Wenn 2000 Menschen in Abendkleidern und Smoking im Interconti bei Schampus und Austern feiern, und das am Abend vor einer Schicksalswahl, liegen die Fragen nahe. Am Abend zuvor hatten im Friedrichshainer Kosmus beim Wahlkampfabschluss der Linken 1000 junge Leute „gegen die da oben“ gewettert. Damit waren Menschen wie die beim Ball des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) gemeint.

So will der Regierende Bürgermeister das nicht stehen lassen. Kai Wegner kommt früh in Begleitung seiner Partnerin und Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch. Der Ball sei „für viele sehr engagierte Menschen ein wichtiges Ereignis um sich auszutauschen und besser kennenzulernen“. Aber natürlich drifte die Gesellschaft auseinander. Er hoffe natürlich, dass nach der Wahl eine stabile Mehrheit aus der Mitte, möglichst aus zwei Parteien, den Zusammenhalt stärken werde.
Schreiner: „Schlechte Laune hilft nicht“

Der Gastgeber, VBKI-Präsident Markus Voigt, fühlt sich angesichts der kritischen Weltlage schon ein wenig an den Tanz auf dem Vulkan erinnert. Aber schließlich habe Berlin auch in den 20ern gefeiert. Und wer mal gemeinsam getanzt habe, verstehe sich danach vielleicht besser. Getanzt und gefeiert wurde tatsächlich – wer wollte konnte bis um 5 Uhr bleiben.
Action-Star Ralf Moeller, der in Los Angeles wohnt, engagiert sich stark fürs deutsche Handwerk und trifft sich am Sonntag mit Friedrich Merz. Gegenüber der Morgenpost erklärte er, dass er selber erwägt in die Politik zu gehen. Damit würde er in die Fußstapfen seines Schauspiel-Kollegen und Freundes Arnold Schwarzenegger treten.

Danny Kneifel und seine Frau Evelyn Pietsch besitzen eine Haustechnik-Firma und verraten der Morgenpost, dass sie bezüglich der Wahlen „ein sehr flaues Gefühl haben“. Die Künstlerin Mia Florentine Weiß spricht schwarzhumorig von einer „Henkersmahlzeit vor den Wahlen“. Startup-Gründerin Anastasia Barner (25) sagt, sie fühle sich wie viele Angehörige der Gen Z von den Politikern nicht angemessen vertreten, wünsche sich Menschen in der Politik, die mitten im Leben stehen.
IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner findet, man müsse trotz aller Probleme auch mal einen schönen Abend genießen. „Wirtschaft ist auch viel Psychologie“, so die frühere Verkehrssenatorin. Schlechte Laune helfe nicht. Mit guter Laune kommt Bundesfamilienministerin Lisa Paus. Ihr letzter Arbeitstag sei das heute nicht, sagt sie am Vorabend einer möglichen neuen Konstellation ohne ihre Grünen. Aber sie bleibe auf jeden Fall Ministerin, bis es eine Nachfolge gebe. Aber vielleicht komme auch alles ganz anders. Dann eilt sie, um im Ball-Getümmel vielleicht noch ein paar Wähler zu gewinnen. Es geht auch beim Ball der Wirtschaft bis zuletzt um jede Stimme.

In seiner Eröffnungsrede bekennt Wegner seine Nervosität vor dem Wahltag. „Ich wünsche mir eine Bundesregierung, die es macht wie der Berliner Senat. Die gemeinsam ringt, auch mal streitet, aber hinter verschlossenen Türen.“ Er wandte sich gegen die schlechte Stimmung: „Die Welt geht morgen nicht unter“, sagte Wegner.
Optimismus trotz „kritischer Situation“

Der Vermögensverwalter Christoph Brewka feiert mit seiner Frau Gudrun beim VBKI-Ball, obwohl er am nächsten morgen früh um 5 Uhr raus muss. „Ich bin Wahlhelfer in Steglitz“, lacht er. Brewka bezeichnet sich als „Ur-Berliner“ und findet: „Wir sind in einer kritischen Situation, aber man muss die Probleme eben einfach anpacken, beispielsweise die Bürokratie abbauen.“ Mit Friedrich Merz als neuen Kanzler können beide leben, wie sie sagen.

Die Wirtschaft mag zum zweiten mal in Folge geschrumpft sein. Doch davon, dass Deutschland sprichwörtlich „den Bach runtergeht“, will Nicolai Kurth nichts wissen. „Bei uns läuft es sehr gut“, sagt der Rechtswissenschaftler, Geschäftsführer der Funk Versicherungsmakler. „Ich kann nicht klagen!“ Auch seine Frau Marlene strahlt im aparten Kleid. Beide sehen auch die bevorstehenden Wahlen gelassen.
Maureen Thom: Angst vor Ausgang der Wahl

Maureen Thom, Inhaberin der Personalvermittlungs-Agentur Yaguna, kam vor 20 Jahren als Austausch-Studentin nach Berlin und blieb, weil es ihr so gefiel in der Hauptstadt. Jetzt sagt sie: „Ich habe Angst vor dem Ausgang der Wahlen“. Wenn die AfD an die Macht kommt, weiß sie nicht, was sie tun wird. „Meine Familie lebt in den USA, da ist es noch schlimmer.“
Beschwingte Stimmung in Luxus-Umfeld

Dass es der Wirtschaft in Berlin so schlecht nicht gehen kann, dieser Eindruck konnte auf dem Ball der Wirtschaft entstehen: Die Tickets zum Ball kosteten pro Person immerhin 450 Euro, die Damen trugen edle Roben von Yves Saint Laurent, Chanel und Armani. Dazu sorgten auf fast 7000 Quadratmetern Ballfläche rund 100 Köche an 15 Food-Stationen – darunter zwei Sterneköche – für das leibliche Wohl, 13 Live-Acts boten Entertainment, darunter auch das Swing Orchester um Andrej Hermlin und Boris Beckers Sohn Noah Becker als DJ. Der Lufthansa-Ableger Eurowings warb auf der Veranstaltung für seine neue Wüsten-Destination Jeddah in Saudi Arabien mit Private Beach Club. Außerdem war ein goldener Sportwagen im Foyer zu bestaunen, an dem nicht wenige Herren im Smoking interessiert stehenblieben.

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