09:15 Kommissar Felix Stark eilt den Gang eines Krankenhauses hinauf. Hektisch blickt er nach rechts und links. Er sucht eine Krankenschwester, die ihm erklärt, wo der Patient liegt, den er unbedingt sehen muss. Stark trägt Jogging-Schuhe und eine grüne Sportjacke, sein Schritt beschleunigt sich. Doch plötzlich fällt er aus der Rolle. Der Kommissar verliert Körperspannung, seine Schultern sacken herab. Schon hat er die Verwandlung vollzogen: Stark ist ab diesem Moment wieder Boris Aljinovic, der Schauspieler. Es ist für ihn und das Team um ihn herum der letzte Drehtag des nächsten Berliner Tatorts „Großer schwarzer Vogel“.
10:20 Die Szene muss wiederholt werden. Hauptdarsteller Boris Aljinovic wartet kurz und lehnt sich gegen einen Parkscheinautomaten. Regisseur Alexander Dierbach tritt zu ihm, gibt ein, zwei Tipps. Dann trommeln die zwei Männer, vom spontanen Spieltrieb erfasst, auf dem Automaten herum. „Soooo, können wir bitte weitermachen?“, fragt Kameramann Markus Schott und lacht. „Die zwei Jungs bekommen offenbar gerade einen kreativen Schub!“
10:40 Szene A163. Einstellung 17. Nummer 3. Nadine Reichert schlägt die Filmklappe vor der Kamera zusammen. Das Team dreht in den Räumen des ehemaligen Oskar-Helene-Heims in Zehlendorf. Nach der Schließung des Krankenhauses vor rund 13 Jahren ist der weitläufige Gebäudekomplex zu einem beliebten Drehort für Krimis wie „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ avanciert. Insgesamt sechs Motive müssen am Ende des Tages im Kasten sein. Es beginnt ein weiterer kräftezehrender Tag für die insgesamt 33 Mitarbeiter, die am Set der Tatort-Produktion beschäftigt sind. Dazu kommen noch die Schauspieler. An diesem 22. und damit letzten Drehtag sind es vier: Die zwei Hauptdarsteller Dominic Raacke (Till Ritter) und Boris Ajinovic (Felix Stark) sowie Verena Jasch. Sie spielt die Mutter eines ums Leben gekommenen Jungen. Eine besondere Rolle spielt an diesem Tag Elke Pohl. Doch dazu später mehr. Jetzt drängt ein wenig die Zeit: Draußen vor dem Eingang zur Intensivstation wartet bereits Dominic Raacke.
10:45 Der Schauspieler fährt sich durch die tadellos frisierten Haare. „Es geht in dieser Folge um ein Sprengstoff-Attentat“, sagt Raacke. Die Tatort-Folge erzählt von einer Berliner Radiomoderatorin, auf die ein Attentat mit einer Briefbombe verübt werden soll. Stattdessen fällt der Explosion jedoch ein kleiner Junge zum Opfer. Das Duo Ritter und Stark ermittelt. Raacke spielt die Rolle seit 14 Jahren. Über seinen Hauptkommissar sagt er: „Meine Figur ist ein seltsamer Zwillingsbruder für mich. Sie wird dünner mit mir, wird dicker – und leider auch älter.“
12:25 Lederjacken, Trainingsanzüge und Oberhemden schiebt Dorothee Bach über die Kleiderstange des fahrbaren Kostümständers. Kurz darauf steht sie draußen vor dem Oskar-Helene-Heim und spricht über das Walkie-Talkie mit den Kollegen, die im Gebäude die nächste Szene aufbauen. „Wir stellen die Kleidung für die Schauspieler bereit“, sagt Bach. Eine Ausnahme ist das Outfit jener Polizisten, die gegenüber gerade Pause machen.
12:35 Polizist Dietmar Bieseke geht Punkt für Punkt eines Formular durch, in dem er die Rechte am eigenen Bild abtritt. Er ist nicht nur als Statist Polizist, sondern auch hauptberuflich. „Ich gehöre zur Direktion 1“, sagt er. Heute arbeitet er jedoch im Polizeirevier des Tatorts. Bieseke ist mit einem halben Dutzend Kollegen vor Ort. „Wir sind Polizeibeamte und spielen regelmäßig in Krimis mit“, sagt er. Gemeinsam haben sie sich zur sogenannten Polizeiagentur zusammengeschlossen. In über 100 Serien hat das Team schon mitgewirkt. Es verleiht Polizeifahrzeuge, -requisiten und -equipment an Filmprojekte. Oder eben sich selbst, wie Bieseke und seine Kollegen, die jetzt als Statisten ins Kommissariat müssen. Denn innen steht jetzt die Szene an.
13:45 Verena Jasch sitzt auf einer Bank, auf die die Kamera gerichtet ist. Kurze Unterbrechung. Die Maskenbildnerin Dorit Jur tritt kurz an sie heran, pudert nach. Sitzen die Haare? Ja. Und weiter läuft der Dreh.
14:10 Bevor es losgeht, sitzt Darsteller Dominic Raacke an seinem Schreibtisch im Hauptkommissariat und legt ganz filmreif die Füße auf den Tisch. Sein Kollege Boris Aljinovic ist draußen unterwegs und redet mit dem Team. Er spricht offensichtlich weniger gern von sich, von der Produktion oder den Vorzügen und Nachteilen der Schauspielerei als Raacke. Der indes gestikuliert mit großer Leidenschaft, wenn er sich in die Handlung vertieft oder im Gespräch von den Hauptdarstellern als „Konstante des Tatorts" redet. Die Darsteller Raacke und Aljinovic, so scheint es, sind ebenso wie ihre Figuren in der Serie zwei sehr unterschiedliche Charaktere. Zwei Kommissare, zwei Menschen, zwei Typen.
15:15 Irene Otterpohl arbeitet als Innenrequisiteurin am Set. Sie ist die Frau fürs Detail und sorgt dafür, dass im Bild auch Kleinigkeiten stimmen. Wenn irgendwo die Farbe blättert, eilt Irene Otterpohl in Windeseile dorthin, um den Makel zu beheben.
16:05 Auf der „Dispo“, dem papierenen Tagesablauf, den jeder Set-Mitarbeiter täglich bekommt, stehen heute unter der Kategorie „Darsteller“ nicht nur die Namen der Tatort-Ermittler. Auch der Name Elke Pohl ist dabei. Obwohl sie eigentlich keine gelernte Schauspielerin ist. „Ich habe bei einem Gewinnspiel im Radio teilgenommen“, sagt Pohl. Der Gewinn: Die Fachärztin für Strahlentherapie darf eine Szene im Tatort mitspielen. Eigentlich sollte sie nur als Statistin auftreten, also ohne Text. „Ich habe aber gefragt, ob ich ein, zwei Sätze sprechen darf“, sagt Pohl. Sie durfte. Und spielt nun gewissermaßen sich selbst. Eine Ärztin.
17:50 Die Kamera läuft und das Bild wird auf den Bildschirm übertragen, vor dem der Regisseur Alexander Dierbach sitzt. Für den 34-Jährigen entspricht die Produktion einer Premiere. „Es ist der erste Tatort, den ich drehe. Der Sonntagabend ist eine tolle Tradition und es ist natürlich sehr schön, diesen einmal selbst inszenieren zu dürfen“, sagt Dierbach. Zumal er als Regisseur beim Tatort einen großen Spielraum habe. Dann konzentriert sich Dierbach wieder auf das Bild. Er beugt den Kopf, durchschneidet mit der Handfläche die Luft, als dirigiere er die Szene. Dann nickt er. Alles im Kasten.




