Das Jagdschloss Grunewald ist der älteste erhaltene Schlossbau Berlins. Da muss doch das eine oder andere Geheimnis zu lüften sein?! Björn Ahlhelm, Kastellan und damit Schlossverwalter, verrät zumindest eines.

Wir treffen uns vor dem Renaissance-Portal, aus Sandstein gearbeitet und über der Eingangstür verziert mit einem Relief von zwei tödlich ineinander verkeilten mächtigen Hirschen. Auf den ersten Blick ist nichts Auffälliges zu entdecken. Auch beim zweiten und dritten ist außer einer natürlichen Verwitterung nichts Außergewöhnliches aufzuspüren. Was also ist hier so geheimnisvoll?

Strauchelndes Strichmännchen ist es eine Rarität

Björn Ahlhelm weist auf ein paar nur schwer zu entdeckende, eingeritzte Zeichen in einem Sandsteinblock des linken Portalpfostens. „Das ist das Zeichen des Steinmetzes, der dieses Stück gefertigt hat. Seine Unterschrift oder sein ganz persönlicher Stempel am Werkstück.“

Worauf der Schlossverwalter da in etwa zweieinhalb Metern Höhe zeigt, sieht ein bisschen aus wie ein strauchelndes Strichmännchen. Dabei ist es eine Rarität. Sichtbare Steinmetzzeichen, die schon bei den Römern bekannt waren, sind an Berliner Profanbauten höchst selten.

Am Jagdschloss Grunewald, 1542/43 erbaut vom brandenburgischen Kurfürsten Joachim II. (1505-1571) im Stil der Frührenaissance und 1705 bis 1708 in die heute dominante barocke Anlage umgestaltet, wurden die der Hieroglyphenschrift ähnlichen Zeichen auch erst sehr spät entdeckt. Nämlich bei Renovierungsarbeiten zur Kaiserzeit um 1905. Die volle Erfassung von insgesamt 98 „Signaturen“ von Steinmetzen, die vor fast einem halben Jahrtausend hier ihre Spuren hinterlassen haben, gelang erst 1984.

Und welche tiefere Bedeutung hatten sie? „Sie hatten zwei Funktionen. Am Ende ihrer Ausbildung erhielten die Steinmetze schon damals wie noch heute ihr ganz persönliches Steinmetzzeichen, quasi ihr persönliches Logo“, erzählt Ahlhelm. Und die zweite?

„Wie auch noch heute wurden die Werkstücke nicht vor Ort, sondern auf einem Bauhof erarbeitet. Die Steinmetze erhielten dort ihre Aufträge, etwa eine bestimmte Anzahl von Fensterrahmen, Quadern, Bögen oder Ornamenten zu fertigen. Für die Abrechnung, wer welches Stück und wie viele er abgeliefert hatte, war eine persönliche Signatur nötig. Und dafür hatte jeder Steinmetz sein eigenes Zeichen.“

Das Berliner Jagdschloss „Zum grünen Wald“ wird zu Grunewald

Aber warum sind die heute nur noch so selten nachweisbar? „Meist waren diese Zeichen bewusst an Stellen eingeritzt, die unsichtbar nach innen vermauert wurden. Sie hatten ja, sobald sie verbaut waren, keine Funktion mehr“, erklärt der offiziell als Schlossbereichsleiter Jagdschloss Grunewald der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ausgewiesene Björn Ahlhelm. „Beim Bau am Ufer des Grunewaldsees war das anders. Es wurde nicht so genau genommen, weil die Fassade verputzt wurde und damit die Steinmetzzeichen ohnehin unsichtbar wurden.“

Sichtbar wurden sie erst Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, als es modern wurde, Natursteine und altes Mauerwerk wieder freizulegen. Aber auch dann verschwanden sie schon bald wieder. Der heutige weiße Putz wurde 1963 aufgetragen und erinnert an den Originalzustand.

Die Steinmetze, die am Jagdschloss arbeiteten, stammten vor allem aus Sachsen. Kurfürst Joachim war sehr oft zu Besuch am befreundeten Hof im sächsischen Torgau und wählte das dortige Schloss Hartenfels zum optischen Vorbild für das Berliner Jagdschloss.

Er nannte es „Zum grünen Wald“, woraus die Berliner um 1800 Grunewald machten. Weil es in Brandenburg kaum Steinmetze gab, holte sie der Bauherr eben aus Sachsen mit seinen zahlreichen Sandsteinbrüchen.

Björn Ahlhelm ist übrigens Diplom-Museologe. Das kann man in Berlin und Leipzig studieren. Dabei werden die Lernenden auf alle organisatorischen Dinge rund um das Museum vorbereitet.

Im Schloss hängen einige Gemälde von Lucas Cranach

Zum Schluss bitte ich um eine kleine Führung durch das Schloss, das seit 1932 ein museales Kleinod ist. Es zeigt mit 30 Werken Berlins umfänglichste Sammlung von Gemälden Lucas Cranachs des Älteren (1472-1553) und seines gleichnamigen Sohnes (1515-1586). Beide zählen zu den bedeutendsten deutschen Malern und Grafikern der Renaissance. In einem anderen Saal ist Brandenburgs ehrwürdige kurfürstliche und königliche Ahnengalerie zu besichtigen.

Was wäre ein Jagdschloss ohne einen zumindest bescheidenen waidmännischen Ausstellungsraum? Der findet sich natürlich auch. Nicht im Schloss selbst, sondern gegenüber in einer einst von Friedrich dem Großen (1712-1786) als Jagdmagazin errichteten 38 Meter langen Halle. Zu königlichen Jagden wurde im Grunewald bis 1904 geblasen. Dann wurde es zu gefährlich, weil sich immer mehr Berliner im Wald und auf der Heide tummelten, der Grunewald vom Jagdrevier zum Ausflugsziel wurde. Es gibt also im Jagdschloss Grunewald viel zu entdecken.

So gehts zum Jagdschloss Grunewald: Von der Clayallee aus der Stadt kommend rechts in den Hüttenweg bis zum Parkplatz am Restaurant Paulsborn, dann zu Fuß etwa 300 Meter bis zum Schloss; oder über die Avus bis zur Abfahrt Hüttenweg, auf den Hüttenweg, über den Kleinen Stern bis zum genannten Parkplatz. Geöffnet: April bis Oktober Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr.