Fahrpreisänderung

Warum sich BVG und S-Bahn nicht auf höhere Preise einigen

| Lesedauer: 7 Minuten
Markus Falkner

Foto: Wolfram Steinberg / dpa

Eigentlich war alles klar: Zum 1. Juli sollten die Tickets teurer werden. Doch dann gab es im Aufsichtsrat des Verkehrsverbundes heftige Diskussionen. Vom Tisch sind die Pläne deshalb aber nicht.

Eigentlich schien alles klar. Am Donnerstag sollte der Aufsichtsrat des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) die neuen Tickettarife für den Nahverkehr in der Region beschließen. Zum 1. Juli, so die Pläne, sollten die Fahrscheinpreise steigen. Von durchschnittlich knapp drei Prozent Aufschlag war die Rede. Vermeintlich eine Formsache, trotz scharfer Kritik unter anderem von den Fahrgastverbänden.

Doch dann kam es anders. In einer spärlichen Pressemeldung informierte der VBB am Nachmittag: „Es wurde kein Beschluss zu Fahrpreisänderungen im VBB gefasst.“ Offiziell lehnte der Verbund jede weitere Stellungnahme ab. Doch nach Informationen der Berliner Morgenpost hatte es hinter verschlossenen Sitzungstüren heftige Diskussionen gegeben.

Streit über Aufteilung der Ticketeinnahmen

Es sei um die Höhe des geplanten Preisanstiegs gegangen, um den Zeitpunkt und um die Qualität des Nahverkehrsangebots insgesamt, hieß es aus dem Umfeld des Aufsichtsrats. Vor allem ging es aber wohl um eines: die ungeklärte Frage, wie die Ticketeinnahmen – jährlich mehr als eine Milliarde Euro – zwischen den Verkehrsunternehmen aufgeteilt werden sollen.

Umstritten ist dabei speziell der Anteil, der künftig an die drei großen Akteure des Berliner Nahverkehrs, die S-Bahn, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die Bahntochter DB Regio fließen soll.

Weniger Geld für Berliner Nahverkehrsunternehmen

Auslöser des Streits ist eine Änderung im Regionalverkehr. Seit Dezember müssen DB Regio und die Ostdeutsche Eisenbahn (Odeg) alle Einnahmen aus dem Ticketverkauf komplett an den VBB abliefern. Die Unternehmen wiederum bekommen für ihre Leistung einen Festpreis von den Ländern Berlin und Brandenburg gezahlt. Gewinner bei dem neuen Verfahren sind die Länder, die zusätzlich mehrere Millionen erhalten. Verlierer wären nach aktuellem Stand vor allem die Berliner Nahverkehrsunternehmen, allen voran die BVG.

Angesichts des Systemwechsels hatte im vergangenen Jahr erst DB Regio, dann auch die S-Bahn Berlin den dreiseitigen Vertrag mit der BVG zur Aufteilung der Fahrgeldeinnahmen aus dem Tarifgebiet ABC gekündigt. Dieser sogenannte Berliner Block belief sich zuletzt auf jährlich 681 Millionen Euro, von denen etwa zwei Drittel an die BVG gingen. Weil der Gesamttopf nun kleiner wird, kämen Millionenverluste auf die BVG zu.

Gibt es keinen neuen Vertrag, träfe es die Berliner Verkehrsbetriebe noch härter. Der VBB würde die Ticketerlöse dann nach einem anderen Schlüssel verteilen, der die Reiseweiten stärker als bisher gewichtet. Weil BVG-Fahrgäste – vor allem mit Bussen und Straßenbahnen – im Durchschnitt kürzere Strecken zurücklegen als Nutzer der S-Bahn hätte das landeseigene Unternehmen auch dabei das Nachsehen. Bis zu 34 Millionen Euro pro Jahr könnte die BVG nach eigenen Berechnungen so verlieren. Die BVG droht deshalb ihrerseits mit einer Vertragskündigung, bis Ende März will sie entscheiden.

Kein Konflikt zwischen Berliner und Brandenburger Vertretern

Angesichts des ungeklärten Finanzstreits wollten die Aufsichtsratsmitglieder die beantragte Tariferhöhung am Donnerstag noch nicht beschließen, sagte Kathrin Schneider, Staatssekretärin im Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft des Landes Brandenburg und neu gewählte VBB-Aufsichtsratschefin, der Berliner Morgenpost.

Einen Konflikt zwischen Berliner und Brandenburger Vertretern in dem Gremium wollte sie hingegen nicht bestätigen. Im Gegenteil: Die Länder hätten einvernehmlich entschieden, nicht zu entscheiden. Der Aufsichtsrat habe stattdessen einen Verhandlungsauftrag an die drei beteiligten Verkehrsunternehmen erteilt. Im Klartext heißt das: BVG, S-Bahn und DB Regio sollen ihren Streit untereinander beilegen und sich möglichst schnell über die künftige Aufteilung der Ticketeinnahmen einigen.

Möglichst schnell, denn die ursprünglich zum 1. Juli geplante Preiserhöhung ist noch nicht vom Tisch. Am 11. April will der VBB-Aufsichtsrat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenkommen und das Thema erneut beraten. Eine Umsetzung der Tarifmaßnahme zum geplanten Zeitpunkt sei dann technisch noch machbar, versicherte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Sie stellte eine baldige Einigung im Streit über die Einnahmeaufteilung in Aussicht. Es gebe bereits einen gemeinsamen Lösungsansatz von BVG, S-Bahn und DB Regio, der dem VBB unterbreitet worden sei.

Fahrpreiserhöhung steht nicht grundsätzlich in Frage

Auch aus Kreisen des Aufsichtsrats verlautete, dass es keine Anzeichen gebe, die Tariferhöhung gänzlich zu stoppen. Lediglich in einigen Details gebe es noch Diskussionsbedarf, hieß es. Aus der Berliner Politik droht den Verkehrsunternehmen zumindest kein grundsätzlicher Widerstand. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte jüngst Verständnis für deren Wunsch nach steigenden Preisen geäußert. Die Verkehrsunternehmen begründen ihren Antrag auf Tariferhöhung vor allem mit gestiegenen Energie- und Personalkosten.

Fahrgastvertreter und Berliner Oppositionspolitiker kritisieren die Pläne scharf. Sie verwiesen im Vorfeld der Aufsichtsratssitzung insbesondere auf das nach wie vor eingeschränkte Angebot bei der Berliner S-Bahn, die neben den landeseigenen Berliner Verkehrsbetrieben und DB Regio zu den größten drei Verkehrsunternehmen im VBB-Gebiet gehört und damit ungeachtet der ungeklärten Einnahmeaufteilung auch zu den größten Nutznießern der Tariferhöhung zählen würde.

Steigende Fahrgastzahlen bei BVG und S-Bahn

Jens Wieseke, Sprecher des Fahrgastverbandes Igeb, verwies zudem auf stetig steigende Fahrgastzahlen bei BVG und S-Bahn. Allein dadurch könnten sie ihre Einnahmen erheblich steigern, sagte er. Die geplante Anhebung der Ticketpreise sei daher „unbegründet und überzogen“. Stefan Kothe, Sprecher des Verkehrsclubs VCD Nordost, kritisierte, dass die Verantwortlichen erneut keine grundlegende Reform der Tarifstruktur planen.

Viele Preise seien kaum nachvollziehbar. So sei etwa die Wochenkarte im Verhältnis viel zu teuer. Als „völlig unverständlich“ bezeichnete Stefan Gelbhaar, Verkehrsexperte der Grünen im Abgeordnetenhaus, die Politik des Senats. Auf der einen Seite kürze das Land seine Zahlungen an die S-Bahn wegen Qualitätsmängeln monatlich um hohe Summen.

Auf der andere Seite sollten die Fahrgäste für die gleiche unzureichende Leistung bald mehr bezahlen. VBB-Chef Hans-Werner Franz hatte die Tarifpläne trotz der Situation bei der S-Bahn bereits im Vorfeld verteidigt. 39 Verkehrsunternehmen in der Region böten ihren Kunden eine gute Qualität, so Franz. Sie dürften nicht durch eine Nullrunde bei den Ticketpreisen für die Mängel bei der S-Bahn bestraft werden.

Nach den Plänen sollen sich fast alle Fahrschein-Angebote verteuern. So soll das Einzelticket für das Berliner Stadtgebiet (Tarifzone AB) künftig 2,60 statt bisher 2,40 Euro kosten. Um jeweils zehn Cent sollen die Preise für die Kurzstrecke in Berlin (künftig 1,50 Euro) und das Einzelticket der Tarifzone ABC (3,20 Euro) steigen. Auch die Stammkunden des Nahverkehrs, die Nutzer von Monats-, Abo- oder Jahreskarten, sollen mehr bezahlen.