Kultur

Der Trend geht zum Wälzer

Guntram Vesper gewinnt mit seinem 1000-Seiten-Roman den Literaturpreis der Leipziger Buchmesse

Es war wahrscheinlich die kürzeste Rede in der Geschichte des Leipziger Buchpreises. Guntram Vesper ging nach vorne auf die Bühne, dankte „herzlich“ der Jury und machte sich zurück auf seinen Platz neben seinem Verleger Klaus Schöffling. Der Kurzauftritt hat auch etwas beruhigendes, zeigte er doch, dass ein Autor, der ein 1000-Seiten-Buch schreibt, das zuweilen kein Anfang und kein Ende zu haben scheint, dass der Verfasser dieses „Kolosses von Buch“ („Neue Züricher Zeitung“) in der Lage ist, sich kurzzufassen.

Erinnerungskultur: „Frohburg“ ist ein Lebenskonzept

Von einem „lebenssatten“ Buch sprach Laudator Dirk Knipphals, Literaturredakteur der „taz“, wie „ein Schwamm“ müsse der 74-jährige Guntram Vesper Eindrücke und Gerüche in der Vergangenheit aufgenommen haben. „Frohburg“ heißt der Roman und Frohburg ist auch der Ort seiner Geburt – einer Kleinstadt südlich von Leipzig, wo er Kindheit und Jugend verbrachte, ehe die Familie 1957 in die Bundesrepublik floh. Die Jury bemerkte: „In ‚Frohburg‘ erzählt Vesper von deutschem Leben im zwanzigsten Jahrhundert, von Kultur, Politik, Krieg und Nachkrieg, und entwirft damit ein Geschichts- und Geschichtenpanorama, das sich zumeist aus eigenem Erleben und Beobachten speist und das ein Land und eine Zeit gültig festhält.“ Man könnte diesen Ziegelstein damit quasi als ostdeutsches Pedant zu Frank Witzels bundesrepublikanischen Erinnerungen sehen, dem 800-Seiten-Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“. Der Trend, zumindest bei den in die Jurys berufenden Literaturkritikern, geht zum Wälzer.

Vor einigen Wochen erst stellte Vesper „Frohburg“ im Literaturhaus in der Fasanenstraße vor. 60 plus und weißes Haar, so sah das Publikum aus. Einige Stuhlreihen blieben leer. Frohburg kennen die wenigsten hier, muss man auch nicht, selbst Vesper ist dort nur noch „Durchgangsgast“. An Frohburg, so sieht es aus, hat er sich abgearbeitet. In „Frohburg“ verknüpft er seine Biografie mit akribisch recherchierten Anekdoten der deutsch-deutschen Geschichte.

Und so ist „Frohburg“ wie eine Schüttelkugel: Eine Autobiografie mit Familiengeschichte, eine Hommage an einen Ort, ein Blick in das Deutschland der Weimarer Republik, der Nazizeit, der deutsch-deutschen Teilung. Man muss sich arg konzentrieren, um die Erzählstränge zusammenzuhalten. Ein Motorradausflug seiner Eltern Wolfram und Erika, seine Polio-Erkrankung als kleiner Junge, die Übersiedlung in den Westen 1957 und viele andere mehr – das ganze unterlegt mit historischen Geschehnissen. Sein Verleger, Klaus Schöffling, nennt es ein „Geschichts- und Geschichtenpanorama, wie wir schon lange keines hatten“. Für Vesper ist es schlicht das „Archiv meines Lebens“. Schließlich sammelte er lange Jahre, wie ein Sisyphus, Fotos, Tagebucheintragungen, Botschaften, Verweise, alles kommt zusammen. „Viel Hirnästhetik“ dabei, so sagt er das.

Noch zu DDR-Zeiten „beauftragte“ er den Pfarrer der Gemeinde, damit der einige Dinge für ihn recherchieren konnte. Gebäude, Pläne und anderes. Jedes Detail muss stimmen, sonst kann er nicht schreiben. Irgendwann fiel das wohl der Stasi auf, wie geschichtsversessen der Geistliche war. Er wurde versetzt – und Vesper musste auf seinen Informanden verzichten.

Wenn man so will, hat Vesper ein „Gedächtnis einer Region“ notiert, nur: Wer sich in Frohburg nicht auskennt, der wird zuweilen unter Ermüdungserscheinungen leiden, so detailreich erzählt Vesper. Zumal er munter zwischen den Zeiten hin und her pendelt, es gibt einen Erzähler und einen direkten Ich-Erzähler – und es gibt unendlich viele Erzählschleifen, dass man leicht den Überblick verliert.

Die Dorfchronik in Kladden und Tausende Karteikarten

Als junger Mann fing er an, Medizin zu studieren, ein, zwei Semester, dann hörte er auf damit. Es gab von ihm einen Gedichtband „Frohburg“, und wer ihn damals kannte, wusste, dass ein Roman folgen würde.
Dass das Jahrzehnte dauern würde, hat Vesper wahrscheinlich selbst überrascht. Jedenfalls fing er da schon an, die Dorfchronik fein ordentlich in Kladden einzutragen, er muss auch Tausende Karteikarten angelegt haben. Und er wusste, es sollte ein Roman werden, keine Dokumentation, schließlich wollte er nicht „die ganze Verwandtschaft am Hals haben“.

Vermutlich ist Vesper ein kleines Pedant, jedenfalls zählt er beim Schreiben die Zahl der Anschläge, rechnet sie um auf Seiten, notiert Uhrzeit
und Datum. 1000 Seiten – eine Irrsinnsarbeit. „Frohburg“, sagt der Verleger, „ist ein Lebenskonzept.“