DDR

Als der Punk in die Lausitz kam

Alexander Kühne gehört zur „verlorenen Generation“. Jetzt hat er darüber einen Roman geschrieben: „Düsterbusch City Lights“.

Alexander Kühne mit seinem ersten Roman – und alten Fotos

Alexander Kühne mit seinem ersten Roman – und alten Fotos

Foto: Katrin Starke

Lugau.  "Wäre die Mauer nicht gefallen, würde ich vielleicht nicht mehr leben." Alexander Kühne sieht das ganz nüchtern: "Vermutlich hätte ich mich totgesoffen." Heute ist er Fernsehautor, wohnt in Berlin, ist vor wenigen Wochen zum ersten Mal Vater geworden, führt ein Dasein zwischen Bürgerlichkeit und selbstausbeutender künstlerischer Entfaltung. Ein Leben, wie es ihm vor der Wende undenkbar erschien.

Kühne, Jahrgang 1964 und in der Niederlausitz aufgewachsen, zählt sich zur "verlorenen Generation". So sieht er die proletarische DDR-Jugend, die Anfang der 80er-Jahre auf dem Land aufwuchs, "meist desillusioniert, gelangweilt". Und die laut Kühne vielfach nur eines wollte: "Mit 18 so schnell wie möglich aus der Provinz abhauen – entweder nach Berlin oder in den Westen." Anders als er selbst. Kühne wollte bleiben. "Vor allem aus Angst vor der Fremde", gesteht er heute ein. Die DDR habe er gehasst, in der Lausitzer Heimat aber war er verwurzelt. "Ich war unpolitisch, keinesfalls zum Revoluzzer geboren." Was er wollte: "Ein Leben ohne Vorschriften mit viel Spaß und Musik."

500 Einwohner und ein FDJ-Jugendclub

Wie das in der Realität aussah, davon erzählt er in seinem soeben erschienenen Roman "Düsterbusch City Lights" – und hebt damit ein verschüttetes, dafür aber umso illusteres Stück Brandenburger Geschichte. Denn: Düsterbusch steht für den 500-Seelen-Ort Lugau und die Romanfigur Anton Kummer weist deutliche Ähnlichkeiten mit Alexander Kühne auf.

In den nach dem Herbst 1989 und insbesondere rund um den 25. Jahrestag der Wiedervereinigung erschienenen Filmen und Büchern über das Leben im Osten fand sich Kühne nicht wieder. "Der Trend geht entweder zur Komödie voller Klischees oder zum tränenreichen Drama." Ihm fehlte das "Dazwischen". Also schrieb er los, schließlich hatte er ja etwas zu erzählen: Kühne gehörte zu den Gründern des berühmt-berüchtigten FDJ-Jugendclubs "Extrem" in Lugau. Der zog ab 1985 alles an, was gefärbte Irokesenschnitte oder lange Haare trug. Sonnabend für Sonnabend rückten Tausende Partygänger an – aus Berlin, Cottbus, Dresden, Leipzig. "Wegen unserer Konzerte schauten sogar Leute aus dem Westen vorbei." Der Grund: Der damals 20-Jährige holte schräge, unangepasste Bands auf die improvisierte Bühne. Die Gruppen, die im "Extrem" auftraten, gehörten zum Who is Who der Punk- und New-Wave-Independent-Szene - von Sandow über Feeling B bis zu The Art oder Kotzübel. Schnaps und Bier gabs reichlich, auch der Sex auf Toiletten und vorm Club gehörte dazu.

Die bizarren Clubs von London sind sein Vorbild

Ganz nach Kühnes Vorbild – den bizarren Londoner Clubs, in denen die Zügellosigkeit regierte – zelebrierte man in Lugau die Abkehr vom Mainstream. "Wer bestimmt schon, was normal ist", kritzelte Kühne euphorisch an die Wand seines Zimmers. Einen Satz, den er bei der Jungen Gemeinde aufgeschnappt hatte und der ihm zum Leitspruch wurde. Normal, genau das wollte Kühne nicht sein. "Als Junge auf dem Dorf, der keinen Nagel in die Wand hauen konnte, hatte ich sowieso schon verloren", sagt er im Rückblick. Weder sah er für sich eine Karriere als NVA-Offizier noch als FDJ-Sekretär. Obwohl die Eltern in der Partei waren, die Mutter war Schuldirektorin. "Wir schauten West-Fernsehen, gingen im Intershop einkaufen, trafen Besuch aus West-Berlin." Der Doppelmoral verweigerte er sich, die Schule interessierte ihn nicht. Die schlechten Noten bescherten ihm eine freudlose Lehre in der Schraubenfabrik. Wieder brach er aus, jobbte als Auskehrer auf dem Kohlenplatz, wurde Verkäufer von Modelleisenbahnen.

Nur die Wirte verdienten

Nach Feierabend arbeitete er an seinem Traum: "Ich wollte die Großstadt nach Lugau holen." Kühne fantasierte von blinkenden Casinos und schrillen Bars in der Gemeinde. "Mit Musik kann ich alles erreichen", war er überzeugt. Mal naiv, mal gewollt, unterlief er als Partyorganisator die Bestimmungen des offiziellen Kulturbetriebes. Bands ohne Spielerlaubnis schummelte er als Vorgruppe von offiziell genehmigten Gruppen ins Konzert. Er kassierte unzählige Ordnungsstrafen, nicht selten beglich seine Mutter die Rechnungen über mehrere 100 Mark. "Bei den Konzerten sprang doch kaum etwas für uns raus. Die einzigen, die verdienten, waren die Wirte." Gallebitter schmeckte das für die Jugendclub-Macher.

Die Defa wurde auf das Partytreiben aufmerksam, drehte 1987 ihre Kultmusikdoku "Flüstern & Schreien" mit Szenen aus einem Open-Air-Konzert. Mit dem Ruhm wurde die Stimmung aggressiver: Anwohner waren genervt und angewidert von Glasscherben auf dem Bürgersteig, betrunkenen Punks und Slips auf dem Kriegerdenkmal. Doch der Rausch hielt an. Kühne machte weiter. Im Sommer 1989 landete er seinen größten Coup. Er holte die West-Berliner Band Waltons auf die Bühne. Illegal.

Noch bis 1994 wurde im "Extrem" getanzt. Paul van Dyk legte auf, Fettes Brot und Napalm Beach feierten ihren Auftritt. Dann war es plötzlich vorbei. "Der Zusammenhalt ging verloren, die Leute gingen weg." Wie Kühne selbst, der nach Berlin zog.

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