East Side Gallery

Deutsch-deutsche Geschichten im Berliner Mauermuseum

An der East Side Gallery eröffnet am Sonnabend ein Museum zum Thema Flucht. Die Morgenpost warf einen Blick hinter die Kulissen.

Eröffnungsrundgang mit den Zeitzeugen Markus Wiehler (l.) und Peter Barsch

Eröffnungsrundgang mit den Zeitzeugen Markus Wiehler (l.) und Peter Barsch

Foto: Reto Klar

Er ist wieder da. Genau an der Stelle, wo er durch die Spree geschwommen ist. Peter Barsch, 59 Jahre, blickt vom Balkon des Mühlenspeichers an der East Side Gallery auf das Wasser und erzählt sein Geschichte. Wie er beim ersten Fluchtversuch mit 16 schon im Zug geschnappt wurde, 23 Monate in Luckau im Gefängnis saß, und nach seiner Entlassung 1978 sofort die zweite Flucht durch die Spree plante. Dieses Mal glückte es, in Kreuzberg konnte er unbemerkt aus dem Wasser steigen. Seine Geschichte ist eine der unzähligen Fluchtgeschichten, die in der neuen Ausstellung "The Wall Museum East Side Gallery" im Mühlenspeicher an der Oberbaumbrücke thematisiert werden. An diesem Sonnabend wird sie um 10 Uhr eröffnet.

Ort der Erinnerung an Mauer, Teilung und Kalten Krieg

Nach Checkpoint Charlie und Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße hat Berlin damit einen weiteren Ort, der an Mauer, Teilung und Kalten Krieg erinnert. "Der Mühlenspeicher war ein Instrument der Überwachung, vom Dach aus wurden der Mauerstreifen und die Spree kontrolliert", sagt Veranstalter Jaka Bizilj. Damit befinde sich das Museum ebenfalls an einem authentischen Ort mit historischen Wurzeln. Die East Side Gallery werde dadurch wunderbar ergänzt.

Die Multimedia-Ausstellung vermittelt den Besuchern in 13 Räumen mit Interviews, Installationen und Filmen auf etwa 100 Bildschirmen chronologisch die Geschichte der Teilung – vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten. Alle Erwartungen werden erfüllt: Im Foyer ist die DDR-Nationalhymne zu hören, weiter entfernt Walter Ulbrichts Versprechen, niemals eine Mauer zu bauen. Und es fehlen auch nicht die historischen Statements von John F. Kennedy, Ronald Reagan, Michail Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher. Natürlich ist auch das typische DDR-Wohnzimmer mit Schrankwand und Kaffeetafel aufgebaut, im Fernsehen läuft die "Aktuelle Kamera", in der freudige DDR-Bürger den Mauerbau begrüßen.

Was die Ausstellung dennoch besonders macht, sind die Details – Gesichten, Episoden, Zeitzeugenberichte – die nicht unbedingt in die Schlagzeilen der Weltgeschichte eingegangen sind. Zwei Jahre lang habe er recherchiert, sagt der Veranstalter, mit Politikern wie Gorbatschow und Kohl gesprochen, aber auch mit vielen Menschen im Hintergrund.

Da ist zum Beispiel die Geschichte von Arpad Bella, einem ehemaligen Grenzoffizier nahe der westungarischen Stadt Sopron, der dazu beigetragen hat, dass die Mauer erste Risse bekam. Als im August 1989, anlässlich eines Paneuropäischen Picknicks, einige Hundert DDR-Bürger vor seinem Grenzübergang standen, gab er nach kurzem Nachdenken seinen Leuten den Befehl, sich umzudrehen und nicht zu schießen. So konnten die Menschen nach Österreich fliehen. Noch heute lebt Bella in dem Grenzort.

Aber auch die Menschen, die an der Mauer ihr Leben verloren, bekommen ein Gesicht. Jeder einzelne erscheint mit einer Vita auf einem Bildschirm. Auf dem Balkon zur Spree wird der Kinder gedacht, die an der Grenze zwischen Ost und West ertranken. "Keiner hat geholfen, aus Angst, dass auf sie geschossen wird", sagt Jaka Bizilj.

Peter Barsch hatte Glück gehabt, dass auf ihn nicht geschossen wurde. Das lag aber auch daran, dass er die Lage vor Ort bestens kannte. Er war Schlosserlehrling in der Berufsschule an der Spree, die schon im Grenzgebiet lag und für die er einen Passierschein hatte. Aus den Fenstern konnte er die Situation studieren und die Flucht planen. Eine Freundin war mit dabei, sie war schwanger von einem West-Berliner und wollte zu ihm. Mit Flossen an den Füßen schwammen sie im Uferschatten von der Jannowitzbrücke ins Grenzgebiet hinein. An der Schillingbrücke wechselten sie die Uferseite. Als plötzlich ein Patrouillenboot den Motor anließ, dachten sie schon, es sei vorbei. Doch dann drehte das Boot ab Richtung Alexanderplatz und beide konnte in Kreuzberg an Land steigen.

Vom Zirkusfestival in Parisnach West-Berlin

Eine abenteuerliche Geschichte hat auch Markus Wiehler zu erzählen. Der heute 47-Jährige war auf der Akrobatikschule an der Friedrichstraße, als er im Januar 1988 mit 19 Jahren nach Paris zum Zirkusfestival reisen durfte. Den Rückweg trat er nicht in die DDR an, sondern nach West-Berlin. Doch dann zog es ihn nach einem Jahr zurück. Wieder in Ost-Berlin erkannte er schnell seinen Fehler und stellte nun offiziell einen Ausreiseantrag. Einen Monat vor Maueröffnung durfte er offiziell ausreisen.

Die beiden Männer leben heute in Mitte und arbeiten als Stadtführer. In der Ausstellung haben sie sich zum ersten Mal getroffen. Wahrscheinlich werden sie sich jetzt öfter sehen und ihre Geschichten erzählen. Sie wurden gefragt, ob sie in der neuen Ausstellung Führungen machen würden. Das ist für sie keine Frage: Ihre Geschichten sind schließlich Teil der Geschichte.

The Wall Museum East Side Gallery, Mühlenstraße 78–80, Geöffnet ab 26. März, täglich 10–19 Uhr,
Eintritt 12,50 Euro/erm. 6,50 Euro.
Kinder bis 10 Jahre frei.

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