Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Das Problem mit dem Wohnraum.
Die Themen, die die Stadt im Jahr 1903 hauptsächlich bewegten, sind im Berlin des 21. Jahrhunderts keine unbekannten: 1. Wahlergebnisse der SPD. 2. Kassenstand beim Magistrat. 3. Wohnungsnot. Alles auf Wiedervorlage. Doch die Situation könnte unterschiedlicher von der heutigen nicht sein.
Da ist zunächst die Lage der Sozialdemokratie. Aus heutiger Sicht traumhaft - wenn auch nur auf den ersten Blick. Bei den Reichstagswahlen in jenem Jahr konnte sie in den sechs Berliner Wahlbezirken gegenüber 1898 um knapp 50 Prozent zulegen und errang knapp zwei Drittel der Stimmen. Entsprechend viele SPD-Abgeordnete entsandte die deutsche Hauptstadt in den Reichstag (noch ging es um die heutigen Innenstadtbezirke, von Groß-Berlin war noch keine Rede).
Ähnlich lag die Stimmenverteilung bei den Kommunalwahlen in der Reichshauptstadt, bei denen die Partei 61,2 Prozent der Stimmen gewann. Heute liefe dies - selbstverständlich - auf eine satte absolute Mehrheit im Stadtparlament hinaus. Damals nicht. Im preußischen Abgeordnetenhaus und in den preußischen Gemeinden galt das preußische Dreiklassenwahlrecht. Und weil die allermeisten Stimmen für die SPD von jenen Wahlberechtigten kamen, die wenig Steuern zahlten, bekamen ihre Stimmen nur wenig Gewicht. Das Ergebnis: Trotz - auch hier - eines Stimmenanteils von fast zwei Dritteln durften die Sozialdemokraten in der Stadtverordnetenversammlung gerade mal ein gutes Viertel der Sitze einnehmen. Diese Schieflage hatte unmittelbaren Einfluss auf das Thema Nummer zwei: die Haushaltslage Berlins.
Berliner Haushalt runtergewirtschaftet
"Es sieht nicht gut aus um die Finanzen der Stadt", kommentierte die Berliner Morgenpost im Oktober 1903, "die Erträgnisse der Steuern und der städtischen Betriebe haben die Tendenz, sich zu vermindern, und die Ansprüche der Kommune steigern sich". Während 2018 die Gelder im Berliner Haushalt eher sprudeln, und das Problem eher darin besteht, dass aufgrund früherer Sparorgien ("bis es quietscht") keine Sachbearbeiter mehr da sind, die das Geld auch ausgeben können, herrschte damals tatsächliche Ebbe. Auch die Morgenpost beteiligte sich in 1903 an Überlegungen, woran dies wohl liegen und wie man jene Tendenz abstellen könnte. Da ging es zum Beispiel um den städtischen Viehmarkt, der 84.402 Reichsmark weniger erwirtschaftete als im Etat vorgesehen, um die finanzielle Lage der Städtischen Markthallen und andere kommunale Betriebe. "In den Spartopf greifen?" Geht nicht, "der ist zusammengeschmolzen". Und warum sprach kaum jemand von den Steuern?
Naheliegend gewesen wäre ja zuallererst, die Steuern zu erhöhen, doch da war die Morgenpost von vornherein skeptisch. Auf die normalen Kommunalsteuern erhob Berlin sowieso schon einen Zuschlag von 100 Prozent. Die Obergrenze. Hätte man noch mehr verlangt, käme der Revisor der preußischen Regierung und säße mit am Regierungstisch des Magistrats. Blieb also die Grund- und die Umsatzsteuer, deren Höhe seinerzeit eher unbedeutend war. "Das wäre sicher das Vernünftigste", stellte die Morgenpost fest, "aber in der Stadtverordnetenversammlung regieren die Grundbesitzer, und diese sind natürlich nicht geneigt, sich belasten zu lassen." Das Dreiklassenwahlrecht als Hemmschuh gegen die Haushaltssanierung.
Nicht mal ein eigenes Bett
Und so stand die große Macht der Haus- und Grundbesitzer, die politische wie die wirtschaftliche und gesellschaftliche, im Zentrum auch beim dritten großen Thema des Jahres 1903: Die Wohnungssituation für die Arbeiter in der Stadt. Da ging es nicht um Gentrifizierung, um Verdrängung in weniger attraktive Bezirke. Sondern ums einfache Überleben in den ärmsten Vierteln der Innenstadt.
Viel Beachtung fand in jenen Tagen eine Erhebung des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Albert Südekum, mit erschütternden Zahlen. Rund eine Million Wohnungen gab es demnach damals in der Hauptstadt. 400.000 von ihnen bestanden aus einem, weitere 300.000 aus zwei beheizbaren Zimmern. 600.000 Menschen lebten zu fünft oder noch mehr in ausschließlich einem Raum. Zwei Drittel aller Berliner Kinder im Vorschulalter besaßen nicht mal ein eigenes Bett, sondern mussten zu zweit, zu dritt oder zu viert in einem Bett schlafen, oft im Schichtbetrieb. Viele von ihnen auch mit Erwachsenen, darunter bisweilen Fremde, an die die Wohnungsinhaber aus Finanznot einen Schlafplatz vermieten mussten. "Nicht ungestraft drängt man Menschen jeder Altersstufe auf ein paar Quadratmeter zusammen", mahnte Südekum und listete in seinem Bericht auch mehrere Beispiele sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Schlafgänger auf.

Untervermietung an "Schlafgänger": Berüchtigte Wohnblöcke
Berüchtigt waren die Wohnblöcke mit vier oder fünf Hinterhöfen, die vor wenigen Jahren erst auf engstem Raum und so gut wie ohne Tageslichteinfall errichtet worden waren. Erst um die Jahrhundertwende sorgten erste, recht zaghafte Gesetze für etwas weniger beengte Höfe. Das Elend war ein Massenphänomen. Zu Berühmtheit brachte es "Meyers Hof" an der Weddinger Ackerstraße (unser Foto). Der 1874 errichtete Komplex mit sechs Hinterhöfen war zu der Zeit Berlins größte Mietskaserne. Er beheimatete mehr als 1000 Bewohner. Einer von ihnen wird so zitiert: "Wenn die Leute morgens zur Arbeit gingen, quoll es wie ein Mückenschwarm aus den Höfen.
"Besonders eindrucksvoll waren die Einzelfälle, die der SPD-Politiker genauer darstellte. Wie etwa den einer Familie, die zehn Jahre zuvor aus Hinterpommern eingewandert war, und nun in einem dritten Hinterhof zwischen Reinickendorfer und Müllerstraße lebte, einem Weddinger Kiez, in der das Hinterhofwesen die schlimmsten Blüten trieb: "Nur wenig ärmlicher Hausrat befand sich in dem unwohnlichen Raum. Auf der kleinen, eisernen Kochmaschine standen ein paar Töpfe, den einzigen Tisch bedeckten ein paar Teller und Gläser. Außer der Frau und ihrem Mann, der als Flaschenspüler bei einem Biervertrieb arbeitet, leben in der Küche noch drei Kinder, ein 14-jähriges Mädchen und zwei Jungen im Alter von sieben und vier Jahren. Sie schlafen nachts auf ausgebreiteten Kleidungsstücken und dürfen erst dann ins Bett kriechen, wenn Vater und Mutter - gewöhnlich vor fünf Uhr morgens - aufgestanden waren. Wie mehr als 60.000 Berliner Haushalte muss auch diese Familie das zweite Zimmer an 'Schlafgänger' untervermieten."
Die Themen in der Stadt bleiben. Doch die Situationen ändern sich. Zum Beispiel gab es damals niemand, der auf die Idee gekommen wäre, die Untervermietung an "Schlafgänger" wegen Missbrauchs von Wohnraum gesetzlich zu verbieten.


