Berlin in den 20ern

„Babylon Berlin“: Die Kunst im Zeitalter der Nervosität

Am Sonntag startet in der ARD „Babylon Berlin“. Wir blicken auf das Berlin der Zwanzigerjahre. Teil 5: Kultur.

Das Profil des Regisseurs Erwin Piscator als Schattenriss

Das Profil des Regisseurs Erwin Piscator als Schattenriss

Foto: Sasha Stone / ullstein bild - Sasha Stone

Im Jahr 1929 war noch alles gut in den Schauspielhäusern und Kulturtempeln der Stadt. Old Shatterhand und Winnetou schworen sich auf der Bühne des Theaters in der Königsgrätzer Straße (heute Hebbel am Ufer) Blutsbrüderschaft. Hans Otto als Winnetou lockte die Jugend in das Theater, das sonst Strindberg, Shakespeare und Goethe spielte. Der jugendliche Held war Ottos Paraderolle, zur selben Zeit war er als Romeo zu sehen. Aber ihm ging es wie den Helden, die er verkörperte: Er starb jung. 1933 war er nach dem Reichstagsbrand eines der ersten Opfer der Nationalsozialisten, er wurde gefoltert und aus dem Fenster geworfen – weil er Kommunist war. „Old Shatterhand“ alias Ludwig Körner hingegen sollte als Präsident der Reichstheaterkammer für den Ausschluss von jüdischen und politisch missliebigen Mitgliedern verantwortlich zeichnen.

Bis dahin dominierten die Großkaliber Brecht, Reinhard, Piscator und Gründgens das Geschehen auf den Bühnen Berlins. Erwin Piscators Theater war nicht nur proletarisch-revolutionär, sondern auch höchst innovativ und technisch aufwendig. Er arbeitete mit filmischen Sequenzen, Fotoprojektionen, Laufbändern und führte mit einem vierstöckigen Bühnenbild, Aufzügen und motorisierten Drehbrücken die Simultanität auf der Bühne ein. Für die Gestaltung engagierte er seine Freunde aus der Dada-Zeit: John Heartfield entwarf Bühnenbilder und George Grosz lieferte Zeichnungen für Bühne und Programmhefte.

Für die Aufführung von Walter Mehrings „Kaufmann von Berlin“ holte Piscator den Bauhausarchitekten László Moholy-Nagy. Das Stück erzählt die Geschichte des Lemberger Juden Kaftan, der mit 100 Dollar ganz Berlin aufkaufen will. Er gründet eine Bank, wird Millionär, lässt sich aber von einem nationalistischen Rechtsanwalts einspannen, der einen Putsch plant. Damit brachte Piscator sowohl die Nazis als auch Juden gegen sich auf, die sich diffamiert sahen. Dennoch konnte Piscators Haus am Nollendorfplatz seine 1000 Plätze füllen.

Das erfolgreichste Stück der Weimarer Republik war aber Brechts „Dreigroschenoper“. In der Uraufführung von 1928 paktierte Kurt Gerron noch als Polizeichef von London, mit Harald Paulsen, dem Verbrecher Macky Messer. Gerron sollte in Theresienstadt vergast werden und Paulsen in NS-Propagandafilmen mitwirken.


Aber 1929 schien noch alles gut. Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ kam heraus und wurde sofort zum Bestseller, Hitler sollte den Roman später verbieten lassen. Der Maler Otto Dix erhielt nach zwei großen Ausstellungen in Berlin eine Professur in Dresden, noch war seine Kunst alles andere als „entartet“.

Preußischer Orden für Käthe Kollwitz im Jahr 1929

Auf dem Pariser Platz Nr. 7 residierte Berlins hochgeehrter Malerfürst Max Liebermann und porträtierte Hindenburg. Die Künstlerin Käthe Kollwitz erhielt 1929 als erste Frau den preußischen Orden „Pour le Mérite“ für Wissenschaft und Künste und Einstein baute sich in Caputh bei Potsdam ein Sommerhaus. Alfred Döblin schrieb an „Berlin Alexanderplatz“, Josef von Sternberg drehte mit Marlene Dietrich den „Blauen Engel“ und die junge Journalistin Vicki Baum recherchierte verdeckt als Zimmermädchen in einem Berliner Grandhotel. Die Ergebnisse verarbeitete sie in dem Roman „Menschen im Hotel“, der in der dramatisierten Version zunächst von Max Reinhardt inszeniert, später am Broadway aufgeführt und schließlich als Film mit Greta Garbo um die Welt gehen wird.

Derweil wollte Baums berühmter Schriftsteller-Kollege Kurt Tucholsky „mit seiner Schreibmaschine noch eine Katastrophe“ aufhalten, wie es Erich Kästner nach dem Krieg formulierte. Der Weltbühne-Herausgeber hatte 1929 schon die Weitsicht, seinen Wohnsitz weg aus Berlin nach Schweden zu verlegen. Von Kästner erschien im Herbst 1929 „Emil und die Detektive“ - sein erstes Kinderbuch und Lieblingsbuch nicht nur von Volker Kutscher, dem Schöpfer von Kommissar Gereon Rath in „Babylon Berlin“. Im selben Jahr hatte Kästner seinen Illustrator Walter Trier kennen gelernt. Kästner sollte in Berlin bleiben und 1933 sogar der Verbrennung der eigenen Bücher durch die Nazis zuschauen, der jüdischstämmige Trier wanderte nach Kanada aus, blieb aber auch nach dem Krieg der Illustrator Kästners.

Aber natürlich gab es auch rechte Publizisten. Allen voran Joseph Goebbels, der Herausgeber des „Angriffs“, in dem er gegen das linke Theater und gegen die Juden geiferte. 1929 kam der „Angriff“ zweimal wöchentlich heraus, 1930 wurde er zur Tageszeitung. Im selben Jahr wird Goebbels zum Reichspropagandachef ernannt und 1933 zum jüngsten Minister Europas. Bis dahin sollte er alles aufsaugen, was ihm für den Aufbau der Partei groß und prächtig genug erscheint, solange es nicht jüdisch war.

„Linkes Agitationsstück“

Sogar Piscator hätte er gerne engagiert, vergessen schien Mehrings „linkes Agitationsstück“. Piscators spektakuläres Theater schien ihm eine gute Wahl für das „Staats- und Parteitheater“, das er zu organisieren gedachte. Aber Piscator lehnte ab: „Bestellen Sie Goebbels einen schönen Gruß von mir. Ich komme zurück, wenn er nicht mehr da ist“, ließ er von einem Bühnenarbeiter ausrichten.

Piscator befand sich damals in Moskau, wohin er nach dem Konkurs seines Theaters geflüchtet war. Und er hielt Wort. Von Moskau aus ging er nach New York, gründete eine berühmte Schauspielschule und erwarb großen Einfluss auf den Broadway und Hollywood haben. Marlon Brando, Tennessee Williams, Walter Matthau und Harry Belafonte waren seine Schüler. Nach Goebbels’ Abgang kehrte er nach Deutschland zurück und wurde 1962 Intendant der Volksbühne, wo er schon als junger Regisseur die ersten Erfolge gefeiert hatte. Dass er dieses Theater wie kein anderer geprägt hat, war noch unter seinem späteren Nachfolger Frank Castorf deutlich zu sehen.

Lesen Sie als nächstes: Stabilität und Inflation - Die Wirtschaft in den Zwanzigerjahren.

Babylon Berlin. ARD, 30.09., 20.15 Uhr

+++ Berlin-Podcast +++ Diese Woche bei „Molle und Korn“: Die TV-Serie „Babylon Berlin“ hat Free-TV-Premiere in der ARD – und die Erwartungen sind hoch. Im Nahverkehr: Die S-Bahn muss Strafe zahlen wegen Minderleistung. Und: Alt-Berliner Wohnungen mit Bediensteten-Klingel.

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