Corona

Vierte Corona-Welle: Berliner Kliniken rüsten sich

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Joachim Fahrun
Charite Campus Mitte mit neuem BHH- saniert

Charite Campus Mitte mit neuem BHH- saniert

Foto: Wiebke Peitz / BM

Charité und Vivantes warnen vor steigenden Zahlen von Covid-Patienten. Ein Safe-Konzept soll die Intensivbetreuung sichern.

Berlin. Um die steigende Zahl von Corona-Patienten versorgen zu können, sollen wieder alle Berliner Krankenhäuser mithelfen. Wie schon in der Corona-Welle im vergangenen Herbst und Winter wird in Berlin das sogenannte Safe-Konzept wieder eingeführt. Dieses sieht vor, die Patientinnen und Patienten auf alle Krankenhäuser zu verteilen. Man gehe davon aus, so Triage-Situationen vermeiden zu könne, in denen Ärzte entscheiden müssen, welcher Schwerstkranke ein Bett bekommt und welcher nicht.

„Wir hoffen, dass wir im Safe-Netzwerk die Patienten klug verteilen und so die Lage beherrschen können“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Universitätsklinik Charité, Heyo Kroemer, am Dienstag, als er gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und dem Geschäftsführer des zweiten landeseigenen Krankenhauskonzerns Vivantes, Johannes Danckert, vor die Presse trat.

Bisher habe das nicht funktioniert, weil keine notwendige Quote von Betten frei gehalten worden sei. Die Klinikmanager ließen durchblicken, dass sie sich mehr Engagement der gemeinnützigen und privaten Krankenhausträger bei der Betreuung von Covid-19-Patienten wünschen. „Wenn alle an einem Strang ziehen, haben wir es in der Hand“, sagte Kroemer.


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Charité operiert 30 Prozent weniger als zu normalen Zeiten

Die schwer erkrankten Menschen besser zu verteilen, werde nun möglich, weil die Bundesregierung den Krankenhäusern Ausgleichszahlungen für entgangene Erlöse aus abgesagten Behandlungen sowie Prämien für frei gehaltene Betten und ausgefallene andere Behandlungen zugesagt habe. Dies sei dringend nötig, um „ein Krankenhaussterben“ zu verhindern, sagte Vivantes-Chef Danckert. Covid-19-Patienten beeinflussten den Normalbetrieb in den Krankenhäusern stark. Viele Betten könnten wegen des für die Betreuung von an Corona Erkrankten benötigten Personals nicht belegt werden.

Die Charité operiere derzeit 30 Prozent weniger als zu normalen Zeiten, sagte Kroemer. Es werde nur gemacht, was zeitkritisch sei. Das könne dazu führen, dass Menschen mit starken Rückenschmerzen lange auf eine Operation an der Wirbelsäule warten müssten.

Derzeit liegen 538 Personen mit Covid in Berliner Krankenhäusern

Derzeit liegen nach Daten der Senatsgesundheitsverwaltung 538 Personen mit Covid in Berliner Krankenhäusern. 159 sind so krank, dass sie auf Intensivstationen behandelt werden müssen. Die Zahl der stationär behandelten Corona-Patienten hat binnen einer Woche um 77 zugenommen, die der intensivpflichtigen um 31.

Damit werden in Berlin immer noch deutlich weniger Menschen wegen Corona auf Intensivstationen behandelt als in der zweiten Welle. Im vergangenen Herbst waren es zeitweise dreimal so viele wie derzeit. Vivantes-Manager Danckert erklärte aber die Folgen auch der derzeitigen Belastung. Wegen Personalmangels habe Vivantes seine Intensivbetten um 20 Prozent reduzieren müsse.

Um Covid-Fälle zu versorgen, müssten Ärzte und Pflegekräfte von anderen Stationen abgezogen werden. Dabei gebe es anders als in der zweiten Corona-Welle derzeit keinen Lockdown, folglich komme es weiterhin zu Unfällen oder anderen Erkrankungen, die nicht so behandelt werden könnten, wie es erforderlich sei.

Krankenhaus-Chefs erwarten eine starke Zunahme der Corona-Fallzahlen

Die Krankenhaus-Chefs erwarten eine starke Zunahme der Fallzahlen. Mediziner und Wissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass 0,8 Prozent aller Infizierten in den nächsten Wochen auf einer Intensivstation landen. Diese Quote sei wegen der gestiegenen Impfzahlen und den vielen jüngeren Infizierten mit in der Regel weniger schweren Verläufen von über 1,1 gesunken. Aber für Berlin würde die aktuell erwartete Quote angesichts von mehr als 2000 Neuinfektionen pro Tag plus einer unentdeckten Dunkelziffer drei Wochen später rund 20 zusätzliche Schwerstkranke pro Tag bedeuten, die ein Intensivbett bräuchten. Das sei „irreversibel“, sagte Kroemer: „Uns besorgt die voraussehbare Belastung.“

70 Prozent der Menschen auf den Intensivstationen seien nicht geimpft. Die Charité bereite sich darauf vor, indem sie unter anderem die sogenannte Campus-Klinik in Mitte mit zusätzlichen 60 Intensivbetten wieder hochfahre. Vivantes-Chef Danckert sprach von einer „dramatischen Situation“.

Nicht geimpfte Schwangere stirbt, aber Baby kann gerettet werden

Kroemer und Danckert zeigten sich wie auch der Regierende Bürgermeister Müller fassungslos darüber, dass immer noch so viele Menschen die Impfung gegen Corona verweigerten. Der Charité-Vorstand berichtete von einer an Covid-19 erkrankten Schwangeren. Man habe das Kind retten können, aber die Frau verloren, so Kroemer: „Das wäre mit einem Piks in den Arm vermeidbar gewesen.“ In solchen Fällen sei auch für das Personal die Grenze der psychischen Belastbarkeit erreicht.

Beide Klinikchefs sprachen sich wie der Regierende Bürgermeister für eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen aus, die mit vielen Menschen zu tun haben. „Wir erwarten von Kunden und Besuchern den 2G-Status, aber die Menschen werden behandelt und bedient von Personal ohne 2G-Status“, gab Müller zu bedenken: „Das ist schwer vermittelbar.“