Verbotsschilder

Wie ein Berliner Gastronom Straßenmusiker vertreibt

Im Sommer spielen zahlreiche Musiker vor Berliner Restaurants und Cafés auf. Nicht immer zur Freude von Gästen und Gastronomen. Uwe Drees von der „Destille“ am Mehringdamm wehrt sich jetzt.

Foto: Amin Akhtar / Amin Akhtar(2)

Gerade als sich die U-Bahn Tür der U2 schließt, springt ein Mann mit zwei Begleiterinnen hinein. Er zieht einen Verstärker hinter sich her, der in einem Rollkoffer untergebracht ist. Die ersten Akkorde erklingen, die jungen Frauen beginnen zu singen: „Oh Happy Day“. Nur wenige schauen hin – keiner im Wagen gibt ihnen Kleingeld, bevor das Trio zwei Stationen später aussteigt. Nach nur einer weiteren Station steigt ein älterer Mann zu, der ein selbst gebautes Holzxylofon vor dem Bauch trägt. Einige Passagiere verdrehen die Augen. Andere schauen betroffen zu Boden.

Solche oder ähnliche Situationen kennt jeder, der mit der Berliner U-Bahn unterwegs ist. Das Gleiche spielt sich vor viel frequentierten Cafés und Restaurants ab. An Straßen wie der Bergmannstraße in Kreuzberg oder am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg, an denen sich Restaurants aneinanderreihen, ist die Anzahl der vorbeiziehenden Straßenmusiker hoch. Viele Restaurants haben mittlerweile ihre eigene Methode, damit umzugehen. „Wir wollen nicht, dass jemand ungefragt unsere Gäste belästigt“, sagt Uwe Drees von der „Destille“ am Mehringdamm. Er wirft ihnen zudem vor, dass sie oft einfach nicht spielen können. „Da sind nicht mal Melodien erkennbar!“

Wer vorher fragt und gut spielt, wird geduldet

Die „Destille“ ist eine dunkle Kneipe, langer Altberliner Tresen. Ab 12 Uhr mittags wird hier bereits das erste Bier ausgeschenkt. Dort hängen gelbe Schilder an der Bar und an der Markise, auf denen Straßenmusiker rot durchgestrichen sind. Auf Rumänisch, Bulgarisch, Russisch und Englisch steht drüber „Keine Musik“.

„Es gibt aber Musiker, die wenigstens fragen, ob sie hier spielen dürfen“, sagt Drees, „und die sind dann meistens auch ganz ok.“ Wenn da einer nicht gut spiele, schicke er den aber weg, trotz Frage. Die Schilder habe man angebracht, weil Hinweise an Straßenmusiker, die nicht vorab um die Erlaubnis zu spielen bitten, meist nicht geholfen hätten. Die Schilder würden schon mehr bringen, sagt Drees. Ein Mitarbeiter der „Destille“ sagt: „Jeder der Mitarbeiter hat seine eigene Methode: Die einen drehen die Musik drinnen lauter, die anderen gehen raus und schicken sie weg.“ Das aber sorgt an sich schon wieder für Unruhe – an einem Ort, an dem doch Menschen in Ruhe ihr Bier trinken wollen.

Ordnungsamt setzt klare Regeln

Joachim Wenz, Leiter des Ordnungsamts Friedrichshain-Kreuzberg, bestätigt, dass bei ihm „immer mal wieder Beschwerden“ über Straßenmusiker eingingen. Im ersten Halbjahr 2013 gab es bisher zwölf Anzeigen. Dennoch geht Wenz davon aus, dass sich der Umgang der Bevölkerung mit Lärm im Wandel befinde. „Die Sensibilität für Lautstärke nimmt zu“, sagt er.

Verbotsschilder wie an der Bar „Destille“ will das Ordnungsamt Friedrichshain-Kreuzberg nicht verbieten. Allerdings habe die Kneipe nur begrenzte Möglichkeiten, gegen ihnen unliebsame Musiker vorzugehen. Denn das Hausrecht gilt nur für das Innere der Kneipe sowie für das angemietete Gelände vor der Bar. Alles, was außerhalb der angemieteten Fläche passiere, müsse vom Bar-Besitzer und seinem Personal geduldet werden, so der Ordnungsamtsleiter.

Die Ordnungsämter der einzelnen Bezirke in Berlin orientieren sich in ihrem Umgang mit Straßenmusik in der Regel an einem Rundschreiben der Senatsverwaltung. Demnach braucht es zum Musizieren auf der Straße keine besondere Genehmigung, solange ein gewisser Lautstärkepegel nicht überschritten wird. Eine Erlaubnis braucht es hingegen in einzelnen Bezirken, wenn elektronische Verstärker eingesetzt werden, so etwa in Friedrichshain-Kreuzberg. Eine Lizenz für Verstärker kostet hier im Jahr 65 Euro und für sechs Monate 35 Euro. In den Bezirken Mitte und Charlottenburg ist dagegen das Verwenden von Verstärkern generell untersagt.

Posaunen, Pauken und Trommeln können Ruhestörung sein

Aber auch nicht elektronisch verstärkte Instrumente, die besonders laut sein können wie Posaunen, Pauken oder Trommeln können leicht als Störung vom Ordnungsamt erachtet werden. Das Gleiche gilt dem Rundschreiben nach, wenn eine größere Anzahl von Personen an dem Musizieren beteiligt ist. Weiter ist dort geregelt, dass beim Musikmachen ein Mindestabstand von 20 Metern zu Wohnhäusern und von 60 Metern zu empfindlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern und Altenheimen einzuhalten ist. Auch die Zeit für das Spielen von Musik ist klar festgelegt, nämlich am Morgen bis zum Mittag von acht bis 13 Uhr und am Nachmittag bis zum Abend von 15 bis 20 Uhr. Länger als eine Stunde dürfen Straßenmusiker dabei nicht an einem Ort musizieren. Nach Ablauf dieser Zeit müssen sie weiterziehen, mindestens außerhalb der Hörweite.

Ob allerdings eine Ruhestörung vorliegt, entscheidet das Ordnungsamt im jeweiligen konkreten Fall. Anwohnern, die sich gestört fühlen, empfiehlt das Ordnungsamt Mitte, sich in dem Moment zu melden, wenn gerade musiziert wird. Denn dann könne das Ordnungsamt gegebenenfalls die Musiker direkt auf die Regeln im Bezirk hinweisen.

Abseits der Kneipe „Destille“, in den umliegenden Restaurants am Mehringdamm und auf der Bergmannstraße, zeichnet sich ein ähnliches Bild – wenn auch die Worte mit etwas mehr Bedacht gewählt werden. „Diese ganzen Straßenmusikanten können einen schon stören – gerade wenn es zu laut und zu lange ist“, sagt Silke Borgstedt, die gerade im thailändischen Restaurant „Phuket“ Mittag isst und in der Nähe arbeitet.

Geld fürs Aufhören

Ein Stück weiter an der Bergmannstraße Ecke Nostitzstraße liegt das Restaurant „Atlantic“. Auch dort ziehen viele Gruppen mit ihren Instrumenten vorbei. „Es gibt zwei verschiedene Arten von Musikern: Einmal die „Musikpiraten“, die unsere Gäste zwangsbeschallen und Geld dafür bekommen, dass sie aufhören – und es gibt ein paar ganz gute Musiker, die vorher fragen, ob sie spielen dürfen“, sagt ein Mitarbeiter des „Atlantic“. Er verstehe zwar die Not der Einzelnen, aber er müsse auch seine Gäste schützen. „Wenn man nett mit Freunden essen geht, möchte man nicht die ganze Zeit ungewollt laute schrille Töne in der Nähe haben“, sagt er.

Vor allem Berliner würden sich sehr gestört fühlen, da sie das schon so häufig mitbekämen. Die Touristen seien da noch etwas nachsichtiger. Er beklagt, dass eine Gruppe nach der nächsten kommen würde, wenn er nicht dagegen vorgehen würde. Daher bitten die „Atlantic“-Mitarbeiter die Gruppen immer gleich weiterzugehen. Mittlerweile kämen dank dieser „Interventionspolitik“ auch schon deutlich weniger.

Manchmal einigen sich Gastronomen und Straßenmusiker

Auch an anderen beliebten Orten der Stadt, wie in der Simon-Dach-Straße, am Hackeschen Markt oder dem Kurfürstendamm spielen immer wieder Straßenmusiker auf. Die Reaktionen der Gewerbetreibenden sind dabei unterschiedlich. Einige bestimmte Musiker werden von den Restaurants geduldet, andere sofort vertrieben – meist abhängig von der Qualität der Musik.

Thomas Lengfelder, Pressesprecher des Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin (Dehoga), sagt, dass es generell wichtig sei, „wie die Musiker auf die Gastronomen zugehen“. Wenn man miteinander spreche, käme man in der Regel auch zu einer gütigen Einigung. Dass viele Gaststättenbetreiber Straßenmusik nervt, findet er nachvollziehbar. Vor allem dann, wenn viele Musiker nacheinander kämen – wie es in den Sommermonaten häufig der Fall ist.