.© Polizeihistorische Sammlung Berlin | -

Das alles reichte aus, um die Beweiskette gegen Berger zu schließen, obgleich dieser die Tat bis zuletzt vehement bestritt. In einem Indizienprozess wurde der Zuhälter am 23. Dezember 1904 wegen Vergewaltigung und Totschlags zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Und das, obwohl es der Staatsanwaltschaft nicht zweifelsfrei gelungen war, ihm die Tat auch nachzuweisen. So wurde etwa keinerlei Menschenblut in der Wohnung der Liebetruth gefunden – immerhin der vermutete Ort der brutalen Zerstückelung. Zumindest unter heutigen Standards hätten die Beweise daher vermutlich nicht zu einem Schuldspruch gereicht.