Jahresbilanz

Berliner S-Bahn fährt nur langsam aus der Krise

Trotz gestiegener Umsatzerlöse fährt die Berliner S-Bahn weiter Verluste ein. Bahnchef Grube motiviert seine Mitarbeiter mit Freibier.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER/BERLINER MORGENPOST

Das Signal, das die Deutsche Bahn (DB) aussenden will, ist klar: Bei der Berliner S-Bahn soll es wieder bergauf gehen, und der Mutterkonzern tut alles, um die seit drei Jahren andauernde Krise seiner Nahverkehrstochter endgültig und nachhaltig zu beenden. Deshalb ist Bahnchef Rüdiger Grube an diesem Freitag persönlich zur Jahrespressekonferenz der S-Bahn gekommen.

Deshalb legt er selber Hand an beim Umbau der Stromschienen im Betriebswerk Friedrichsfelde – wenn auch nur symbolisch für die Fotografen. „Die S-Bahn gehört zur DB wie der Fernsehturm zum Alexanderplatz“, sagt Grube. „Und wir stehen zur S-Bahn.“ Nach allen Anstrengungen werde das Unternehmen sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen und sei fit für den Wettbewerb um den Betrieb nach 2017.

Tatsächlich ist Friedrichsfelde ein Symbol für den Zustand der S-Bahn. Jahrzehntelang war kaum in die Werkstatt investiert worden. Einige Gleise stammen dort noch aus dem Jahr 1913. 2006, auf dem Höhepunkt des vom Mutterkonzern verordneten Sparkurses, schloss die S-Bahn das Werk. Im Januar 2010, als die S-Bahn nach Technikmängeln, Wartungspannen und Managementfehlern schon seit acht Monaten in der größten Krise der Unternehmensgeschichte steckte, wurde Friedrichsfelde eiligst und zunächst notdürftig wiedereröffnet.

Jetzt, mehr als zwei Jahre später, beginnt die Grunderneuerung des Werks. 15 Millionen Euro gibt die Bahn aus, um das einstige Auslaufmodell zur modernen Arbeitsstätte zu machen. Ein Baustein, um endlich wieder zum Normalverkehr zurückzukehren und diesen auch dauerhaft zu gewährleisten.

Daran haben nicht nur die leidgeprüften Fahrgäste ein Interesse. Auch für den Konzern ist die Krise seiner Tochter nach wie vor eine Belastung. Im dritten Jahr in Folge hat die S-Bahn Millionenverluste geschrieben. 2011 summierten sie sich auf 41,6 Millionen Euro, die der Konzern ausgleichen muss. Zwar ist das Minus deutlich geringer ausgefallen als der Rekordverlust des Vorjahres von 222,2 Millionen Euro, doch ein Grund zur Freude ist das noch nicht.

„Das ist alles andere als eine positive Entwicklung“, sagt Christian Kayser, Finanzgeschäftsführer der S-Bahn. „Klar ist, dass wir ohne Regelverkehr nicht aus der Verlustzone kommen werden.“ Das belegen auch die Bilanzzahlen. Das Unternehmen erwirtschaftete das Millionendefizit nämlich trotz steigender Fahrgastzahlen, trotz Umsatzerlösen von 548,6 Millionen Euro, trotz nie da gewesenen 334,5 Millionen Euro Ticketeinnahmen, trotz einer Rekordzahl von jetzt 187.400 Abonnenten.

Strafzahlungen mangels Leistung

Die Gründe sind vielfältig: Noch immer muss die S-Bahn viel Geld investieren, um die Technikprobleme der Fahrzeugflotte dauerhaft zu lösen. 2011 flossen 106,7 Millionen Euro allein in die Instandhaltung. Vor der Krise, im Jahr 2008, waren es nur 49,7 Millionen. Noch immer muss die S-Bahn zusätzliche Mitarbeiter einstellen, um Personalengpässe in den Werkstätten und bei den Triebfahrzeugführern zu beheben. Der wichtigste Minusfaktor sind aber gekürzte Zuschüsse der Länder Berlin und Brandenburg. Weil die S-Bahn nicht die im Verkehrsvertrag verankerten Leistungen erbringen kann, haben die Länder seit 2009 insgesamt etwa 150 Millionen Euro weniger als geplant an die S-Bahn überwiesen. 2011 flossen so statt 269 Millionen nur 214,1 Millionen Euro in die Kasse des Unternehmens.

37 Millionen Euro zogen die Länder allein an sogenannten Pönalen ab. Diese Strafzahlungen werden fällig, wenn vereinbarte Sollwerte etwa für Pünktlichkeit, Sauberkeit und Kundenzufriedenheit verfehlt werden. Bei der letzten Kundenbefragung im November 2011 schnitt die S-Bahn in puncto Zufriedenheit sogar schlechter ab als im Mai 2010 zu Hochzeiten der Krise.

Deshalb spricht S-Bahn-Chef Peter Buchner von einer „permanenten Herausforderung“. Und deshalb spricht Finanzgeschäftsführer Kayser in der Prognose für 2012 vorsichtig von einer „möglicherweise schwarzen Null“. Wohl wissend, dass gekürzte Zuschüsse trotz aller Verbesserungen ein Dauerzustand bleiben werden, weil die S-Bahn wegen der Vielzahl enger Wartungsfristen nicht in der Lage sein wird, die ab Juni im Verkehrsvertrag geforderten 575 Doppelwagen auf die Schienen zu bringen. Noch in diesem Jahr sollen aber im täglichen Berufsverkehr zumindest wieder 546 Fahrzeuge einsatzfähig sein, so viel wie vor der Krise. Am 4. Juni soll erstmals nach drei Jahren die Linie S85 wieder fahren. Mehr als 520 einsatzfähige Doppelwagen braucht die S-Bahn dann täglich.

Am Freitagmorgen waren es erst 486, im Laufe des Tages knapp über 500. An vielen Fahrzeugen wird noch an den Bremssystemen und dem Gleitschutz gearbeitet, zudem verzögert sich die Reaktivierung der noch in der DDR entwickelten Züge der Baureihe 485. Erst im dritten Quartal 2012 sollen nun alle Rückkehrer einsatzfähig sein.

„Für mich ist die Krise erst beendet, wenn wieder 546 Viertelzüge im Einsatz sind“, sagt S-Bahn-Chef Buchner und verweist auf die bereits bewältigten Herausforderungen: 4000 ausgetauschte Achsen, 8000 neue Räder, mehr als 2500 komplett überarbeitete Motoren. Auch deshalb ist Bahnchef Grube an diesem Freitag nach Friedrichsfelde gekommen. Um den Mitarbeitern zu danken. Mit Freibier.