Zwölf Stunden

Kunstquartier Bethanien - ein Haus in neuem Gewand

| Lesedauer: 6 Minuten
Von Kirsten Schiekiera

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Einst pflegten Nonnen im heutigen Bethanien kranke Berliner, während Theodor Fontane dort als Apotheker arbeitete. Nun bringen Musiker und Gastronomen Leben in die historischen Räume in Kreuzberg.

08:45 Die Türme des Kunstquartiers Bethanien glitzern im Sonnenlicht. Von weitem sieht das Gebäude aus wie ein kleines Schlösschen, das zwischen bunten, mit Graffiti bemalten Bauten gelandet ist. Im dritten Stock hallen Ulrike Philippis Schritte durch die leeren Gänge der Musikschule. Sie schließt den Vorführraum auf. Der Flügel ist abgedeckt, die Stühle stehen an der Seite, der Parkettboden glänzt von frischem Bohnerwachs. „In einer Stunde geht es allmählich los“, sagt die stellvertretende Leiterin der Musikschule. Mehr als 2000 Menschen werden in den 50 Räumen unterrichtet.

09:50 Künstler, Lehrer, Musikschüler und Touristen betreten die Eingangshalle am Mariannenplatz. Dort gehen elegante Säulen in Rundbögen über, von kunstvollen Reliefs lächeln Heilige auf die Besucher hinab. „Die meisten Touristen wollen wissen, warum die Eingangshalle so schick aussieht“, sagt Detlef Gutschmidt vom Wachschutz. Und dann beginnt er den Touristen zu erklären, dass früher hier ein Diakonissenhaus war. Dass sich Ärzte und Nonnen bis 1970 um Kranke kümmerten und dass einige Gebäudeteile, wie das ehemalige Schwesternwohnheim, anschließend von jungen Menschen besetzt wurden.

11:00 Die Räume des „Kostümkollektivs“ liegen im Keller und sind für Uneingeweihte nicht leicht zu finden. An langen Kleiderstangen hängen historische Kostüme, Anzugjacken und nach Farben sortierte Hemden. In Kisten lagern Hüte, Perücken und Pappnasen. Eine Frau packt eine große karierte Tasche aus: Zwei Perücken, eine Melone, ein Cape, ein Kimono, ein rosa Rüschenkleid und einige unauffällige Kleidungsstücke kommen zum Vorschein. Silvia Albarella verzeichnet im Computer, dass die entliehenen Objekte in ordentlichem Zustand zurückgegeben wurden. Etwa die Hälfte des Fundus wurde gespendet, die andere Hälfte stammt von freiberuflichen Kostümbildnern. „Kostümbildner haben ein Problem: Sie wissen nicht, wohin mit all den Kleidern und Kostümen, die sie im Lauf der Jahre entwerfen und herstellen“, sagt die Fundus-Mitarbeiterin. „Wir bewahren die Sachen auf, pflegen sie und sorgen dafür, dass sie mottenfrei bleiben.“ Kostümbildner zahlen 30 Euro im Jahr für diesen Dienst. Freie Theaterproduktionen, Filmstudenten und Fotografen nutzen die Kostüme.

12:10 Im Jahr 1973 wurde aus dem ehemaligen Krankenhaus das „Künstlerhaus Bethanien“. Maler, Bildhauer, residierten hier in Ateliers. Die Druckwerkstatt wurde gegründet der „Kunstraum“, und die Musikschule zogen in das Gebäude. Vor vier Jahren zogen die Künstlerateliers in die Kohlfurter Straße. Der Gebäudekomplex wurde in „Kunstquartier Bethanien“ umbenannt. „Wir suchten neue Mieter, die aus dem Umfeld Theater und Tanz kommen sollten, da es ja schon Kunst und Musik im Gebäude gab “, sagt Anke Schuster von der Gesellschaft für StadtEntwicklung (GSE), die den Bau verwaltet. Mittlerweile sind in dem Gebäuden 25 kulturelle und soziokulturelle Einrichtungen untergebracht.

13:05 Im ehemaligen Speisesaal des Krankenhauses befindet sich heute das Restaurant „3 Schwestern“. Bei sommerlichen Temperaturen ist es hier mittags leer, im dazu gehörigen Biergarten ist dagegen kaum noch ein Platz zu finden. „Wir kochen hier vor allem süddeutsch und österreichisch – aber immer mit einem modernen Twist“, sagt Wolfgang Sinhart, der das Restaurant mit einem Kompagnon betreibt. Am liebsten essen die Gäste seiner Beobachtung nach Schnitzel und Schweinebraten.

14:20 In der Papierwerkstatt riecht es ein wenig beißend und muffig. Jörg Lehmann schüttet einen Eimer mit nassen Flocken in eine große Wanne mit Wasser und verrührt die Mischung mit einem riesigen Metallmixer. Mit Hilfe einer rechteckigen Form schöpft er die Fasern aus dem Wasser und lässt sie zwischen Filzbogen trocknen. In einer Viertelstunden entstehen so mehrere Papierbogen.

15:10 „Vermutlich sind wir die größte Kunstdruckerei der Welt“, sagt Mathias Mrowka, Leiter der Druckwerkstatt des Kulturwerks. Auf 1.600 Quadratmetern können Bildende Künstler Radierungen, Lithografien oder Siebdrucke anfertigen. Die Plätze werden tage- und wochenweise vermietet. An jeden? „Nein, nur an ernst zunehmende Künstler“, sagt Mathias Mrowka. „Und wir sehen ganz schnell, mit wem wir es zu tun haben.“ Viele der Künstler kommen aus dem Ausland. Englische und spanische Wortfetzen dringen durch den Lärm der Druckmaschinen. Die Opernsängerin und bildende Künstlerin Marion Berg besucht die Werkstatt jeden Freitag und arbeitet dort an ihren Radierungen. „Manchmal verbringe ich auch zusätzlich eine Woche Urlaub hier“, sagt sie lachend.

16:50 Die Tür der Fontane-Apotheke öffnet sich. Drei Touristen aus dem Rheinland betreten den unter Denkmalschutz stehenden Raum. Theodor Fontane hat hier einst als Apotheker gearbeitet. Michael Dewey, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Kreuzberg-Museums, begrüßt die Gäste. Er zeigt große dunkle Glasflakons, zieht die Schubladen auf und berichtet, dass das Haus einst abgerissen werden sollte und dass einiges von dem Inventar in dieser Zeit verloren ging. Die mächtigen alten Apothekerschränke jedoch stammen tatsächlich noch aus Fontanes Zeiten.

18:05 „Wir sind hier nicht zum Spaß!“ ist der Titel der Ausstellung im Kunstraum, der kommunalen Galerie Kreuzbergs. Auf 450 Quadratmetern Fläche sind Gemälde, Fotos und Videoinstallationen zu sehen. „Die Ausstellung reflektiert die 90er-Jahre in Berlin“, erklärt Stéphane Bauer, Leiter der Galerie. Fotos und Videos zeigen Abrisshäuser, verlassene Läden und Fabriken, in denen damals Clubs oder Galerien entstanden. In einem Raum können Besucher über Kopfhörer Zeitzeugenberichten verfolgen. Stéphane Bauer hat zu dieser Zeit im Bethanien gearbeitet. Was sich seitdem verändert hat? „Kreuzberg ist wieder in der Mitte der Stadt angekommen“, sagt er.

19:35 Im Biergarten läuft der Abendbetrieb auf Hochtouren, in der Musikschule ist es ein wenig ruhiger geworden. Zwei ältere Gitarrenschüler verlassen das Gebäude. „Darf man da reingehen?“, fragen zwei Touristinnen mittleren Alters. „Ja“, sagt einer der Jungen. „Es ist schön da drinnen und nachher ist irgendwann Freiluftkino.“ Wann an diesem Tag Schluss ist im Bethanien weiß dagegen keiner so genau.