08:55 Der Westpark nahe dem Schöneberger Ufer verbreitet noch den Charme des Unfertigen. Die frisch gepflanzten Bäume spenden nur wenig Schatten. Am Rande des Parks entstehen Wohnungen, stetiger Baulärm ist zu hören. Die Grünanlage wurde erst Ende Mai eröffnet, doch die Jogger und Radfahrer, die in den Morgenstunden den Park durchqueren, bewegen sich dort schon so selbstverständlich, als würde er seit Jahrzehnten existieren. Götz Hiller macht mit seinem Fahrrad Rast am Trinkbrunnen. „Ich bin gerade auf dem Weg zur Arbeit und habe noch eine halbe Stunde Zeit und wollte mir diesen Teil jetzt mal genauer anschauen“, sagt er. „Der Park gefällt mir, aber an einigen Ecken ist mir zu viel Beton. Wenn die Bäume größer sind, sieht es bestimmt besser aus.“

09:30 Ein kleiner Junge namens Weikki erkundet auf unsicheren Beinen die Fitnessanlage. Er ist ebenfalls zum ersten Mal im Park und wird vermutlich nicht so bald wieder kommen. Seine Eltern sind Touristen aus Finnland. Der Junge läuft von einem Trampolin zum nächsten. Wenn er umfällt, landet er auf nachgiebigem Kunststoff. „Berlin ist eine sehr kinderfreundliche Stadt“, sagt sein Vater.

10:05 Die Füße von Chris stecken in Joggingschuhen, seine Freundin Marie trägt Inline-Skater. Gemeinsam drehen sie schnelle Runden durch den Park. „Morgens ist es hier herrlich“, sagt Marie, die in der Nähe wohnt. Der Park sei nicht nur schön, sondern auch praktisch. „Super, dass man jetzt mit dem Rad durch den Park fahren kann und bis zur Bülowstraße kommt“

11:15 Zwei Männer sitzen im Schatten unter der Bahn-Trasse. Vor ihnen liegt ein Stapel mit Papieren. Sie breiten Listen und Landschaftspläne zwischen sich aus. Eine U-Bahn rattert über ihren Köpfen hinweg, das Gespräch verstummt kurz. „Wenn es heiß ist, ist die Mittelplanke unter der U1 unser Lieblingsplatz“, sagt Rainer Schlierf. „Wir arbeiten hier öfter, schließlich haben wir den Park ja auch gebaut.“ Die Firma, bei der er angestellt ist, war für den Landschaftsbau der Anlage zuständig. Sein Kollege Björn Kalinowski ist ebenfalls Landschaftsarchitekt und hat mit seinem Team die Gartenbauarbeiten überwacht. „Was uns besonders freut, ist, dass der Park sofort sehr gut von den Anwohnern angenommen wurde“, sagt Kalinowski.

13:20 Bei den Shows mit seiner Gruppe „Fuego Rojo“ balanciert der Artist Solrak Santana eine Stange, die an beiden Enden brennt und zeichnet so Feuerkreise in den Himmel. Für die Auftritte trainiert er, immer wenn das Wetter es zulässt, auf der Schöneberger Wiese im Ostpark. Er steht barfuß im Gras und lässt die Stange in eleganten Wellen um seinen Körper kreisen. Beim Training brennt die Stange nicht, trotzdem bleiben die Menschen stehen und beobachten ihn.

14:15 „Hier ist das Hundeauslaufgebiet von Schöneberg!“, sagt Ramona und deutet auf die Zäune, die ein recht schmales Grasstück umsäumen. Ihre Worte klingen nicht stolz, sondern vorwurfsvoll und ein wenig wütend. „Kein Wasser für die Hunde, keine Hundekot-Beutel und die Böschung ist nicht einmal abgesichert. Einige Hunde haben sich hier schon durchgegraben und sind auf die ICE-Trasse gelaufen.“ Ihr Hund Lucky scheint sich nicht an dem wenig tierfreundlichen Ambiente zu stören. Sie tollt mit Tigger, dem Hund von Erik und Mario auf der Wiese. „Wir kannten uns schon lange bevor es den Park gab“, erzählt Ramona. Der Name des Hundes sei ihr lange bekannt gewesen. Wie aber die Männer heißen, das wusste sie bislang noch nicht. „Tja, so sind wir Hundebesitzer“, sagt Mario und lacht. „Wenn wir uns ohne unsere Hunde auf der Straße begegnen, dann erkennen wir uns auch nicht.“

15:10 Sabine Band lebt in der Yorckstraße. Sie hat es nicht weit in den Ostpark. In der Nähe des Eingang befestigt sie ihre Hängematte im Schatten zwischen zwei Bäumen. „Man muss sich das Leben schön machen, das ist ganz wichtig. Wer immer nur arbeitet, geht irgendwann kaputt“, erklärt sie ernst. Viel braucht es nicht für ein schönes Leben, glaubt sie. In ihrem Fall sind es gerade ein paar Stunden Zeit, gutes Wetter, die bunte Hängematte und ein E-Book, auf dem 456 philosophische Bücher – „von Sokrates, Platon bis Schopenhauer“ – gespeichert sind.

16:35 Auf den Spielplätzen herrscht Hochbetrieb. Sonnenhütchen werden gerade gerückt und nackte Ärmchen mit Sonnenmilch eingecremt. „Meine Mama ist weg“, sagt ein etwa dreijähriges Mädchen zu einer anderen Mutter. Sonderlich bekümmert wirkt sie nicht. „Sie ist bestimmt nicht weg“, sagt die Frau und will wissen, wie die verschollene Mutter aussieht. „Sie hat ein rotes Kleid an“, sagt das Mädchen. Sekunden später taucht eine Frau in einem blau-grünen Rock und weißer Bluse auf und sagt: „Na, wo läufst du denn hin?“. Das Mädchen wirft die Arme um sie.

17:20 Die Skateanlage hat ihren eigenen Sound. Die Räder surren über den Asphalt, zwischendurch hört man Holz an die Wände schlagen und das leise Geräusch von Turnschuhen, die auf dem Asphalt landen. Marek und Charles aus Kreuzberg besuchen die Bahn regelmäßig, um zu trainieren. Geredet wird wenig, die Skater sind ein ruhiges, konzentriertes Völkchen. Wenn Sie sich über die bewundernden Blicke der Kinder und Spaziergänger freuen, dann verbergen sie das erfolgreich.

18:15 Kein Wunder also, dass Friederike und Sophie, zwei Schwestern aus Friedenau, bei ihrem ersten Besuch im Park das mehrdeutige Urteil fällen: „Die Skater sind am coolsten“. Doch nur zuschauen ist auch langweilig, also haben sich die beiden Mädchen, die von ihrem Onkel begleitet werden, eine der begehrten großen Schaukeln erobert.

19:30 Die kleinen Kinder sind verschwunden, die meisten Jogger auch. Doch Ruhe wird noch lange nicht einkehren. Jetzt kommen die Gruppen, die feiern wollen. Raphael und Sören, die vor einigen Wochen Abitur gemacht haben, tragen voluminöse Sporttaschen in den Park. „Super, vier Tischtennisplatten sind frei!“, freut sich Sören. Die beiden warten auf eine unbestimmte Anzahl von Freunden und beginnen sich warm zu spielen. In den Taschen stecken Bierdosen, Chips, warme Jacken und eine Decke. „Der Abend fängt ja erst an“, sagt Raphael.