Beim Jupiter! Die Deutsche Bahn hat mal wieder Probleme mit dem Fahrplan. Blöd nur, dass der „Deus Numero Uno“ höchstpersönlich drinnen sitzt. Der sollte jetzt eigentlich oben auf der Empore des Amphitheaters stehen und verkünden, dass er scharf auf Alkmene ist und Lust hat, ihrem Gatten Amphitryon mal gehörig Hörner aufzusetzen. Der verhinderte Jupiter wird an diesem Abend nicht die einzige Überraschung bleiben, mit der das wahre Leben die Bühne entert. Dass genau darin der spezifische Reiz solcher manchmal allzu volksfröhlichen Sommertheaterinszenierungen liegen kann, zeigt ein Abend mit der Truppe des Hexenkessel Hoftheaters.

Lüsterner Feldzug

Es ist die etablierteste aller Berliner Freilufttheaterformationen. 1994 in einem Hinterhof an der Schönhauser Allee gegründet, seit 2002 mit Open-Air-Auftritten im Monbijoupark präsent, hat sich das Ensemble dem gauklerhaften Lustspiel verschrieben. Die rund 400 Plätze, die das aus Holz gezimmerte Amphitheater zu bieten hat, sind an diesem Abend bis auf die letzte Sitzmatte besetzt. Inzwischen ist mit Tobias Schulze auch der göttliche Ersatz vor Ort und also startet Jupiter in „Amphitryon“ nach Molière seinen lüsternen Feldzug.

Was folgt, ist eine burleske Verwechslungskomödie, in der Jupiter die Gestalt Amphitryons (Matthias Horn) annimmt und so im Schlafzimmer von dessen Gattin Alkmene (Anja Pahl) sehr überzeugend auftritt. Jupiters Sohn Merkur (Roger Jahnke) fädelt die Sache ein, indem er selbst die Gestalt von Amphitryons Diener Sosias (Vlad Chiriac) annimmt. Dessen esoterisch versierte Gattin Clea (Carsta Zimmermann) weiß sich ob der verrückt spielenden Götter keinen anderen Rat, als im Publikum nach ein paar Jungfrauen zu fragen, die bereit wären, sich freiwillig zu opfern. Ohne Erfolg.

Die Wanne ist voll

Diener Sosias hat mehr Glück, er findet Zuflucht bei einem Herrn, der ihm zur Tarnung seine Mütze und Brille überlässt. Die aber scheint recht stark zu sein, er gibt sie zurück mit den Worten: „Sonst wird das hier für Sie noch zum Hörspiel.“ Mit dieser Lust an der Improvisation, am Spiel mit den Umständen beweist das Ensemble, dass es das Prinzip Volkstheater bestens beherrscht.

Zum Glücksfall wird das auch im zweiten Stück: „Volpone oder der Fuchs“ von Ben Jonson. Von Theben geht’s nach Venedig, wo der reiche Kaufmann Volpone (Andreas Köhler) wohnt. Der hat die Wanne voll. Voller Geld nämlich. Da schmeißt er sich so genüsslich rein wie Dagobert Duck in seinen Geldspeicher. Quietschfidel, obwohl er den Sterbenskranken mimt. Weil selbst ohne Erben, hat er demjenigen seinen Nachlass versprochen, dessen Freundschaft er sich sicher sein kann. Und schon kommen sie angekrochen, die schmierigen Erbschleicher Voltore (Tobias Schulze flugs vom Jupiter zum Schmarotzer gewandelt); Corbaccio (Michael Schwager), Covino (Torsten Schnier). Der eine bietet Geschmeide, der andere gar eine erotische Begegnung mit der eigenen Gattin.

Der Mehrwert von Misslichkeiten

Dieses Stück ist weniger actionreich, aber textlastiger als „Amphitryon“, was Regisseur Frieder Venus mit allerlei zusätzlichen Späßen wie vermeintlich in die Vorstellung stolpernde Touristen auszugleichen versucht, allerdings nicht immer mit ganz glücklichem Timing . Dass es trotzdem ein Heidenspaß wird, liegt an einer Humorkonstante, die, wieder mal, so nicht geplant war: Volpone hat für seinen teuflischen Plan einen Helfer, seinen Diener Mosca. Dessen Darsteller Bernd Stichler liegt seit ein paar Tagen krank im Bett, weshalb Roger Jahnke seine schmucke Merkur-Lederjacke gegen ein schmuddeliges Schmeißfliegenkostüm getauscht hat und das Ensemble dessen Spiel mit dem Textbuch kurzerhand als Running Gag etabliert. Wer Mosca Böses will, schlägt ihm das Textbuch aus der Hand, wer, das große Erbe im Sinn, um seine Gunst wirbt, raunt ihm die richtige Seite zu.

Wo fehlende Hauptdarsteller, unvorhersehbare Publikumsreaktionen oder irritierende Randgeräusche (eine Krankenwagenkolonne aus Richtung Oranienburger Straße, hupende Ausflugsboote auf der Spree) einen fein justierten Regietheaterabend durchaus sprengen könnten, generieren diese volkstheatererprobten Darsteller aus solchen Misslichkeiten mit leichter Hand den schönsten Mehrwert. Was für ein Spaß!

Termine: Hexenkessel Hoftheater Monbijoupark, Mitte. Tel.: 2 888 66 999. Di-Sa., „Amphitryon“, 19.30 Uhr;

„Volpone“: 21.30 Uhr. Bis 31. August 2013.

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